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Rede beim 9. Gebet und Zeichen für die Einheit von Christinnen und Christen in Zürich

„Vom Lindenhof zur Wasserkirche“, 14. September 2015

Liebe Schwestern und Brüder in Christus

Ich finde es super, dass Sie heute hier zusammen gekommen sind, Frauen und Männer aus vielen christlichen Kirchen und Organisationen, um ein Zeichen der Einheit zu setzen.

Im Namen der evangelisch-reformierten Landeskirche danke ich Herrn Neurohr und allen Initianten für die Einladung!

Wir stehen hier am Ort, wo vor 500 Jahren die Reformation in der Schweiz begann. Aus dem kleinen Anfang ist eine gewaltige Bewegung entstanden. Was in Zürich begann und über Genf in alle Welt hinausging, betrifft heute 80 Millionen Reformierte und 800 Millionen Christen weltweit – wenn man die „Enkelkinder“ der Reformation in Zürich mitzählt.

Die Schweizer Reformation, die am 1. Januar 1519 mit Huldrych Zwinglis erster Predigt im Grossmünster begann, hat einerseits die religiöse Freiheit und Vielfalt in der Schweiz ermöglicht. Erst durch den Bruch mit Rom wurde es denkbar, den christlichen Glauben anders zu verstehen und zu leben. Andererseits konnten sich die „Neugläubigen“, wie auch die meisten „Altgläubigen“ und Anabaptisten damals, gar nicht vorstellen, dass zwei Konfessionen friedlich koexistieren könnten. Intoleranz, Verfolgungen und Religionskriege waren die Folge.

Wenn wir uns als Christen – wie heute - auf unsere gemeinsamen Wurzeln in Jesus Christus zurück besinnen und die Vielfalt als Geschenk und gegenseitige Ergänzung oder heilsame Herausforderung sehen, kann das für uns und für die Gesellschaft, in der wir leben, nur ein Segen sein. Sie fragen nach den geistlichen Linien des kommenden Reformationsjubiläums.

Innerkirchlich geht es um die Stärkung der eigenen Identität

Für uns Reformierte ist es eine Gelegenheit, heraus zu finden, wer wir überhaupt sind, und wer wir sein wollen. Reformierte sind dafür bekannt, dass sie gerne „selber denken“. Sie  möchten sich nicht an ein Glaubensbekenntnis binden. Heute finden viele Reformierte keine Sprache mehr für ihren Glauben. Aber erst wenn wir wissen, wer wir sind, können wir überhaupt gute Dialog-Partner sein.

Wir wollen uns selbst-kritisch fragen, worauf sich unser Glaube bezieht, und auch welche Art von Kirche  unsere Gesellschaft braucht? Wie können wir dem Evangelium entsprechend nah bei den Menschen sein?

Ökumenisch geht es um Öffnung und Versöhnung

Es ist mir wichtig zu betonen, dass wir uns bei diesem Jubiläum auf keinen Fall nur um uns selber kreisen wollen! Wir wollen uns mit den anderen Kirchen zusammen überlegen, was wir als Christen kommenden Generationen weitergeben möchten.

Jesus Christus verbindet uns. Wir wollen mit unseren Geschwistern anderer Denominationen das Geschenk feiern, dass wir angenommen werden trotz unserer Schuld, dass alle Menschen mit der gleichen Würde geboren werden, dass die Liebe stärker ist als alles, was uns trennt. Und dass wir mit dem, was uns gegeben ist, dankbar arbeiten, damit wir mit anderen teilen können.

Es ist uns ein grosses Anliegen, dass wir diese Jubiläumsjahre als Gelegenheit nützen, um gegenseitige Verletzungen und historische Mitschuld an Verfolgungen aufarbeiten.

Busse für die Verfolgung der Täufer wurde seitens der reformierten Kirche schon öffentlich getan. Aber zur Schattenseite der Reformation gehört auch, dass ca. 100 Jahre nach Zwingli sogenannte Hexen und Sodamisten in Zürich verbrannt wurden. „Sodamist“ war das Wort, das damals für Homosexuelle gebraucht wurde. Diesem Thema wollen und müssen wir uns widmen.

