Message

#6: «Macht hoch die Tür…» – Gedanken aus der Werkstatt

Seit etwas mehr als einem Jahr ist es meine Aufgabe, das landeskirchliche Reformationsjubiläum mitzugestalten, zu planen und zu koordinieren. Ein halbes Jahrtausend würdig und sinnvoll zu behehen, ist eine grosse Herausforderung – für alle Beteiligten. Und man wird es nie allen recht machen können, aber alles was recht ist: Wir haben Grund genug, selbstbewusst zu feiern.

Kürzlich wurde ich eingeladen, zum Jahreswechsel im Sinne eines Werkstattberichts über die Planung des anstehenden Reformationsjubiläums zu berichten. Advent im eigentlichen und übertragenen Sinn. Was kommt denn da auf uns zu, und: Sind wir bereit?

Viel ist geschehen im vergangenen Jahr, vieles hat sich in der Kampagnenplanung konkretisiert und macht mit der Gestaltwerdung Freude. Eine intensive Zeit der vielen Neu- und Umgestaltungen, aber auch der Erklärungsversuche. – A propos: Traditionen verstehen sich ja nie von selbst. Dass selbige seit einiger Zeit bröckeln und damit die regelmässige Übersetzung nicht mehr lückenlos geschieht, ist mittlerweilen hinlänglich diagnostiziert. Erklärungsversuche stellen daher nicht nur, aber besonders ausserhalb der gewohnten kirchlichen Milieus regelmässig eine interessante Herausforderung dar. So kommt es nicht selten vor, dass ich auf dem Arbeitsweg im Zug, im Freundes- und Bekanntenkreis regelrechte Referate über Ursprung, Sinn und Inhalt der Reformation und das Begehen ihres Jubiläums halte. Ich mache das gerne, auch wenn ich bisweilen vor geschlossene Türen oder ins Wundern gerate. «Nein, es war nicht Martin Luther King, der die Reformation angestossen hat» – wenngleich er sie gewissermassen fortgeführt hat. «Wieso lesen Sie dieses Buch über diesen Ketzer?» - Und so weiter.

Dass ich in meiner Familie nicht immer erschöpfend darlegen kann, womit ihr Spross seit Jahren im fernen Zürich seine Brötchen verdient, ist mir nicht neu. Aber im Jahresrückblick kommt mir eine lustige Geschichte in den Sinn: Im Sommer habe ich meiner italienischen Familie und Freunden zu erklären versucht, was ich beruflich tue. «Ich gestalte, plane, koordiniere …hmm... das Jubiläum unserer Kirche: il giubileo della nostra chiesa…»

Wissen Sie, welche die überraschendste Reaktion auf diesen Übersetzungsversuch war? Sinngemäss: «Oh, beeindruckend. Und wie ist es so, mit dem Papst zusammenzuarbeiten?»

Ich habe es selbstverständlich noch nicht aufgegeben, immer wieder zu erklären, für welche Kirche ich arbeite. Dass auch wir Teil der einen katholischen Kirche sind, gehört zu unserer eher internen Kirchensprache und würde die Erklärungen sicher verkomplizieren. Aber dass ich für oder mit dem Papst arbeiten sollte, das hat mich für den ersten Moment baff gemacht.

Nun, ich bin erst kürzlich darauf gekommen, wie dieser Schluss zustande gekommen ist. Sie ahnen es: Das Jubiläum – il giubileo – das ist eben nicht das, was wir Reformierte damit meinen. Die katholische Kirche hat sich diesen Ausdruck um 1300 aus der Bibel geschnappt und daraus eine eigene Gedenkzeit geschaffen. Die Erinnerung an die Geburt Christi. Das letzte Heilige Jahr, wie es auch heisst, ist soeben zu Ende gegangen.

