Message

Singen

Schon ein ganz kleines Lied kann viel Dunkel erhellen. Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen. (Zitate von Franz von Assisi und Yehudi Menuhin)

Singen lobt Gott!

Singen klagt zu Gott!

Singen betet zu Gott!

Singen beruhigt!

Singen ist Klang!

Singen belebt!

Singen ist Rhythmus!

Singen drückt mein Leben und meinen Glauben aus!

Singen hofft auf den Frieden!

 

In der evangelischen Kirche wird viel gesungen. Singen ist ein Markenkern und Alleinstellungsmerkmal der reformierten Kirche. Denn ohne Singen ist die Kirche kaum vorstellbar und nirgendwo in der Gesellschaft wird noch in dieser Weise gesungen.

 

„Singet dem Herrn ein neues Lied“

„Singet dem Herrn ein neues Lied“ – das ist eine Aufforderung, die in den Psalmen mehrfach zu lesen ist. Nicht nur in den bekannten Psalmen 96 und 98, wo dieser Spruch im ersten Vers quasi wie eine Überschrift steht, ebenso auch in den Psalmen 33,3; 40,4; 144,9; und 149,1. Ich lege hier ein spezielles Verständnis dieses Psalmverses zugrunde: „Singet dem Herrn immer wieder neu ein Lied!“ Jedes Lied, egal wie oft es schon gesungen wurde, erklingt im Singen „immer wieder“ neu.

Das Singen im Gottesdienst und in der Kirche soll die emotionale Gestimmtheit des jeweilig aktuellen Klangraumes erfassen und ausdrücken. Ausdrücken meint dabei mit Herz und Mund, mit Leib und Verstand, in Lob und Klage singen und klingen.

In der Singstudie „Singen in Gemeinschaft als ästhetische Kommunikation“ (erscheint 2017 bei Springer VS, Wiesbaden) habe ich das Erleben der Singenden in fünf unterschiedliche Gruppen einteilen können.

  1. Die Singenden fühlten ein „anregend-fröhliches Singen“.
  2. Bei anderen Liedern erlebten (wenige) ein „gemeinschaftsloses Singen“.
  3. Wieder andere Lieder wurden als „beruhigend und überwältigend“ erlebt.
  4. Eine überraschende Gruppe empfand einige Lieder als „misslungenes Singen“.
  5. Und die kleinste fünfte Gruppe hatte beim Singen ein „unangenehmes“ Gefühl.

Diese fünf Gruppen wurden beim Singen von 27 unterschiedlichen Liedern mit 1.512 Singenden ermittelt.

Die folgenden Abschnitte benennen einige Merkmale, die Liedübergreifend für die einzelnen Gruppen gelten. Diese Merkmale sind Hinweise, wie ein „anregend-fröhliches“ oder ein „beruhigend-überwältigendes“ Singen unterstützt werden kann und was vermieden werden sollte, damit das Singen nicht als „misslungen“ erlebt wird. Es sind aber keine kausalen Merkmale, im Sinne von: Wenn Du so oder so singst, dann fühlst Du Dich so oder so. Das Erleben beim Singen ist ein komplexes und kontingentes Geschehen, das in einigen Aspekten – vielleicht sind das die wesentlichen – unverfügbar bleibt.

 

  1. Merkmale des anregend-fröhlichen Singens

Um verbindende Merkmale für das anregend-fröhliche Singen zu finden, wurden die Lieder, die in dieser Gruppe stark vertreten sind miteinander verglichen.

