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#2: Reformation? - Ist mir nicht Wurst!

Im Anfang war die Wurst. – Auch wenn es in den Jahren seit Zwinglis Stellenantritt schon gehörig gegärt hat, darf das verschwörerisch anmutende Wurstessen während der Fastenzeit in Froschauers Stube trotzdem als so etwas wie der Urknall der Reformation angesehen werden. Nach dem bisher eher politischen Geschehen in Sachen Reformation ging es nun um die Wurst: die kirchenrechtliche Auseinandersetzung mit der Geistlichkeit. Und letztlich geht es um eine ganz entscheidende Frage: Wo ist der Mensch frei in seinem Tun?

Was immer man mit dem Begriff Freiheit im Einzelnen meinen mag, eine spannende Frage an die Symbolforschung ist es allemal: Gibt es in unserem Kulturraum eine Speise, die am ehesten Freiheit verkörpert? Kann man sich mit ihrem Verzehr gewissermassen diesen Wert verinnerlichen? – Wie wäre es mit der Wurst?

Am 1. August, dem Höhepunkt der Schweizer Grillier-Kampagne, werden in unzähligen Gärten, auf Hügeln, Wiesen und in Wäldern Fleisch sowie in hohem Mass Würste über das Feuer gehalten, um an die erkämpfte Schweizer Freiheit zu erinnern und entsprechende Bilder und Vorstellungen zu nähren. Des Schweizers liebste Wurst ist wohl der Cervelat, der bereits 1891 zum erstmals lancierten Nationalfeiertag verbraten wurde, in Urformen mit verschiedenen Rezepturen bereits im 16. Jahrhundert belegt ist und damit wohl auch den Reformatoren das Wasser im Munde zusammenlaufen liess. Auch die Bratwurst, dies nebenbei, blickt im St. Gallischen auf viele Jahrhunderte zurück. Ob Zwingli als Ostschweizer sie mit Senf gegessen und damit einen ersten kulturpolitischen Sakrileg begangen hätte, man weiss es nicht.

So oder so: Herr und Frau Schweizer grillieren gerne – so heisst das bei uns, Grillen konzertieren höchstens das Geschehen akkustisch – Würste, und es ist ihnen im Normalfall wörtlich Wurst, woraus sie gemacht sind, sie schmecken so, wie sie sind. Das ist der eine Ansatzpunkt zur Erklärung für die Herkunft der Redewendung, dass einem etwas Wurst ist: Es spielt angesichts des Genusses keine Rolle, aus welchen Materialien sie zusammengefügt ist. Oder man hinterfragt es am besten wohl auch nicht.

Und das Volk von einig Bratenden isst sie heute, wann es will. Limitierender Faktor ist das Wetter, und das kommt vom Himmel. Der Rest ist persönlicher Wille und Entscheidung. Das Verspeisen gibt eher Punkte auf der Körper- als der Seelenwaage, das Punktekonto auf der Einkaufskarte jubiliert. Nur ungern lassen sich die Akteure diese besondere Form der Freiheit durch geruchsbelästigte Nachbarn oder heikle Vermieter beschneiden. Sobald sich die ersten wärmenden Sonnenstrahlen zeigen, ziehen Bratdüfte durch die Quartiere. Ein Phänomen, das wohl nicht unwesentlich durch die Fleischzünfte und Marketingabteilungen der Supermärkte befeuert worden ist, ist mittlerweile Tradition geworden.

Zwar haben Schweizer Traditionen viel mit Freiheit zu tun, aber die Schweiz wäre nicht das basisdemokratische und liberale Land, das wir heute kennen, ohne die Errungenschaften der Reformation. Und diese wurde ganz entscheidend durch Würste in Gang gebracht – ob «Chlöpfer», wie der Cervelat auch gerne heisst, oder Bratwurst ist einerlei, ist Wurst. Aber es waren zwei, und ihr Verzehr zur obrigkeitlich verfügten Unzeit gab den Anstoss zur Reformation.

