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Ueli Mäder: Macht+ch. / Geld und Macht in der Schweiz

Das im November 2015 erschienene Buch geht über die im Titel genannten Themen, der Verteilung von Macht und Geld, hinaus. In der Studie von Ueli Mäder geht es am Beispiel von Geld als einer Ressource für Macht letztendlich um die Frage, wie in einer Demokratie Einflussmöglichkeiten gestaltet sind – und ob dies den Grundgedanken politischer Gleichheit und damit gleicher Einflusschancen untergräbt.

Buchtipp von Dr. Jeannette Behringer

Das im November 2015 erschienene Buch geht über die im Titel genannten Themen, der Verteilung von Macht und Geld, hinaus. In der Studie von Ueli Mäder geht es am Beispiel von Geld als einer Ressource für Macht letztendlich um die Frage, wie in einer Demokratie Einflussmöglichkeiten gestaltet sind – und ob dies den Grundgedanken politischer Gleichheit und damit gleicher Einflusschancen untergräbt. Es geht um das Verhältnis zwischen Demokratie und Ökonomie und um die Frage, unter welchen Bedingungen beide „Systeme“ produktiv interagieren. Wobei „produktiv“ letztendlich bedeutet: Im Sinn des Gemeinwohls. Die Themen von Reichtum und Armut, der Verteilung von Einkommen und Vermögen sowie den zugrundeliegenden Mechanismen und der Bewertung des Komplexes sind seit rund dreissig Jahren Themen der internationalen politischen Agenda und zunehmend auch der öffentlichen Diskussion. So hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor einigen Jahren gar ein eigenes „Zentrum für Chancen und Gleichheit“ gegründet, um ihre quantitativen Befunde zunehmender Ungleichheit von Einkommen und Vermögen in den 34 Mitgliedsländern, darunter der Schweiz, einem breiteren Publikum bekannt zu machen.

Vor diesem Hintergrund ist das von Ueli Mäder vorgelegte Buch ein Beitrag zu einer aktuellen Debatte in einem Land, das, gemessen an seiner Grösse, monetär zu den „Big Playern“ gehört - so werden in der Schweiz 26% aller Vermögen weltweit verwaltet, soweit diese transparent sind. Das Wissen um Einkommen und Vermögen in Form gesellschaftsbezogener Statistiken ist, auch dank öffentlich geförderter Forschung, weit fortgeschritten. Nicht so steht es jedoch, erstens, mit dem Wissen um Geld und Vermögen als Machtressource und, zweitens, mit dem Wissen um das Selbstverständnis und der Machtausübung vermögender und einflussreicher Personen. Für beide Aspekte liefert die Studie wertvolles qualitatives Material.

Mäder untersucht in seinem Buch das Wesen von Macht als „verwobenem Gefüge“. Er baut auch in diesem Band auf das Konzept von Pierre Bourdieu, nach der die Durchsetzung von Macht im Sinne Max Webers, eigene Interessen auch gegen Widerstände durchzusetzen, auf den vier Ressourcen ökonomisches, soziales, kulturelles und symbolisches Kapital beruht. Einerseits macht dies die Erscheinungsform von Macht vielfältig, und damit auch den Zugang zu Macht. Andererseits bedeutet die Verfügung über eine Ressource damit häufig auch einen Zugang zu weiteren Ressourcen: So kann ein hohes Einkommen einen besonderen sozialen Status nach sich ziehen, der wiederum mit einem exklusiven Zugang zu einflussreichen sozialen Netzwerken ausgestattet sein kann. Soweit die Theorie. Ob dies auch in Tat und Wahrheit so ist, untersucht die Studie, indem sie einen biographischen Zugang wählt und untersucht, „wie sich Macht bei einzelnen Personen und Institutionen manifestiert“ (S. 21). Dies geschieht mittels drei verschiedenen qualitativen Vorgehensweisen: Erstens in Interviews mit mehr als 200 Personen, u.a. aus Finanzinstitutionen, Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Medien, Denkfabriken und Stiftungen. Ein zweites Analysestandbein ist die Analyse von Dokumenten und Medienberichten, ein drittes das der teilnehmenden Beobachtung dessen, wie sich Machträume symbolisch repräsentieren. Daraus ergeben sich Landkarten „dominanter Strukturen, Werten und Einstellungen“ (ebda). Diese Vorgehensweisen werden auf verschiedene Bereiche angewandt: Die Finanzbranche und auf „grosse“ Unternehmen; auf Interessenvereinigungen und Verbände wie Gewerbeverband und Gewerkschaften; Justiz und Verwaltung sowie Militär; Think Tanks, Netzwerke und Stiftungen.

Mäder zeigt ein weites Feld an individuellen Sichtweisen und institutionellen Kulturen der Macht auf. Gerade durch die biographische Herangehensweise ergibt sich ein differenziertes Bild, das sich einer simplen Bewertung „der Eliten“ und des Einsatzes ihrer Machtressourcen entzieht. An vielen Stellen liest sich das Buch in der Tat wie ein „Krimi“, ein Urteil, das in vielen Medienberichten genannt ist, insbesondere dort, wo es um informelle Machtpraktiken und Einflussnahme geht. Allein schon deshalb ist dieses Buch lesenswert, denn es zeugt von einem hohen sozialen Kapital des Autors – ohne zum Teil lang gewachsene Beziehungen zu Vertretern der Elite des Landes wäre diese Forschung nicht möglich. Eine wichtige Reflexionsquelle stellen in diesem Zusammenhang die Aussagen von Ausgestiegenen dar - die einen bereits während des Berufslebens, die anderen aufgrund der Gnade der Pensionierung, die besonders offen berichten (können). Interessant ist auch die Tatsache, dass von quasireligiösen Zuständen in Finanzinstitutionen berichtet wird, die Geld und deren Vermehrung als nicht mehr hinterfragbares Ziel in den systemischen Mittelpunkt rücken. Gekoppelt mit Mäders Beschreibung der Schweiz, dass eine Entflechtung der alten (national orientierten) Eliten aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung und der neuen (international orientierten) Eliten aus  Grossunternehmen und Finanzinstitutionen stattfindet stellt sich am Ende des Buches die Frage, wo und wie eine gemeinsame Verständigung über das eingangs zitierte Gemeinwohl stattfinden soll.

Die mehrfach geäusserte Kritik an der Studie, die sich darauf bezieht, dass sie ihre Vorannahmen deutlich macht und politisch „links“ stehe, verweist gleichzeitig auf die Notwendigkeit, auf der Offenlegung von Vorannahmen in Studien auch anderer Disziplinen  zu bestehen. Normative Vorannahmen in mathematischen Modellen wirtschaftswissenschaftlicher Studien bleiben beispielsweise oft verborgen. Denn auch ihnen liegt ein Menschen- und Gesellschaftsbild, eine bestimmte Vorstellung von Gerechtigkeit zugrunde.

Der Autor Ueli Mäder legt seine Vorannahmen offen, die sich auf den Untersuchungsgegenstand als solche beziehen: Er trete, so der Autor, für einen sozialen Ausgleich ein. Methodisch wäre dennoch wünschenswert gewesen, dass im Methodenkapitel Vorannahmen, Thesen und Kriterien für die Auswahl der Interviewten und die Auswahl der Institutionen noch präziser beschrieben worden wären. Dies hätte die Einordnung der Ergebnisse erleichtert, die in der Tat eine Mischung aus politischen Argumentationen und wissenschaftlichen Ergebnissen sind.

 Ueli Mäder, Macht+ch. Geld und Macht in der Schweiz, Zürich: Rotpunktverlag, 2015