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Alkohol

Stellung des 16. Jahrhunderts dazu

Eine „Alkoholfrage“ existierte im 16. Jahrhundert nicht. Der Begriff stammt aus dem 19. Jh. und beinhaltete die Frage, was gegen die physische und psychische Abhängigkeit vom Alkohol zur Besserung der Volksgesundheit unternommen werden solle.

Die folgenden drei Punkte liegen der veränderten Wahrnehmung zugrunde:
1. Führte damals ein neues Trinkverhalten zur Problematisierung des damaligen Alkoholismus, der tatsächlich gravierend war: In den Jahren 1880-84 betrug der Pro-Kopf-Konsum an reinem Alkohol in der Schweiz jährlich 14,3 Liter! Zwar war das Trinken von Wein, Bier und gebranntem Wasser auch in der Alten Eidgenossenschaft nichts unbekanntes, doch verhinderten die alten Sittenmandate das Aufkommen einer „Alkoholfrage“. Als sich Freiheit und Demokratie durchzusetzen begannen, wurde die alte Zwangsregulierung abgeschafft und dem neuen Trinkverhalten die Bahn gebrochen. Hinzu kam noch ein neues erfolgreiches Produkt: Nachdem in den 1770er Jahren die Kartoffel in die Volksernährung eingeführt worden war und die Brenntechnologie sich vereinfacht hatte, dehnte sich nach 1815 der Konsum des sogenannten „Härdöpfelers“ in weiten Teilen der Schweiz schnell aus. Besonders unter der Arbeiterschicht fand dieser billige Schnaps grossen Absatz.
2. Trug ein neues, wissenschaftliches Alkoholwissen zur breiteren Problematisierung bei. Der Alkoholismus wurde neu mehrheitlich medizinisch betrachtet, nicht mehr als eine Sünde oder Willensschwäche, sondern als eine Krankheit, die durch Therapien korrigierbar oder durch Präventionen vermeidbar ist.
3. Wurden die sozialen Probleme neu wahrgenommen. Man beobachtete, wie die industriellen Lebens- und Arbeitsbedingungen das Trinken besonders von billigem Schnaps förderten und dadurch viel Elend verursachten.

Der Alkoholkonsum im 16. Jh.
Wein und Bier waren in der Frühen Neuzeit bekannt und verbreitet, während Branntwein zu dieser Zeit kein Genuss-, sondern ein Arzneimittel war. Der Konsum von Schnäpsen setzte sich erst im Verlauf des 17. Jh. durch.
In Zürich wurde zur Reformationszeit wenn überhaupt, dann nur selten Bier gebraut. Jedenfalls gab es keine Bierbrauer in den Zünften, und Bier galt nach dem Bericht eines Chronisten in der Limmatstadt als ein minderwertiges Getränk. Möglicherweise war ein gewisses Konkurrenzdenken Grund für diese feindliche Haltung gegenüber Malz und Hopfen, da Zürich ein traditionelles Weinbaugebiet war (das rechte Zürichseeufer und das Limmattal) und die Winzer ihren Marktanteil nicht an andere verlieren wollten. Über den Zürcher Wein waren die Zeitgenossen geteilter Meinung. Der bekannte Theologieprofessor Petrus Vermigli aus Florenz, welcher von 1556 an für einige Zeit in Zürich wohnte und lehrte, bestellte einmal Stammheimer Wein mit der Begründung, er wolle sich vom Zürcher Wein keinen Nierenstein holen; von allen Zürcher Weinen sei der Stammheimer noch der geniessbarste.

Besonders beliebt war das gruppenintegrierte Trinken von Wein. Als sich im Mittelalter die Handwerker in den Zünften und der Adel in der Gesellschaft zur Konstaffel organisierten, richteten sie sogenannte Trinkstuben ein, ein Ort des geselligen Beisammenseins. Auch die Handwerksgesellen und die Geistlichen in der Stadt hatten ihre Lokale, wo sie zu gemeinsamem Essen, Trinken und zum Spielen zusammenkommen konnten. Und schliesslich gab es noch die Wirtshäuser. In diesen Trinkrunden kam es infolge des Spielens oder anderer Gründe immer wieder zu Streit und Handgreiflichkeiten. ... [Rest verloren]

Ch. Scheidegger am 17. Januar 2001 (bearb.)