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Jochen Hörisch: Man muss daran glauben

Gott und Geld gelten als Konkurrenten. Möglicherweise liegt dies daran, dass sie einiges miteinander gemeinsam haben. Dass Gott und Geld miteinander verwandt sind, behauptet jedenfalls der bekannte Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch. Und er geht noch weiter: Die Wirtschaft so seine These, sollte von der Religion lernen!

Buchtipp von Dr. Jeannette Behringer

Die Wirtschaft ist das dominierende System unserer Gesellschaft. Demgegenüber scheinen Bedeutung und Einfluss der Religion zu schwinden. Kirchen, die Mitglieder und Geld verlieren, fragen sich angesichts dieser Situation, was sie von der Wirtschaft lernen können, und Theologinnen und Theologen diskutieren darüber, ob und inwieweit sich die Paradigmen der Betriebswirtschaft auf die Kirchen und deren Führung übertragen lassen.

Glaubt man Jochen Hörisch, dann müsste es eigentlich umgekehrt sein. Die Ökonomie sollte bei der Theologie in die Schule gehen, nicht umgekehrt. Denn beide – die Ökonomie ebenso wie die Theologie – sind nach Ansicht des Mannheimer Literatur- und Medienwissenschaftlers Disziplinen, die es mit dem Glauben zu tun haben. Mit einem gravierenden Unterschied allerdings: Die Theologie ist sich darüber im Klaren, die Ökonomie hingegen nicht: „die ökonomische Aufklärung bleibt hinter dem Stand der religiös-theologischen Aufklärung bemerkenswert weit zurück“.

Dass die Ökonomie wie die Religion auf Glauben angewiesen ist, zeigt sich für Hörisch insbesondere in ihrem Vertrauen auf den Wert des Geldes und in die „unsichtbare Hand des Marktes“. Auf den nahe liegenden Einwand, dass die Ökonomie ihre Hypothesen immerhin empirisch zu testen vermag und dass sie durchaus um mögliche „Marktversagen“ weiss, geht Hörisch dabei leider nicht ein. Statt desssen verweist er auf weitere, mehr oder weniger überzeugende Analogien: hier die Transsubstantiation beim Abendmahl dort die sich im Geldverkehr vollziehende Wandlung, hier die sich im Opfertod Christi ereignende „Bonifizierung des Malum“ dort die „schöpferische Zerstörung“ durch den Kapitalismus (Schumpeter), hier die religiöse Schuld dort die finanziellen Schulden, hier die göttliche Trinität dort die dreifache Funktion des Geldes als Recheneinheit, Wertaufbewahrungsmittel und Tauschmittel.

Die ökonomische Aufklärung, die Hörisch betreiben will, soll nicht folgenlos bleiben. Vielmehr plädiert der Germanist und Medienwissenschaftler für mehr „individuell zurechenbare Verantwortung“. Wer glaubt, er würde damit für eine Liberalisierung von Märkten und überhaupt für mehr Markt und weniger Staat eintreten, täuscht sich. Vielmehr kritisiert Hörisch eine „Vollkaskomentalität gerade bei Schichten mit sehr hohen Vermögen und höchsten Einkommen“, fordert eine Erhöhung der Erbschaftssteuer und wirbt für eine Tilgung der hohen Schulden der öffentlichen Hand durch private Guthaben – ganz nach dem Vorbild von Thomas Manns Roman „Königliche Hoheit“.

Anregend ist der Traktat, den Jochen Hörisch geschrieben hat, nicht nur für Theologinnen und Theologen (aber auch für sie!). Denn auch wer dazu neigt am Verwandtschaftsverhältnisse begründenden Charakter von Struktur- und Funktionsanalogien Zweifel zu hegen, stösst darin immer wieder auf überraschende Beobachtungen und Hinweise. Schön wäre es zudem, wenn die Theologie den Ball, den der Germanist und Medienwissenschaftler ihr zuspielt, aufnehmen und sich mit ihren Mitteln an dem Projekt einer ökonomischen Aufklärung beteiligen würde.

Stefan Grotefeld

Jochen Hörisch, Man muss dran glauben. Die Theologie der Märkte, München: Wilhelm Fink Verlag, 2013 (132 Seiten)