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#4: Zwingli auf dem Zürichberg

Seit alters her leben Menschen mit der Korruption, immer wieder wird sie bekämpft. Einer hat sich als Erster in der Eidgenossenschaft dagegen gestemmt - mit Teilerfolg. Was würde Zwingli Herrn Blatter raten?

Ein Thurgauer Kabarettist, der in seinem Repertoire eine fiktive Politikerfigur führt, kokettiert derzeit angesichts der anstehenden National- und Ständeratswahlen mit dem Slogan, man solle ihn, «Das kleinere Übel», wählen. Ob er damit seine Kompetenzen infrage stellt oder darauf hinweist, dass man bei einer Wahl sowieso nie so recht weiss, ob man in Bezug auf die wahren Absichten die Katze gewissermassen im Sack kauft, lässt er bewusst offen.

Wer die Wahl hat, hat zwar bekanntlich ohnehin die Qual, doch bezieht sich der Volksmund dabei vor allem auf den Schilderwald: Eine Unmenge an Portraits erinnert heuer eher an das Sammeln von Paninibildern (Köpfe und ihre Mannschaftszugehörigkeit), wie das ein Werber kürzlich bemerkte, und lässt die Botschaften im Grossen Ganzen vermissen. Unterschwellig weist die angesprochene Qual aber wohl tatsächlich nicht selten auf das kleinere Übel – und das gilt bestimmt für demokratische Systeme wie auch anderswo, wo man sich wählend entscheiden muss. Wer steht wofür (ein) und was tut er oder sie tatsächlich danach.

Die Schweiz gilt im internationalen Ranking zwar immer wieder als korruptionsfreie Zone. Doch lässt dieses Gütesiegel einen kritischen Geist doch immer wieder etwas zweifelnd zurück – man weiss ja, dass man keiner Statistik trauen soll, die man nicht selber erstellt hat, und schliesslich stellt sich einem doch immer wieder die ganz grundsätzliche Frage, was denn Korruption genau ist. Fängt sie beim Nutzen und Benutzen von Beziehungen an und hört sie bei bezahlten Gefälligkeiten im weitesten Sinn auf? Man mag sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass man hierzulande damit lange eher grosszügig verfahren ist. Mit Blick auf die Wahlen: Forderungen, Finanzierungen von Parteien offenzulegen, werden zumeist abschlägig und in der Begründung zumindest unbefriedigend beantwortet oder verschallen spätestens nach den Wahlen wieder. Man mag in diesem Zusammenhang auch nicht gern von Korruption sprechen.

Mindestens mit dem FIFA-Skandal (so es denn einer ist), in welchem es um Bestechung im Rahmen der Vergabe der Austragung von Weltmeisterschaften geht, ist das Thema und damit das Wort auch in der Schweiz wieder stärker präsent. Und beim neuerlichen Lesen über den Fall kam mir die Frage in den Sinn, was wohl Zwingli dazu sagen würde. Mal abgesehen davon, dass man ihm erklären müsste, was denn ein «gemeinnütziger Verein» (als was sich die FIFA deklariert) wohl sei, und dass es ein Massenphänomen namens Sport gibt, das heute Kräfte kanalisiert, die sich früher auf Schlachtfeldern erschöpft haben. Sport, der heute so vielschichtige Funktionen übernimmt, bisweilen spirituelle oder gar religiöse Bedürfnisse befriedigen kann und als sinn-volle Freizeitbeschäftigung gilt.

Rückblende: Winter 1518. Die Zürcher Chorherren brüten über zwei «Dossiers», mindestens zwei Bewerber über die frei gewordene Leutpriesterstelle am Grossmünster sind uns heute bekannt. Kandidat 1: Vater von sechs Kindern – wohlgemerkt katholischer Priester – mit nicht ganz eindeutigem Werdegang. Kandidat 2: Man hört, dass er in Einsiedeln eine junge Frau unklarer gesellschaftlicher Position geschwängert hat. Er hat gerade mal sechs Monate Theologie studiert, bevor er zum Priester geweiht worden war, entwickelt theologische und politische Tendenzen, die nicht allen geheuer und insbesondere nicht opportun erscheinen. Rückblickend kann man sagen, dass Kandidat 2 sogar noch eine ethisch-moralische Grenze überschritten hat, indem er sich bei Freunden im Wahlgremium nach dem anderen Kandidaten erkundigt und gehörig über ihn lästert hat, was seine Herkunft und Kompetenzen betrifft. Beide Männer also aus zeitgenössischer Perspektive nicht ganz ohne Fehl und Tadel – gewählt wird der intrigierende Kandidat 2: Zwingli. Eine richtungsweisende Wahl, wie man im Nachhinein weiss.