Neben dem Heiratsverbot für Priester gehörten die strengen Fastengebote zu den Gesetzen und Geboten, die sich für eine wachsende Zahl hinterfragender Geister nicht aus der Bibel ableiten liessen. Da Zwingli immer wieder darüber predigte, kam es eines Tages, wie es kommen musste. Es war an der Zeit, öffentlich Zeichen zu setzen. Am 9. März 1522, zu Beginn der 40 Tage dauernden vorösterlichen Fastenzeit hat Druckermeister Froschauer verschiedene Mitkämpfer, angesehene Bürger aus Zürich, zum Fasnachtsküchlein-Essen eingeladen. Auch Zwingli war zugegen. Sorgfältig prüfte Froschauer die Stimmung und blickte prüfend in die Runde, bis sich alle der Sache sicher waren. Er verschwand in der Küche und kam mit zwei dampfenden Würsten zurück in die gute Stube. Sollen sie es wagen? Aus den Worten wurden Taten. Wer sollte beginnen? Bekanntlich haben Würste zwei Enden, aber keinen Anfang. Das ist im Übrigen die zweite Erklärung für die Redewendung, dass einem etwas Wurst ist: Es spielt keine Rolle, wo man sie anbeisst. Indem die Würste aber in Stücke geschnitten wurden, konnte definitiv keiner den Anfang machen, es kam jedem im gleichen Mass an Mahl und Tat ein Anteil zu. Fast eine Art Abendmahl – auch dieses eine Geschichte, wo die Reformation durch den Magen gehen soll und auf die allergrösste Freiheit hinweist, die uns durch das Evangelium geschenkt ist.

Doch zurück in Froschauers Stube: Nur Zwingli enthielt sich der Tat. Klug bewahrt er sich mit dieser Entscheidung die Hände frei, indem er sich nicht direkt beteiligt, um nach der obrigkeitlichen Reaktion, die nicht ausbleiben konnte, die Reformation zu schützen und mit Worten und Argumenten in behutsamen Schritten weiter vorwärts zu bringen. Schon zwei Wochen später gibt Zwingli seinen Senf dazu, wenn man so will, der es in sich hatte: Seine Predigt „Vom Erkiesen (Wählen) und Freiheit der Speisen“ war der Anfang einer Revolution im Glaubenssystem der Zeit. Weder lassen sich Fastengebote mit der Bibel begründen, noch haben die Fastenbrecher aus Mutwillen oder aus Kühnheit gehandelt; es war ihr reines Gewissen, das sie zum Bruch mit von Menschen aufgestellten Regeln verleitet hatte. Zwar habe die Gemeinde jederzeit das Recht, Regeln zu erlassen, doch seien diese nicht göttliches Gesetz. Die Katholische Kirche habe das vergessen und sich über Gott gesetzt, ja, ihn mit ihren Regulierungen indirekt kritisiert, als ob er etwas versäumt hätte, seiner Schöpfung hinzuzutun. Fasten aus eigener Entscheidung und Demut – dem steht nichts entgegen, wenn es nicht zum Gebot wird, dessen Übertretung als Sünde geahndet wird (und von der man sich dann wieder freikaufen kann). Die Sünde besteht im Gebieten solcher Gebote. Der Rat gab Zwingli Recht.

So haben die „Chlöpfer“ zum „Chlapf“ (=Knall) geführt, und die Ereignisse weisen über sich hinaus. Jeder prüfe also sein Gewissen und sei frei zu tun, wie es ihm infolgedessen richtig scheint. Zwingli mahnt, man solle sich darüber nicht entzweien. Man lasse dem freien Christen die Wahl.

Was für eine Botschaft und wie modern, wie aktuell mir dies vorkommt! Die Reformation ist etwas für Leib und Seele. Umso mehr geniesse ich da meine Wurst, ob gebraten, gesotten oder roh – und verzichte zwischendurch auch gerne mal wieder, damit ich nicht zu viel sündige, Sie verstehen schon …

Michael Mente, 22. Juli 2015

Bild: Aus Wikipedia (Urheber: "Schofför")

Zum Nachlesen:

Zwinglis Schrift „Von Erkiesen und Freiheit der Speisen“