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Christlich-Jüdischer Dialog

«Aufgrund der gemeinsamen Wurzeln von Judentum und Christentum ist die Landeskirche dem christlich-jüdischen Dialog verpflichtet. Sie pflegt insbesondere die Beziehung zu den jüdischen Glaubensgemeinschaften im Kanton Zürich». Kirchenordnung der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich, Art. 122.

Als Gründungsereignis christlich-jüdischer Verständigung im 20. Jahrhundert gilt die - vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Shoah einberufenen - Seelisberger "Dringlichkeitskonferenz gegen Antisemitismus" (auch "Internationale Konferenz von Christen und Juden"). Zweck und Ziel der Konferenz  ̶  welche 65 katholische, protestantische und jüdische  Männer und Frauen aus 19 Ländern  vereinte  ̶  war die Bekämpfung des Antisemitismus, die Überarbeitung der christlichen Lehre und Theologie und die Aufnahme des jüdisch-christlichen Gesprächs. Um diese Anliegen zur Sprache zu bringen, veröffentlichten die Teilnehmer einen Aufruf in Gestalt von zehn Thesen zur Neuorientierung in der christlichen Lehre und Verkündigung ("Eine Ansprache an die Kirchen"). Programmatischen Ausgangspunkt des jüdisch-christlichen Dialogs bildeten dabei die Forderungen an Christen, die jüdische Identität Jesu anzuerkennen und antijüdische Interpretationen der Passionsberichte zurückzuweisen. Die Seelisberger Thesen gelten als Magna Charta der jüdisch-christlichen Verständigung und als wichtige Marksteine auf dem Weg zur Konzilserklärung "Nostra Aetate" der katholischen Kirche von 1965, die einen grundlegenden Wandel der Sicht auf das Judentum markierte.

Neue Weichen im Verhältnis zwischen Christen und Juden stellten Repräsentanten des Internationalen Rats Christen und Juden (ICCJ) 2009 mit der Unterzeichnung des Aufrufs "Zeit zur Neu-Verpflichtung". Die zwölf "Berliner Thesen" erinnern an das Jubiläum der Seelisberger Versammlung, die zugleich der Ausgangspunkt des Internationalen Rats der Christen und Juden war. Sie richten sich an Christen und Juden gemeinsam und rufen im Sinne einer Neuverpflichtung zur gegenseitigen Achtung und Akzeptanz von Unterschieden auf.

Für einen qualifizierten Dialog zwischen Christen und Juden hat sich im Raum Zürich das 1994 gegründete "Zürcher Lehrhaus  ̶  Stiftung für Kirche und Judentum" verdient gemacht. Gemäss damaligen Statuten bezweckte die Stiftung «in Kirche und Gesellschaft zu wirken, der Begegnung von Juden/Jüdinnen und Christinnen/Christen zu dienen, das Gespräch zwischen ihnen zu fördern, durch pädagogische und publizistische Angebote zu helfen, von- und miteinander zu lernen und auf diese Weise dazu beizutragen, unter Christen/Christinnen und Juden/Jüdinnen das Wissen um sich selbst und den jeweils anderen zu vertiefen einander im jeweiligen Selbstverständnis zu verstehen und zu achten». Aufgrund der gesellschaftspolitischen Erfordernisse eines Dialogs mit dem Islam in Europa entschied sich der Stiftungsrat 1995, den Dialog auf einen Dialog zwischen den drei abrahamitischen Religionen auszuweiten und die Stiftung neu "Zürcher Lehrhaus  ̶ ̶  Judentum, Christentum, Islam" zu benennen (seit 2016 "Zürcher Institut für Interreligiösen Dialog", ZIID).

Ausgewählte Literatur zum Thema Christlich-Jüdischer Dialog

  • Paul Vogt. 1948. "Von der Notwendigkeit christlich-jüdischer Zusammenarbeit" [Vortrag gehalten an der Generalversammlung der Christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz vom 7. März 1948[. Zürich : Buchdruckerei Schwarzenbach.
  • Clemens Thoma. "Ansätze der Kirchen für den Dialog mit den Juden seit 1945". In: Clemens Thoma. 1982. Theologische Beziehungen zwischen Christentum und Judentum. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
  • Lukas Kundert. 2004. "Christlich-jüdischer Dialog in der Schweiz". In: Katja Kriener u.a. (Hg.) Lernen auf Zukunft hin. Einsichten des christlich-jüdischen Gesprächs – 25 Jahre Studium in Israel. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener, 213-220.
  • Theoriebildung im christlich-jüdischen Dialog: Kulturwissenschaftliche Reflexionen zur Deutung, Verhältnisbestimmung und Diskursfähigkeit von Religionen. Herausgegeben von Gabriella Gelardini und Peter Schmid. 2004. Stuttgart: Kohlhammer Verlag.
  • Juden und Christen im Dialog. Theologische Berichte, Band 36. Herausgegeben von Birgit Jeggle-Merz und Michael Durst. 2008. Fribourg: Paulus Verlag.
  • Zeit zur Neu-Verpflichtung: Christlich-Jüdischer Dialog 70 Jahre nach Kriegsbeginn und Shoah. Herausgegeben von der Konrad Adenauer Stiftung, Berlin. 2009.
  • Der "jüdisch-christliche" Dialog veränderte die Theologie: Ein Paradigmenwechsel aus ExpertInnensicht. Herausgegeben von Irmtraud Fischer und Edith Petschnigg. 2016. Wien: Böhlau Verlag.
  • Michel Bollag. "20 Jahre Zürcher Lehrhaus – Judentum, Christentum, Islam. Vom christlich-jüdischen Dialog zu jüdisch-christlich-muslimischem Dialog". In:  Hat der jüdisch-christliche Dialog Zukunft? Gegenwärtige Aspekte und zukünftige Perspektiven in Mitteleuropa. Herausgegeben von Irmtraud Fischer, Gerhard Langer und Edith Petschnigg.  2017. Wien: Vienna University Press, 189-196.
  • Christoph Markschies. Reformationsjubiläum 2017 und jüdisch-christlicher Dialog. 2017. Leipzig : Evangelische Verlagsanstalt.