Es ist tragisch, dass das Wort Gottes, das uns verbindet, oft zu Spaltungen geführt hat, weil die Menschen in ihren verschiedenen Kontexten die Worte verschieden auslegten. Es ist unsere Aufgabe als Christen, eine gemeinsame Grundlage zu finden und diese über äusserliche Unterschiede zu stellen. Das Evangelium verbindet uns mit allen anderen christlichen Kirchen und ist das Fundament  unseres Glaubens und der Ursprung unserer gemeinsamen Werte.

Historisch-politisch geht es um gesellschaftliche Relevanz

Auch für atheistische, agnostische und andersgläubige Menschen  müsste es wichtig oder wenigstens interessant sein, zu erfahren, woher die prägenden Werte unserer Gesellschaft kommen. Die Stadt und der Kanton Zürich anerkennen die Wichtigkeit des Jubiläums. Stadt, Kanton, die reformierte Kirche und Zürich Tourismus spannen zusammen, um dieses 500. Jubiläum gemeinsam zu gestalten. Sie haben zusammen einen Verein gegründet.

Im gemeinsamen Grundlagenpapier betonen sie, dass die Reformation des 16.  Jahrhunderts die Ideen von individueller Menschenwürde und Demokratie ebenso mitprägte, wie Unternehmergeist, Wertekanon, Bildungswesen, Kultur und Mentalitäten, und dies nicht nur in Zürich, sondern in der gesamten westlichen Welt.

Es gibt viel Faszinierendes zu entdecken über die Geschichte, die sich hier in Zürich abspielte: Die ersten Grundschulen, die erste Sozialfürsorge, das erste Zivilstandesamt, neue Rechte für Frauen, die Idee der Gewaltenteilung, die Grundsteine der Universität.

Viele Aktivitäten sind ab November 2017 bis November 2024 geplant, viele Projekte sind in Arbeit: Musiktheater, Spielfilm, Vortragsreihen, visuelle Installationen auf öffentlichen Plätzen in der Stadt, Bücher, ein Mittelaltermarkt mit Spektakel auf dem Münsterplatz, ein Mysterienspiel, ein Singspiel von Andrew Bond, Ausstellungen.

Aber weitere Ideen sind noch willkommen. Eine hohe Partizipation ist angestrebt! Selten hat der christliche Glaube die Chance, so öffentlich thematisiert und wahrgenommen zu werden. Anfang 2017 kommt der europäische Stationenweg für zwei Tage nach Zürich (voraussichtlich in die Bahnhofshalle). Die reformierte Kirche teilt sich wegen der versöhnten Beziehungen zum Täufertum diese zwei Tage mit den Mennoniten.

2017 ist europäisch das Lutherjahr (der Anschlag der 95 Thesen in Wittenberg), in der Schweiz aber auch 600 Jahre Bruder-Klaus-Gedenken. Die Reformierten bemühen sich darum, dass beides (wie überhaupt das ganze Reformationsjubiläum) so ökumenisch verbunden wie möglich gefeiert werden kann. Zu den Freikirchen und Migrationsgemeinden suchen wir auch verstärkt den Kontakt.

Glücklicherweise wird die Baptist World Congress im Jahr 2020 in Zürich tagen.

Sie haben gefragt, Herr Neurohr, ob das jährliche Treffen am Stadtheiligenfest in einem der kommenden Jahre einen besonderen Akzent bekommen könnte.

Wir könnten uns vorstellen, das Zürcher Pietisten Mandat von 1717 im Jahr 2017 zu thematisieren. Es gehört auch zu den Schattenseiten der Reformation und steht für das faktische Verbot der Pietisten in Zürich. Es wurde nie aufgehoben. Wir könnten dieses Datum zum Anlass nehmen, das Verhältnis der Landeskirchen zu den Freikirchen neu anzuschauen.

Unser Motto ist:

Jubilieren ist Feiern für die Zukunft. Unser Blick auf die Vergangenheit macht uns fit für die Zukunft.

Wir hoffen auf ein gutes „Healing of Memories“ – Heilung der Erinnerungen, damit wir alle als Glieder am Leib Christi zum Haupt hinwachsen und seine Liebe auf Erden mit Worten und Taten bezeugen.

 

Pfarrerin Catherine McMillan, Botschafterin für das Zürcher Reformationsjubiläum

14. September 2015 

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