Obwohl ich in der Übersetzung des Begriffs Jubiläum einem sogenannten «falschen Freund» aufgesessen bin, verhält es sich real ganz anders: Bevor Papst Franziskus die Heilige Pforte am Petersdom am 20. November wieder verschlossen hatte, das Zeichen für das Ende des Heiligen Jahres, hat er am Reformationstag die Lutheraner in Schweden besucht. – Ein Papst, der also durchaus hoffnungsvolle Zeichen aussendet, mit seinem Namen und auch mit Gesten Türen öffnet.

Das Heilige Jahr ist ausserhalb des sonst üblich gewordenen Rhythmus zum 50. Jahrestag des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) ausgerufen worden. Es sei damit eine Einladung, das mit dem Konzil begonnene Werk fortzuführen. – Das zeigt für mich: Das Nachdenken über Reformation und die Weiterführung von Reformation ist nicht uns alleine vorbehalten. Das ist anschlussfähig, schliesslich wollen wir das Jubiläum oekumenisch feiern und das Gemeinsame betonen.

Ich will mich nicht darüber aufhalten, dass die Heiligen Jahre von der kirchlichen Tradition erfunden worden sind, um Ablass für Pilger zu erlangen. Was die Reformatoren davon halten, wissen Sie ja. Dass die regelmässig wiederkehrenden Jubiliäen im Alten Testament ursprünglich eine materiell gemeinte Entschuldung der nächsten Generation bedeuteten, wäre für die heutige Zeit durchaus ein Nachdenken wert, angesichts der Tatsache, dass die vorherrschende Wirtschaftsordnung ihr Wachstum stark auf Schulden begründet. – Aber lassen wir das.

Worauf ich als ritual-interessierter Historiker springe: Wissen Sie, mit welchem Zeremoniell die Päpste das Heilige Jahr eröffnen? – Mit dem Öffnen der Heiligen Pforte am Petersdom. Früher schlugen sie davor mit einem Hammer dreimal auf das Bronzetor. «Öffnet mir die Tore zur Gerechtigkeit.» Anschliessend wird die sonst zugemauerte Pforte aufgestossen, nach und nach öffnen sich auch die Heiligen Pforten anderer wichtiger Kirchen Roms. Das Tor verweist auf Christus, der sich als Tür anbietet (Joh 10,9).

Papst Johannes Paul II. hat auf den Hammer verzichtet, als er 2000 das letzte Heilige Jahr eröffnete; Papst Franziskus tat es ihm mit der Ausrufung des Heiligen Jahres gleich, lud aber die katholische Welt ein, überall in diesem Jahr der Barmherzigkeit Heilige Pforten zu öffnen. Da und dort wurde gehämmert.

Rückblick: 1500 war der von Zwingli massiv kritisierte Papst Alexander VI. an der Reihe, ein Heiliges Jahr zu eröffnen, ein Papst aus der berüchtigten Borgia-Familie. Die Tradition der Hammerschläge an die Pforte geht auf ihn zurück. Dass es ein goldener Hammer sein musste, verwundert nicht wirklich. Mit diesem Papst hatte sich abgezeichnet: Die Zeit für die Reformation war reif. Der goldene Hammerschlag schlug dem Fass vielleicht den Boden aus. Das Ablasswesen sollte erst noch so richtig blühen.

17 Jahre später hämmert wieder einer, er hämmert an eine Holztür und setzt damit eine Bewegung in Gang. Da wurde nördlich der Alpen eine Tür aufgestossen, die sich nicht mehr schliessen liess. – Auch in der Eidgenossenschaft war es bald soweit.

Zwingli nimmt aber keinen Hammer in die Hand, sondern macht sich selbst zum Werkzeug. Und das sind wir alle seither, im Priestertum aller Gläubigen, ein jeder nach seinen Fähigkeiten und Berufung. – Daran möchte ich auch in der Gestaltung des Reformationsjubiläums erinnern.

