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#3: Reformationsjubiläum? Keine einfache Buchstabensuppe

Immer wieder werde ich gefragt, was ich beruflich tue und worum es eigentlich geht. Manchmal sind es ganz einfache Fragen. Aber wer hat es nicht schon erlebt: Gerade einfache Fragen machen oft sprachlos. Warum die Reformation? Warum Gott? Warum eine Kirche? Und: Was feiert ihr eigentlich?

Dass wir mit einer verbreiteten religiösen Sprachlosigkeit angesichts fortschreitenden Traditionsabbruchs konfrontiert sind, darf uns als Kirche nicht lähmen, sondern sollte uns längst zum Handeln bewegen. Keinesfalls dürfen wir uns dabei nur auf uns selbst beziehen. Das Reformationsjubiläum ist auch ein Kommunikationsereignis!

Und da beginnt es schon. Nicht nur, dass wir uns heute stärker denn je fragen, was uns die Reformation heute bedeutet und wer wir infolgedessen sind, müssen wir uns fragen: Was wollen wir den Menschen mit unserem Jubiläum eigentlich sagen? – Kürzlich habe ich mich im Rahmen meines Mandats im Jubiläumskomitee beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund an einem Workshop beteiligt, wo es genau um diese Frage ging. Was sind eigentlich unsere Botschaften? Ich als Nicht-Theologe war beeindruckt, wie schwer uns Antworten fallen.

Die Zürcher Landeskirche besteht aufgrund des Evangeliums und verkündigt seine befreiende Kraft in Wort und Tat. Doch wird die Botschaft heute noch gehört? Nach dem Internet und den mobil gewordenen Informationskanälen haben wir eine neuerliche mediale Revolution erlebt, deren Wirkungshorizont noch nicht absehbar ist. Aufmerksamkeit ist die höchst gehandelte Währung unserer Zeit: In einer Zeit der vielzitierten Informationsflut und einer Fülle von Heilsangeboten müssen wir uns vermehrt fragen, ob und wie wir gehört werden.

Eines meiner Lieblingsbilder auf der Zwingli-Tür am Grossmünster ist jenes, auf welchem der – wohl durch seine Arbeit – offenbar schwerhörige Glockengiesser Füssli ganz nahe an der Kanzel steht, seine Hand zur Muschel geformt ans Ohr hält und dem Wort lauscht. Wie lange hält wohl die Aufmerksamkeit unter diesen anstrengenden Voraussetzungen, wenn der Prediger nicht auf den Punkt kommt?

Wir haben nämlich sehr wohl Antworten. Nur: Was macht unsere Texte attraktiv? Wie vermitteln wir die auch heute noch aktuelle Sprengkraft der Worte?

Kommunikationsfachleute sagen es uns eigentlich sehr reformiert: Einfach und schnörkellos sollen unsere Botschaften sein! Jaja, einfach sein ist bei Gott keine einfache Sache, das weiss jeder Werbetexter. Die Reformierten verlieren sich gerne in vielen Worten. Die Anforderung ist nicht, infantil oder simpel zu werden. Es braucht Inhalte und Fragen, die herausfordern. Die Reformatoren räumten sinnlos und nur noch sinnlich gewordenen Schmuck aus den Kirchen, um den Fokus auf das Wesentliche zu richten; keine Ablenkungen. Das fordert heraus, plötzlich ist man auf sich zurückgeworfen, die nackten Wände reflektieren das Echo meiner Fragen, und was hat mir die Kirche dazu zu sagen?

Was sind die Kernelemente reformierten Glaubens? Botschaften in kurzen Sätzen sind gefordert: Die Reformierte Kirche muss das Elementarisieren wieder lernen und darf das Feld dabei nicht anderen überlassen.

Aus dem Prinzip «einfach» folgt das «reduziert»: Nur wenige Botschaften, die das Wesentliche zum Ausdruck bringen. Das kürzeste Kapitel der Bibel (Psalm 117) preist den Herrn, das längste (Psalm 119) spricht vom Vertrauen auf das Wort Gottes. Beides brauchen wir, aber nicht alle brauchen gleich viel davon. Erreichen wir Menschen, die in ganz unterschiedlichen Lebenswelten leben, an unterschiedlichen Stellen im Leben stehen, adressatengerecht oder lassen wir alle immer die gleichen Litaneien herunterbeten oder an ihnen abprallen? Können wir anderen gegenüber mutig von unseren Alleinstellungsmerkmalen an einer Hand abgezählt sagen: Das ist reformierte Kirche, reformierter Glaube?

Noch ist das Bedürfnis der Gesellschaft nach Spiritualität gross, und der Hunger nach Antworten – auch von uns – kann geweckt und gestillt werden, wenn wir unsere Kostgänger/innen mit ihren je eigenen Fragen kennen.

A propos Hunger: Laden wir die Menschen doch auf eine Suppe ein! Nicht, weil wir uns mit der Reformation oder ihrem Jubiläum eine eingebrockt hätten oder weil wir mit unserer Eigenständigkeit etwas auszulöffeln hätten, sondern weil gemeinsames Mahl verbindet. Suppe ist unter den Gerichten etwas vom Einfachsten, das wusste man auch in Kappel: Es bedurfte kaum vieler Worte, um die Männer in unterschiedlicher Meinung um den Topf mit Milchsuppe zu vereinen. Die Botschaft, die Symbolik der Tat war klar.

Eine Suppe wärmt und wird in mundgerechten Portionen genossen, sie besteht meist aus wenigen Zutaten, ihre Basis ist reduziert und darum intensiv im Geschmack. Kurz: Es ist etwas, das man sich gemeinsam auf einfache Weise auf der Zunge zergehen lassen kann, und jeder hat seine Rezepte.

Bilden wir aus der Buchstabensuppe jene Worte, die die Menschen brauchen, bevor sie kalt wird!

Einfach und reduziert – und: Wenige Botschaften für viele! Das müsste unser Credo sein, wenn wir wollen, dass das Reformationsjubiläum zum Erfolg wird, Appetit macht und mit seinen Antworten den Hunger nachhaltig, nämlich immer wieder, stillt.

Michael Mente, 4. September 2015