Christlich-Jüdische Dialogplattformen

Folgende Gremien mit Schweizer Bezug engagieren sich auf kantonaler/lokaler, nationaler und globaler Ebene für den christlich-jüdischen Dialog:

International Council of Christians and Jews (ICCJ)
Der Internationale Rat der Christen und Juden ist die internationale Dachorganisation von 38 nationalen christlich-jüdischen und interreligiösen Dialogorganisationen in 32 Ländern. Er wurde 1947 im Anschluss an die Konferenz von Seelisberg [1947] gegründet. Der ICCJ und viele seiner Mitgliedsorganisationen engagieren sich im abrahamitischen Dialog; der Begegnung von Juden, Christen und Muslimen. Mit seinen jährlichen Konferenzen und Konsultationen stellt der Rat eine Plattform zur Verfügung, auf der Christen, Juden und auch Muslime aktuelle Fragen behandeln, die über nationale und religiöse Grenzen hinausgehen.
http://www.jcrelations.net/Home.112.0.html?&L=2

Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz (CJA) 
Die auf dem Hintergrund der Shoah gegründete christlich-jüdische Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz ist die Dachorganisation von insgesamt zehn Regionalgruppen. Sie wurde 1946 mit dem Ziel gegründet,  Antisemitismus und Antijudaismus zu bekämpfen, das gegenseitige Verständnisses zwischen Christen und Juden zu fördern sowie den interreligiösen Dialogs zu intensivieren. Zu diesem Zweck organisiert die CJA Tagungen oder gibt Stellungnahmen ab.
http://www.cja.ch/

Christlich-Jüdische Projekte (CJP)
Die Christlich-Jüdischen Projekte fördern die Verständigung zwischen der christlichen und der jüdischen Religion in partnerschaftlicher Weise und im Geiste der Gleichberechtigung und gegenseitigen Anerkennung  in den jeweiligen Gemeinden sowie in der weiteren Öffentlichkeit der Region Nordwestschweiz.
http://www.cjp.ch/

Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF)
Das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung an der Universität Luzern fördert judaistische Lehre und Forschung an der Universität Luzern, engagiert sich im jüdisch-christlichen Dialog und ermöglicht durch die Institutsstiftungen Studien- und Sprachaufenthalte in Israel.
https://www.unilu.ch/fakultaeten/tf/institute/institut-fuer-juedisch-christliche-forschung-ijcf/

Evangelisch-jüdische Gesprächskommission (EJGK)
Die Kommission des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK und des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes SIG fördert die gegenseitige Achtung von Christen und Juden, wirkt für die Stärkung des Vertrauens zueinander und setzt sich für eine Kultur der Verlässlichkeit ein. Sie behandelt geistig-kulturelle, ethische, existentielle und religiöse Themen und unterstützt den Rat des SEK und die Geschäftsleitung des SIG in ihren Bemühungen, sich für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen.
http://www.kirchenbund.ch/de/fonds-und-kommissionen/evangelisch-j-dische-gespr-chskommission-ejgk

Jüdisch/Römisch-katholische Gesprächskommission der Schweiz (JRGK)
Die jüdisch/Römisch-katholische Gesprächskommission ist ein gemeinsames Gremium der Bischofskonferenz und des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. Die Dialogkommission dient dem vertieften Kennenlernen des Judentums und beschäftigt sich mit Fragen, die sich im interreligiösen Dialog zwischen der römisch-katholischen Kirche und ihren "älteren Brüdern und Schwestern im Glauben" stellen.
http://www.bischoefe.ch/fachgremien/juedisch-roemisch-katholisch


Links und Hinweise

Seelisberger Thesen (1947)
http://cja.ch/wer-sind-wir/seelisberger-thesen.html

60 Jahre Seelisberger Thesen (2007)
http://www.kirchenbund.ch/sites/default/files/publikationen/pdf/Seelisberger-Thesen.pdf

Berliner Thesen (2009)
http://www.cja.ch/wer-sind-wir/berliner-thesen.html

Dabru Emet [Redet Wahrheit]: Eine jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum  (2000)
http://www.jcrelations.net/Dabru_Emet__-_Redet_Wahrheit.2419.0.html?&pdf=1

Dabru Emet [Speak the Truth]: A Jewish Statement on Christians And Christianity (2000)
http://www.jcrelations.net/Dabru_Emet_-_A_Jewish_Statement_on_Christians_and_Christianity.2395.0.html?L=2%2Balt&pdf=11

In gegenseitiger Achtung auf dem Weg. Gemeinsame Erklärung zum Dialog von Juden und evangelischen Christen in der Schweiz (2010). Herausgegeben von der Evangelisch-Jüdischen Gesprächskommission EJGK
http://www.kirchenbund.ch/sites/default/files/publikationen/pdf/EJGK.pdf