«Du bist Gottes Werkzeug. Er fordert deine Dienst, nicht deine Ruhe.» Ein bekanntes Zitat von Zwingli und eine Einladung an uns alle: zum Bau an der Kirche Christi und im Rahmen des Jubiläums konkret zur Teilnahme an den zahlreichen Aktivitäten rund ums Jubiläum, zum Mitdenken und wer mag: zum Mitwirken.

Packen wir’s an, nehmen wir den Hammer in die Hand. – Wann? – Klar, kein Jubiläum ohne Termin. Das Reformationsjubiläum bezieht sich aber nicht auf ein einzelnes Ereignis, sondern hat mehrfache Bezüge zu wichtigen Terminen der Reformations- und Kirchengeschichte. Sie wären übrigens nicht die Ersten, die sich wundern, dass wir schon 2017 feiern. Frei nach einem deutschen Journalisten: «Ein Datum kann noch so krumm sein, irgendwann wird eine runde Sache daraus!»

Unterdessen habe ich auch begriffen, dass ich nicht mehr vom giubileo sprechen sollte, anniversario trifft es besser. Aber Achtung: Wir feiern nicht Geburtstag, nicht den Termin einer Abspaltung oder Kirchengründung. Wir feiern nicht Daten und Personen, sondern eine europäische Bewegung, zu der auch wir Zürcher gehören. Darum 1517 und 2017. Und in diesem Zeichen raufen sich zum ersten Mal in der Geschichte die Schweizer Landeskirchen kantonsübergreifend zu einer gemeinsamen Reformationsfeier zusammen.

2019 jährt sich dann der Beginn der Reformation in Zürich zum 500. Mal. Für die Zürcher Landeskirche und ihre Kirchgemeinden ist das ein Grund zum Feiern. Das Jubiläum der Reformation ist Anlass, sich an die Erneuerung der Kirche vor 500 Jahren zu erinnern und gleichzeitig Anstoss, sich mit der Aufgabe und Rolle der reformierten Kirche der Gegenwart und ihres Reformationspotenzials für die Zukunft auseinanderzusetzen.

Die Zürcher Kirchenordnung spricht davon, dass die Zürcher Landeskirche die von Zwingli und Bullinger angefangene Reformation fortsetzt. Wir feiern also nicht primär ein historisches Ereignis vor einem halben Jahrtausend, sondern die seither anhaltende Bewegung. Eine zur Innovation fähige Tradition – nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.

Christinnen und Christen fragen nach dem Potenzial zur Erneuerung des durch die Reformation neu ans Licht getretenen Evangeliums: für das Individuum, für Gemeinde und Kirche sowie für Gesellschaft und Welt. Wo können wir alle Werkzeug sein?

Reformation war und ist eine verändernde Kraft, sie lehrt, kritisch nach vorne und niemals unkritisch nach hinten zu blicken. «Zwinglis Reformation reduzierte die kirchliche Lehre und Praxis auf das Wesentliche und Tragfähige, um Gott und den Menschen unter den damaligen Gegebenheiten zu dienen. Die heutige Aufgabe der Landeskirche ist keine geringere.» (Wegleitung). Wir möchten feiern, reflektieren und inspirieren.

Sowohl der Papst in Schweden als auch unser Kirchenbundspräsident im Rahmen des Schweizer Jubiläumsauftaktes haben auf ihre je eigene Weise von der Einheit der Kirche gesprochen. Sorgen wir mindestens dafür, dass nach dem Jubiläum keine Türen geschlossen werden. Darum lautet das Motto unserer Kampagne: «Jubilieren ist Feiern für die Zukunft.»

P.S.: Dass die Marketing- und Werbeindustrie im Rahmen des Reformationsjubiläums in Deutschland diverse Blüten getrieben hat, ist nicht neu – und doch tauchen immer wieder Überraschungen auf. Ein zufällig im Netz gefundenes «Gadget» ist so naheliegend, wie werbewirksam: Einen «Reformationshammer» hat diese Firma im Angebot. «Hammer Sache», es gibt schliesslich in einer stets zu reformierenden Kirche immer etwas zu tun! Siehe Link.