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#9: Die Schweizer Reformation auf über 700 Seiten

Rezension zum Buch: "Die Schweizerische Reformation. Ein Handbuch."

Unter den bisherigen Reformationsjubiläen nimmt das Jahr 2017 eine besondere Stellung ein: Zum ersten Mal in der Geschichte der Eidgenossenschaft wird das Gedenken nicht nur mit einer auch explizit ökumenischen Perspektive begangen, sondern überhaupt gemeinsam: Alle Landeskirchen mit ihrer je eigenen Reformationsgeschichte und eigenen Gestalten und Figuren haben sich entschieden, die Reformation als Ereignis und Bewegung zu würdigen.

Gemeinsam mit dem Blick auf die Besonderheiten: Die schweizerische Reformation war zum einen Teil einer umfassenden Bewegung, die im Lauf des 16. Jahrhunderts das Gesicht Europas veränderte. Das geschah hierzulande auf eigene Weise – und darüber hinaus „von Kanton zu Kanton“ noch einmal mit Unterschieden.

Nun erscheint sozusagen das Buch zum Film: Zum Ende des europäischen Jubiläumsjahres legen Martin Ernst Hirzel und Frank Mathwig die deutsche Fassung eines vor einem Jahr auf Englisch erschienen Handbuchs vor, das die Eigenheiten der Schweizer Reformation – oder besser: Reformationen – beleuchtet und zweifellos für Jahre Standards setzen wird. Es war Zeit, sagt auch die Fachwelt, nachdem seit Gottfried W. Lochers (Die Zwinglische Reformation im Rahmen der Europäischen Kirchengeschichte, 1979) und Bruce Gordons (The Swiss Reformation, 2002) Werken, den letzten Jubiläen (Bullinger 2004, Calvin 2009) zwar einige wertvolle Studien und laufend Quelleneditionen, aber keine umfassende Darstellung eines der wichtigesten Ereignisse der Schweizer Geschichte mehr erschienen ist.

Die neuen religiösen Auffassungen lösten von Zürich und den anderen Städten ausgehend Konflikte aus, welche das Vertrauen zwischen den Orten erschütterten und den Zusammenhalt der Eidgenossenschaft infrage stellten. (Bullinger selbst dachte 1532 über die Auflösung der alten Bündnisse nach.) Der starke Einfluss des Humanismus (Erasmus), „das Streben der Gemeinwesen nach kirchlicher Eigenständigkeit, die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen – das alles zusammen gab der Reformation in der Schweiz ihr unverwechselbares Profil.“ (TVZ)

Detailliert zeichnet das Handbuch nach, wie es zwischen Boden- und Genfersee „von einer diffusen Bewegung zu einer konsolidierten Kirchengemeinschaft mit wohldefinierten Glaubenssätzen und Praktiken“ in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Ausprägungen kam. Nach einer Skizze der Hintergründe werden im zweiten Abschnitt die Ausbreitung der protestantischen Bewegung über das ganze 16. Jahrhundert und – ein grosses Verdienst dieses Werks – darüber hinaus in den Städten und ihren Landschaften („Kantone“) beschrieben: Zürich, Bern, Basel, Schaffhausen St. Gallen, in den ländlichen Gebieten wie Graubünden, Appenzell und in der französischsprachigen Schweiz. Neben Erfolgen werden auch Misserfolge nicht ausgespart. Die Kapitel des dritten Abschnitts beleuchten ausführlich die Wirkungen der Reformation in Theologie und Kirche, Schule und Bildung, Gesellschaft, Politik und Kultur. Nicht nur die institutionalisierten Kirchen: Auch der Täuferbewegung ist eine eigene Betrachtung gewidmet.

Allerdings: Wer sich an ein solches Unterfangen wagt und dafür die Bezeichnung „Handbuch“ wählt, weckt gerade dadurch auch Erwartungen: Es braucht etwas Vorwissen über die Begriffe der politischen Struktur der Eidgenossenschaft mit ihren Orten, Städten und Landschaften, damit man aufgrund des Inhaltsverzeichnisses nicht in Versuchung gerät, von den heutigen Kantonen auszugehen. So finden sich St. Galler wie Appenzeller Gebiete etwa auf mehrere Kapitel verteilt behandelt, obwohl St. Gallen ein eigenes Kapitel eines anderen Autors gewidmet ist. Es braucht eine eigentliche Spürnase, wenn man die nicht eigens im Inhaltsverzeichnis aufgeführten Orte oder Kantone wie den Thurgau finden möchte: Ein Abschnitt im Kapitel „Gescheiterte Reformationen“ widmet sich mit einer Betrachtung über die „Länderorte und Herrschaften“ diesem Gebiet. Dieser Umstand ist der Tatsache geschuldet, dass die Kapitel des Handbuchs wohl leider etwas für sich alleine und ohne vergleichbare Struktur dastehen, kein roter Faden durch das ganze Werk führt. Abhilfe schafft dafür ein sehr sorgfältig gestaltetes Register.

Der letztgenannte Abschnitt über die „Gescheiterten Reformationen“ ist zwar gut gemeint, mag aber etwas irritieren, nicht nur aufgrund seiner Lage in der Kapitelstruktur, inmitten der zu behandelnden Gebiete. Der Begriff des Scheiterns insinuiert, dass es sich bei der Reformation um eine gesteuerte Absicht und nicht um einen Prozess mit offenem Ausgang handelt, was die Bewegung ja eigentlich war.

Trotzdem: Das Werk überzeugt in seiner Aufmachung mit schönen Illustrationen und viel aktueller Literatur. Der umfassende Anspruch und der Blick auf ein internationales und ausdrücklich breites Publikum gefällt, ebenso, dass eine Auseinandersetzung mit der Theologie der Reformation geschieht, was man sonst in historischen Handbüchern eher vermisst. 

Amy Nelson Burnett und Emidio Campi (Hg.): Die Schweizerische Reformation. Ein Handbuch. Deutsche Ausgabe im Auftrag des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes hg. und bearb. von Martin Ernst Hirzel und Frank Mathwig, TVZ Theologischer Verlag Zürich, Zürich, 2017. 744 Seiten, Fr. 90.00.