  • Die Videos zeigen, dass bei den anregend-fröhlichen Liedern viele Singbegeisterte versammelt sind. Die Räume, Kirchen und Veranstaltungshallen, in denen gesungen wurde, sind dicht besetzt und zwischen den Singenden bleiben keine großen Lücken.
  • Das Singen in einer großen Gruppe Gleichgesinnter führt zu einer (relativ) fröhlichen Stimmung. Offenbar vertreibt Gemeinschaft Traurigkeit oder melancholische Stimmung.
  • Alle Lieder, die anregend-fröhlich wirkten, wurden angeleitet. Angeleitetes Singen bedeutet, dass eine kommunikative Situation entsteht und dass emotionales, kognitives und praktisches Erleben durch Sprache, Handzeichen und Vorsingen beeinflusst werden können. Dies ist in den Videos zu beobachten.
  • Die Stimmung ist relativ fröhlich. Es wird während des Singens dieser Lieder, wie die Videos zeigen und die Interviews erzählen, gelacht.
  • Körperlich sind die Singenden relativ aktiv. Bei den Gospelsongs stehen sie und klatschen, tanzen und bewegen sich im Rhythmus. Aber auch bei den eingeordneten Chorälen des Workshops wurden vier von sechs mit körperlicher Aktivität gesungen, vom einfachen Stehen über Einen-Rhythmus-Stampfen und -Klatschen, Aufstehen bei bestimmten Worten bis hin zu einem Schreittanz durch die Kirche.
  • Der Sound wird häufig durch einen Rhythmus beeinflusst, der entweder von einem Schlag­zeug stammt oder durch die Singenden selbst deutlich spürbar produziert wird – nur zwei der Choräle werden ohne rhythmische Aktivität und stärker auf den Klang ausgerichtet gesungen. Der Sound ist hell, positiv und drückt Zuversicht aus; vom gottesdienstlichen Singen unterscheidet er sich schon dadurch, dass keine Orgel erklingt.
  • Die Texte der hier eingeordneten Choräle sind alle zuversichtlich und thematisieren positives Erleben.
  1. Merkmale des gemeinschaftslosen Singens

In dieser Gruppe sind die Singenden versammelt, die nur wenig Gemeinschaft während des Singens erlebten. Merkmale kontextueller oder musikalischer Art, die zu einem gemein­schaftslosen Singen führen, sind hier nicht direkt abzuleiten. Vermutlich werden zum einen immer einige Singende – und das vielleicht aus individuellen Gründen – keinen Zugang zur Gemeinschaft der Singenden finden und zum anderen geht es eher um Strategien, wie das gemeinschaftslose Erleben vermieden werden könnte.

Folgende Aspekte, das wurde beobachtet, fördern oder behindern das Gemeinschaftserleben:

  • Wenn die Singenden in zu viele Gruppen eingeteilt werden, kann das Gemeinschafts­gefühl verloren gehen. Das betrifft vielstimmige Kanons ebenso wie experimentelles Singen mit vielen einzelnen Stimmen. Mehrstimmigkeit kann wunderbare Klänge hervor­ru­fen, Cluster können den Einzelnen einbinden, weil er einen spezifischen Ton zum Klang beiträgt, aber es bleibt eine Gratwanderung. Zu hohe Komplexität führt zur Vereinzelung der Singenden, denn sie sind dann, jede und jeder für sich und darauf konzentriert, die richtigen Töne zu singen.
  • Ein ähnliches Erleben kann auftreten, wenn individuelle Aktivitäten gefordert werden, z. B. wenn jede und jeder bei ihrem/seinem Lieblingswort aufstehen soll. Das bringt zwar Bewegung in die Singenden, aber es ist individuelle Bewegung, die das Gemeinschafts­erleben beeinflusst.
  • Wenn hohe kognitive Anforderungen an die Singenden gestellt werden, beispielsweise musikalisch-künstlerische Singweisen oder kontrapunktische Techniken oder die Auffor­derung, dass jede und jeder nur bestimmte Töne singen soll, dann ist die Konzentration durch die gestellte Aufgabe gebunden und das Gemeinschaftsgefühl schwindet.
  1. Merkmale des beruhigend-überwältigenden Singens

Das mehr oder weniger überwältigende und beruhigende Erleben während des Singens von christlichen Liedern kann durch kontextuelle und musikalische Merkmale beeinflusst werden:

