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Ablass

Ablasshandel

Ablass (lateinisch Indulgentia) wird der Brauch in der römisch-katholischen Kirche genannt, irdische Sündenstrafen ganz oder teilweise zu erlassen und durch die Erfüllung bestimmter Leistungen wie z. B. von Gebeten oder guten Werken zu ersetzen. Ablass wird von einem kirchlichen Würdenträger gewährt und gilt als eine besondere Form der Fürbitte, welche die Gesamtkirche in ihrer Liturgie und ihren Gebeten um Versöhnung eines lebenden oder toten Kirchenmitglieds leistet.

In der frühen christlichen Kirche erlegte der Gemeindepriester oder der Bischof allen schweren Sündern eine harte Busse auf. Man war der Ansicht, dass Sünder ihre Vergehen zumindest teilweise noch in dieser Welt sühnen mussten und nicht erst in der kommenden. Verschiedene Bussen wurden ihnen zur Sühne auferlegt: Fasten, Pilgerfahrten und andere zeitlich begrenzte, mehr oder weniger schwere Bussen. Schrittweise wurden geringere Andachtsübungen (wie Gebete) oder das Verteilen von Almosen in Verbindung mit Ablässen als gleichwertiger Ersatz für eine entsprechende schwere Busszeit eingeführt.

Erst im 12. Jahrhundert erörterte man theologisch die Frage des Ablasses. Zunächst lehnten viele die Praxis ab, doch gegen Ende des 12. Jahrhunderts nahm die Zustimmung unter den Theologen allmählich zu. Gleichzeitig wurde die Gewährung eines Ablasses in zunehmendem Masse ein Vorrecht des Papstes. Im Mittelalter kam es bei der Gewährung von Ablässen häufig zu Missbräuchen, zum so genannten Ablasshandel. Geistliche verkauften Ablässe, d. h. gewährten sie gegen entsprechende Bezahlung. Zugleich wurde behauptet, dass die Sünden auch ohne persönliche Reue des Sünders mit dem (gekauften) Ablass vergeben seien.

Dieser Missbrauch des an sich gut gemeinten Erlasses von Schuld war mit ein Anlass für die Kirchenreformen, die im 16. Jh zur Reformation führten. Die Reformatoren schafften den Ablasshandel und den Ablass generell ab. Die katholische und die reformatorischen Kirchen gehen seither bei dieser Frage getrennte Wege. Allerdings wird der Ablass in der katholischen Kirche inzwischen etwas zurückhaltender eingesetzt.

 Matthias Reuter (bearb.)

 

 

Huldrych Zwingli übte eine scharfe Kritik am Ablasswesen, von der er betonte, dass er sie nicht einfach von Martin Luther übernommen habe. Der Zürcher Reformator war natürlich über den Auftritt Luthers gegen den Ablass orientiert, doch fand er nach seinen eigenen Aussagen in Luthers Kritik nur wenig Neues. Zwingli hatte die Ablehnung des kirchlichen Ablasses schon sehr früh von seinem Lehrer Thomas Wyttenbach kennen gelernt und übte wahrscheinlich im Jahr 1518 selber spöttische Kritik, als der Minorit Samson in der Nähe von Einsiedeln als Ablasshändler auftrat. Die Verurteilung des kirchlichen Ablasses tauchte in seinen Schriften immer wieder auf (besonders in der 1523 veröffentlichten "Auslegung und Begründung der Thesen oder Artikel"), stand jedoch nie im Mittelpunkt in den von ihm geführten Debatten.

Ein offizielles päpstliches Dekret in der Form eines Briefes oder Bescheinigung garantierte den Erlass (den Ablass) von gewissen Strafen, die anfänglich mit Bussleistungen im Diesseits (zum Beispiel Almosen, Wallfahrten oder Fasten) verbunden waren. Die mit der Busse verknüpften Werke oder Strafen mussten je nach Fall aber auch im Jenseits geleistet werden, galten dann also fürs Fegefeuer. Deshalb erstreckte sich der Ablass, den man allmählich auch mit Geld erwerben konnte, auf die Strafen im Fegefeuer. Zwingli erklärte übrigens das Fegefeuer weil ohne Zeugnis in der Bibel als nichtexistent.

Erst nachdem der Gläubige bei einem Priester die Beichte abgelegt und die Absolution (Sündenvergebung) erhalten hatte, konnte er den Erlass/Ablass der Strafen erlangen. Der Kirche oblag es, aus dem Schatz der Sühneleistungen, dem Schatz der überzähligen Verdienste von Christus und den Heiligen, Strafnachlässe (Ablässe) zu verteilen. Die Gnade konnte durch diese Praxis zu einer billigen, handelbaren Ware werden: Als der Papst 1506 und 1517 einen Ablass verkündete, entstand ein regelrechter Finanzhandel mit Ablässen, mit welchem die Kirche und verschiedene Zwischenhändler das grosse Geld machten.

Zwinglis Kritik am Ablass
Der Zürcher Reformator verurteilte nicht nur den Missbrauch des Ablasses (besonders das finanzielle Geschäft der Kirche und der Ablasshändler), sondern lehnte den Ablass generell ab. Er wollte primär nicht etwas Bestehendes abschaffen, sondern zum ursprünglichen christlichen Erlass der Strafe zurückkehren. Die christliche Busse ist nach Zwingli nicht die Bezahlung einer Geldsumme oder irgendein frommes Werk, sondern die Reue des Menschen über begangene Ungerechtigkeiten und die Einsicht in die eigene Fehlerhaftigkeit. Die Busse lässt den Menschen an seiner fehlenden Gerechtigkeit und Seligkeit verzweifeln, bis er schliesslich zu Christus kommt und bei ihm Ruhe findet, da dieser die Strafe stellvertretend getragen hat.

Zwingli ordnete den Ablass in eine Reihe von kirchlichen Praktiken seiner Zeit ein, die er radikal ablehnte und als falschen Gottesdienst oder eine falsche Religion bezeichnete: "Auf Landstrassen hin und her zu den Heiligenbildern pilgern, Ablassbriefe kaufen, um Lohn beten und singen, Prozessionen veranstalten und in der Kirche die Wände vergolden ... sind reine Heuchelei." Demgegenüber bestehe der echte Gottesdienst darin, seinem Feind zu vergeben, Parteiungen zu meiden, den Finger mit dem man auf die Leute zeigt, gegen sich selber zu richten und seinem Nächsten Gutes zu erweisen.

Ch. Scheidegger am 02. Oktober 2000 (bearbeitet)