Und Zwingli entwickelt sich dennoch, wie Luther (vor allem im Kampf gegen den Ablasshandel) in Deutschland, zur ersten Stimme der Eidgenossenschaft, die am vehementesten zum Kampf gegen die Korruption aufruft. Für viele waren Ämterkauf, Begünstigungen und andere Machtmissbräuche schon längst zur zum Himmel schreienden Sünde geworden. Zwingli kämpft vor allem gegen das Söldnerwesen und seine korrupten Begleiterscheinungen, das sogenannte Pensionenwesen. Wer Söldner anwirbt, erhält von ausländischen Mächten Gelder zugesteckt, sogenannte Pensionen. Das gab es offiziell und ganz offen dank Bündnisverträgen, die die eidgenössischen Orte bereits kurz nach Marignano, zum Beispiel mit Frankreich, eingegangen sind, aber auch verdeckt: Ein ganzes Spitzelsystem von heimlichen Pensionenempfängern – einflussreiche Personen und Familien vor Ort – breitete sich in der Eidgenossenschaft aus. Nicht selten holten die gleichen Leute den Zustupf von mehreren Seiten und warben Munter junge Männer an, die Haus und Hof für die bekrönten Häupter und Höfe Europas verliessen. Auch in Zürich grassierte dieser Sumpf, wird aber seit längerem immer wieder heftig kritisiert. Zur Erinnerung: 30 Jahre vor Zwinglis Amtsantritt forderte in Zürich ein Korruptionshandel ein bekanntes Opfer, das sich heute in gleicher Denkmalsbronze in Sichtweite zu Zwingli vor dem Stadthaus auf dem Pferd aufbäumt: Bürgermeister Waldmann.

Was Zwingli zur Parteienfinanzierung heute, den verschiedenen zeitgenössischen Formen der Begünstigung und insbesondere zum FIFA-Skandal sagen würde, lasse ich hier offen. Es ist vermutlich auch den eingefleischtesten Fans klar, dass besonders internationaler Fussballsport schon längst Dimensionen angenommen hat, der an modernes Söldnertum erinnert und Finanzen in einer Maschinerie bindet, die sehr wohl anderweitig und tatsächlich gemeinnützig besser angelegt gewesen wären. Zwingli ging es damals um anderes. Eine Untersuchung über Zwinglis Haltung gegenüber körperlicher Ertüchtigung steht meines Wissens noch aus.

Als zunächst katholischer Priester hatte auch Zwingli sich mit dem Konzept der Sünde zu beschäftigen. Nicht umsonst spricht man hier auch von Schuld. Wer bestochen wird, macht sich ebenso schuldig, wie der Bestechende, in dessen Schuld man sich begibt. Gewundert hat es mich schon immer, warum Korruption nicht zu den Totsünden gehört. Vielleicht sollte es mich ja nicht wundern, wenn man bedenkt, dass Korruption – zumindest die Form mit dem grössten Schadenspotenzial – ein Pilz ist, der seit Menschengedenken im Umfeld von Macht erwächst. Nebenbei: Die sogenannt sieben Totsünden sind in Wahrheit zunächst einmal Charaktereigenschaften, also Laster, die zur schweren oder zur lässlichen Sünde führen können. Was als Totsünde angesehen wird, ist Definitionssache: Schwerwiegend in der Materie, aus freiem Willen geschehen und wissend um die Folgen und die Schwere der Tat. Gilt das für die Korruption erst, wenn der Druck der Öffentlichkeit zu gross wird? Zwingli jedenfalls hat es geschafft, eine Bewegung – die Reformation – auch mit diesem drängenden Thema zu verbinden. Nebenbei ist der Abschied von der Söldnerei einer der Gründe dafür, dass sich die reformierten eidgenössischen Gebiete wirtschaftlich stärker entwickelt und später eher industrialisert haben.

«Die reformierte Kirche, die alle korruptionsträchtig steilen Hierarchien schleift, legt … im protestantischen Raum den Boden für ein geistliches und weltliches Amtsverständnis, das radikal korruptionsfeindlich und dem Gemeinwohl verpflichtet ist (M. Beglinger, S. 87).»

Es liegt mir fern, mich weiter zu diesem Thema in aller Breite auszulassen und mir pauschalisierende Unterstellungen anzumassen, erinnere mich aber an das prophetische Wächteramt, das uns Reformierten auch als eine Form des ethischen Gewissens gegeben ist – wir haben die Wahl – und nach der Wahl ist wie immer vor der Wahl: Demokratische Mitbestimmung erschöpft sich nicht in der Delegation von Macht und Denken. Zwingli appelliert an unser Gewissen und unseren Sinn für das Gemeinwohl. Und damit Sie mich richtig verstehen: Ich habe nichts gegen Fussball. Aber wie alles so schön reformiert: In Massen (mit langem a). Ob auch auf dem Zürichberg Köpfe rollen werden, wird sich weisen. Ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Korruption.

 

Michael Mente, 6. Oktober 2015

 

Zum Thema vgl. aktuell: Martin Beglinger. Patrone, Günstlinge, Mafiosi. In: NZZ Geschichte, 3 (Okt. 2015), S. 80-92.