  • Anders als bei der ersten Gruppe, die anregend-fröhliches Erleben beschrieb, ist es für eine Beruhigung hilfreich, wenn sich die Singenden aktiv auf die Musik und die entstehende Stimmung einlassen. Fröhliches Mitgerissenwerden ist einfach; selbst wenn einige Singende traurig und still bleiben, können andere ausgelassen singen. Eine beruhigende Stimmung für eine Gruppe zu erzeugen ist viel sensibler, denn ein oder zwei Störenfriede können die Beruhigung verhindern. Wie bei den Merkmalen der ersten Gruppe schon beschrieben, ist es in einer Gruppe schwieriger, traurig zu sein, als fröhlich.
  • Deshalb ist es hilfreich, wenn das Lied bekannt ist. Die ruhige und überwältigende Wirkung wird unterstützt, wenn die Singenden nicht mit ganzer Konzentration am neuen Text oder den unbekannten Noten hängen.
  • Der kulturelle Kontext, in welchem diese Lieder gesungen werden, und ebenso der Inhalt spielen eine Rolle. Beispielsweise wird „Befiehl du deine Wege“ häufig auf Beerdigungen gesungen und hat eine traurige Stimmung inkorporiert. Auch das Lied „Korn, das in die Erde“ wird hauptsächlich in der Passionszeit gesungen. Die Stimmungen der kulturellen Beheimatung haften an den Liedern, auch wenn sie einmal in anderen Kontexten gesungen werden. Allerdings gab es auch einige Lieder, die durch die Ausführungsweise entgegen ihrer kulturellen Prägung erlebt wurden, wie z. B. „Wohl denen, die da wandeln“ in Verbindung mit dem Schreittanz. Dieser Choral würde gut in den dritte Gruppe passen, es sei denn, wandeln wird mit wandern verwechselt.
  • Wie bei der ersten Gruppe kann angeleitetes Singen die Wirkung fördern, wenn z. B. musika­lische Parameter wie Lautstärke, weicher Klang, Klangfarbe oder Tempo beeinflusst wer­den. Oder wenn kontextuelle Parameter hinzutreten, z. B. eine emotionale inhaltliche Einführung (sprachlich oder gesanglich), die keine Predigt sein will, sondern eine knappe, wahrhaftige Aussage zur emotional-religiösen Stimmung des Songs. Dabei klingen textliche Komponenten mit.
  • Zu den sprachlichen Hinweisen gehört die Vermittlung des Bewusstseins, dass im Singen die Singenden die Welt beeinflussen.
  • Für eine beruhigende Wirkung des Singens mit einem überwältigenden Potenzial ist der Klang zentral und wichtiger als der Rhythmus. So wie der Rhythmus körperliche Aktivität bis hin zum Tanz initiiert, ruft der Klang eine mystische Beruhigung hervor, wie sie in Taizégesängen erlebt werden kann.
  • Musikalische Mittel für eine ruhige und überwältigende Wirkung sind lang ausgehaltene Töne, Bordunklänge, Akkorde oder Cluster, die fast zeitlos den Raum erfüllen. Dies ist in einigen Videos der vorliegenden Studie zu sehen, wenn aus dem bewegten Singen heraus unvermittelt Fermaten ausgehalten werden, z. B. bei „Amazing Grace“. Die wiegende Bewegung der Singenden kommt bei den ausgehaltenen Akkorden innerhalb weniger Sekunden zur Ruhe.
  1. Merkmale des misslingenden Singens

Diese negative Gruppe von Singenden ist ein bemerkenswertes Ergebnis, weil daran erkennbar wird, dass die konkrete Ausführung des Singens Einfluss auf das Erleben hat. Singen kann misslingen. Die analysierten kontextuellen und musikalischen Merkmale sollen im Folgenden Aspekte aufnehmen, die vermieden werden sollten, damit das Singen gelingt. Diese Aspekte, die während des Singens der untersuchten Lieder beobachtet wurden, haben hier durchaus eine große Nähe zu praktischen Empfehlungen für Singleiter/innen:

