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Juliet B. Schor: Wahrer Wohlstand

Klimawandel und eine Wirtschaftsweise, die die ökologischen Grenzen des Wachstums nicht berücksichtigt – Schors‘ Vorschlag dazu ist unter anderem eine Arbeitszeitverkürzung für alle.

Buchtipp von Dr. Jeannette Behringer

Das bedingungslose Grundeinkommen, über das in der Schweiz am 5. Juni 2016 abgestimmt wurde, hatte zum Ziel, der „ganzen Bevölkerung“ ein „menschenwürdiges Dasein“ und die „Teilnahme am öffentlichen Leben“ zu ermöglichen. Die Initiantinnen und Initianten gehören damit zu jenen Akteuren, die eine gesellschaftliche Transformation unterstützen. Sie soll zu einer anderen Arbeitswelt beitragen, indem die Arbeitnehmenden unabhängiger vom Erwerbseinkommen werden. Die Digitalisierung werde dies überdies notwendig machen.

Auch Juliet Schors‘ Anliegen ist es, die Gesellschaft zu verändern. Ihr Ausgangspunkt sind zwei Probleme, die „Doppelkrise von Wirtschaft und Klima“: Die Wohlstandsgesellschaften haben bis heute nicht nur nicht adäquat auf Klimawandel und auf die Finanzkrise reagiert, sondern sie durch die intensive Anwendung verschiedener Pfade des „Weiter so!“ verschlimmert. Gleichzeitig jedoch, so Schor, hat sich durch die Krise und die verstärkte Fortsetzung der Business-As-Usual (BAU) - Wirtschaft eine Vielzahl alternativer Produktionspraktiken und alternativer Lebensstile entwickelt, die sich unter anderem in einem (wieder erwachten) Interesse an Genossenschaften, in Formen solidarischer Landwirtschaft, in Märkten für gebrauchte Konsumgüter oder Projekten dezentraler Energieversorgung zeigen.

Deshalb entwickelte die Harvard Ökonomin ihren Ansatz des „Plenitude“, der soziales und ökologisches Funktionieren in den Mittelpunkt stellt und Fülle und Vielfalt verspricht. Dieser Ansatz umfasst vier Grundprinzipien: Eine Verkürzung der Arbeitszeit für alle, um das Arbeitsvolumen angesichts der Digitalisierung gerecht zu verteilen, aber auch, um Zeit für ökologische und soziale Erneuerung zu schaffen. Zweitens soll der Grad der Selbstversorgung zunehmen, indem handwerkliche Tätigkeiten wieder eingeübt werden. Drittens umfasst Plenitude eine umweltbewusste Einstellung und damit weniger und wissensbasierten Konsum und viertens soll die Bedeutung zwischenmenschlicher Bindungen und sozialer Beziehungen intensiv bewusst gemacht und gepflegt werden. Schor argumentiert, dass die meisten Menschen vom Arbeitsmarkt der BAU Wirtschaft in Zukunft keine ausreichende Sicherheit mehr und sinkende Einkommen erwarten können und deshalb möglichst früh in die Plenitude Prinzipien investieren sollten.

Die wichtige Frage nach der Umsetzung des Modells beantwortet sie mit der Verbreitung ökologischen Wissens, unter anderem durch Open Source Technologien. Dies ist an sich nicht neu, jedoch ist an diesem Buch bemerkenswert, wie Schor ihre eigene Disziplin, die Wirtschaftswissenschaften, in die Analyse notwendiger Veränderung mit einbezieht. Die Akteurinnen und Akteure der BAU Wirtschaft, so Schor, beziehen ihre Grundlagen auch durch eine ökonomische Ausbildung, die mehrheitlich immer noch an überholten Thesen – z.B. der Annahme unveränderbarer Präferenzen – festhält und Innovationen innerhalb der Disziplin, wie alternative Entwürfe von Wachstumstheorien, der Konsumforschung oder der integrativen Betrachtung menschlicher Tätigkeiten wie bezahlter und unbezahlter Arbeit im privaten und öffentlichen Raum, ignoriert. Insbesondere aber weist sie auf einen wenig beleuchteten Aspekt hin, der einen Teil des Beharrungsvermögens erklärt, der im Buch leider etwas zu kurz kommt: Die im Vergleich zu anderen Disziplinen enge Verzahnung der wirtschaftswissenschaftlichen mit der politischen Elite.

Schors Buch ist ein wichtiger aktueller Beitrag zur Frage, wie eine Nachhaltige Entwicklung umgesetzt werden kann, indem auf bereits bestehende alternative wirtschaftswissenschaftliche Denkansätze sowie Praktiken und Rahmenbedingungen neuer Konsum- und Produktionsweisen hingewiesen und ihre weitere Erforschung eingefordert wird. Sie erinnert an die Anfänge ökologischer Ökonomie aus den 70er Jahren, die die Bewahrung des ökologischen Kapitals als Grundlage allen menschlichen Wohlstands aufzeigen, an existierende Ansätze, wie an die durch Donella und Denis Meadows postulierten Grenzen des Wachstums, und zeigt anhand neuester Analysen die Dringlichkeit einer erneuerten Wirtschafts- und Lebensweise auf, die bereits in zahlreichen Ansätzen existieren. Der Vorschlag einer Verteilung eines in Zukunft sinkenden Arbeitsvolumens, die einer Teilzeitarbeit für alle gleichkommt, scheint mir ein lohnenswerter Vorschlag, der nicht nur eine ökologische Wirtschaft, sondern auch Zeitwohlstand ermöglichen könnte.

Juliet B. Schor: Wahrer Wohlstand. Mit weniger Arbeit besser leben. München: Oekom Verlag 2016.

Jeannette Behringer