  • Das Singen von neuen Liedern und das Singen von alten Liedern in neuartiger Ausführung sind für das Singen in evangelischen Kontexten wichtig. Wenn alle Lieder nur den ästheti­schen Mainstream unterstützen und die „imaginative ästhetische Singpraxis“ nicht vor­kommt, dann ist das Ausdruck für ein verarmtes Singen von geistlichen Liedern. Doch bei neuartigen Singideen ist die Grenze zur übertriebenen Komplexität schnell erreicht. In den Gottesdiensten und Singveranstaltungen wurde beobachtete, dass wenn die Singenden überfordert werden, das Singen misslingt. Das gilt sicher auch in der anderen Richtung: Wenn das Singen zu banal ist und keinen reizvollen Klang hervorruft, ist es einfach lang­weilig. Dieses Phänomen wird in der umgekehrten U-Kurve für ästhetisches Erleben dargestellt; sowohl zu niedrige als auch zu hohe Anforderungen mindern den Singgenuss.
  • Die Beobachtung der musikalischen Komplexität bedeutet in der Singpraxis, dass es spezifische Grenzen des Singbaren gibt, die konkret für jede Gemeinde und Gruppe erkannt und beachtet werden sollten.
  • Aufgrund dieser benannten Komplexität brauchen die Singleiter/innen ein Gespür für das Gelingen des gemeinsamen Singens. Manchmal ist es notwendig, nicht alle überlegten Raffinessen durchzuführen und die eine oder andere Strophe einfach(-er) zu wiederholen.
  • Problematisch sind alle Lieder, die keine einfache und eingängige Melodie haben.

 

Die Gruppe, die das Singen als unangenehm empfand, wird hier nicht genauer besprochen, weil die Analysen ergaben, dass es immer nur sehr wenige Singende sind und wahrscheinlich individuelle Gründe zu diesem Erleben führten.

 

Eine „neue“ Sing-Idee mit einem alten Choral (zu Psalm 98)

Emotionale Episoden in dem Psalmtext:

Singet ein neues Lied dem Herrn, jauchzen, singen, rühmen, loben, mit Instrumenten und der ganzen Schöpfung. Gott ist König und wir jubeln ihm zu.

Stimmung

Singen bewirkt eine positive und gemeinschaftliche Stimmung. Der Text ruft eine fröhliche, fast ausgelassene Stimmung wach, die im Klang und Rhythmus unterstützt werden soll.

Atmosphärisches

Singen kommt von innen, aber es erklingt nach außen und bewirkt bei uns den Hörenden, dass die Stimmung beeinflusst wird. Singen kann unsere Freude ausdrücken, unseren Kummer vertreiben, uns zu einem gemeinschaftlichen Leben führen und die guten Taten Gottes verkündigen.

Sing-Idee

Das fröhliche Singen ist Thema. Der erste Psalmvers wird klangvoll gesungen und ein Rhythmus unterstützt die fröhliche Atmosphäre.

„Du, meine Seele, singe“ RG 98

Singet dem Herrn 6-stimm Noten.jpg

Dieser sechsstimmige Ruf soll durch den entstehenden weiten Klang ein Wohlgefühl erzeugen. Dafür ist ein Chor hilfreich. Dieser Ruf könnte durch einen Posaunenchor unterstützt werden – er sollte aber unbedingt vorab geprobt werden, damit die Intonation das Wohlgefühl nicht behindert! Falls die Gemeinde nicht sechsstimmig singen kann, wird ein ähnlicher Eindruck erreicht, wenn Männer und Frauen gleichzeitig den Ruf singen, also nur dreistimmig.

Nach diesem Ruf setzt ein Begleitrhythmus ein. Das laute Klatschen geschieht mit zwei etwas gewölbten Händen, sodass der Sound auch eher tief ist. Das leise Klatschen mit den gestreckten Fingerkuppen auf den Handballen.

Singet dem herrn Rhythmus.jpg

Ablauf:

  1. der Ruf „Singet dem Herrn ein neues Lied“ wird gesungen.
  2. der Rhythmus beginnt. Bei ungeübten Gemeinden wäre es gut, wenn eine bestimmte Gruppe für diesen Rhythmus zuständig ist, die dann vielleicht nicht so gut mitsingen kann.
  3. Die Gemeinde singt den Choral RG 98. Ich schlage die Strophen 1 + 3 + 6 vor.

Ziel

Die Singenden werden das Lob Gottes mit Stimme und Körper, mit Melodie, Klang und Rhythmus ausgedrückt haben.