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Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung

Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können.

Wussten Sie, dass die „unsichtbare Hand“ des Philosophen Adam Smith zu den grössten Missinterpretationen der modernen Ökonomie gehört? Dass Smith überdies nicht nur Philosoph, sondern auch Zollverwalter und Sprachlehrer war, um Kollegen den schottischen Akzent abzugewöhnen? Dass Karl Marx nicht mit Geld umgehen konnte und John Maynard Keynes nicht etwa ein „Linker“, sondern ein konservativer Börsenspekulant war?

Ein fundiertes, lehrreiches und streckenweise gar vergnügliches Werk der Wirtschaftsredakteurin der deutschen Tageszeitung „taz“, Ulrike Herrmann, liegt vor uns: „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“, und es sticht nicht nur bezüglich der doppelten Verneinung ins Auge, sondern auch wegen des ausführlichen Untertitels: „Die Krise der Ökonomie oder was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können“. Die Ausgangsthese der Autorin ist eine massive Kritik an der heute vorherrschenden neoklassischen Ökonomie bzw. ihren Folgen: Diese konnte die sogenannte „Finanz- und Wirtschaftskrise“ nicht vorhersagen. Die Instrumente der in der Neoklassik vorherrschenden mathematischen Modelle sowie die dahinterliegenden Annahmen sind stumpf: Sie haben mit den heutigen Marktbedingungen eines globalen Internet- und Finanzkapitalismus, der zu Monopolen und Vermögenskonzentration neigt, herzlich wenig zu tun. Daraus folgt gemäss Herrmann eine mehrheitlich falsche Wirtschaftspolitik, die nur Wenigen nützt.

Die Autorin propagiert die Rückkehr den „Wurzeln“, zu den – ihrer Meinung nach – drei wichtigsten Theoretikern der Wirtschaftswissenschaften. Sie haben wichtige Beiträge zur Disziplin beigetragen, werden aber heute kaum mehr gelehrt. Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes also als „Alternative“? Ja, führt Hermann aus, sie haben – aus Sicht der Autorin – die richtigen Fragen gestellt und sich in der Realität umgeschaut. Bevor die Autorin jedoch jeweils zur Theorie kommt, bestimmen biographische und historische Annäherungen an Smith, Marx und Keynes die Herangehensweise. Sie zeichnet dadurch die Entstehung der konkreten Fachfragen und der Lösungsansätze nach. So ergibt sich ein hervorragendes Verständnis, wer warum welche Fragen in welcher Weise aufgegriffen hat.

Sie beginnt mit Adam Smith, der auch vielen Nicht-Ökonomen ein Begriff sein dürfte: Durch die „unsichtbare Hand“, angeblich Symbol für den Eigennutz vieler zum Wohl aller und Grundlage eines überholten Menschenbildes, das uns noch heute begleitet – im Wirtschaftsstudium und in der Gesellschaft.  Wohlstand, so seine Erkenntnis, entsteht für ihn aus Arbeit, die Waren und Dienstleistungen hervorbringt. Ein zentraler Mechanismus war für ihn die die Arbeitsteilung. Sie fördert Spezialisierung, die wiederum Handel notwendig macht. Handel wird angetrieben durch eine natürliche Neigung der Menschen, zu tauschen – und so kommt die unsichtbare Hand ins Spiel, die für Smith keine Rechtfertigung des Egoismus war, sondern eine unterstützende Kraft für Handel und Austausch. Der Philosoph und Professor für Moralphilosophie Adam Smith war gründlich und rang um Erkenntnis. So sind von ihm (nur) zwei Werke überliefert: Die „Theorie der ethischen Gefühle“, erschienen 1759 sowie der „Wohlstand der Nationen“ im Jahr 1776. In der  „Theorie der ethischen Gefühle“ ging Smith der Frage nach, wie ethisches Handeln in der Praxis funktioniert: Wie kann es sein, dass Menschen häufig ichbezogen handeln, es ihnen jedoch wichtig ist, dass es anderen gut geht, dass sie der Empathie fähig sind?

Die Leistung von Adam Smith liegt nach Herrmann vor allem darin, Wirtschaft systematisch zu beschreiben, Dinge geordnet zu haben. Er trägt dazu bei, dass erste volkswirtschaftliche Modelle entstehen: Die Einnahmen des einen sind die Ausgaben des anderen. Er hat die Entstehung von Monopolen untersucht, die durch die Ansammlung von Privilegien in der Hand von Geschäftsleuten und Grossgrundbesitzern zustande kommt und sie kritisiert. Die Aufgabe des Staates ist es, diese zu zerschlagen. Erstaunlicherweise hat er die Rolle der Technik für die wirtschaftliche Entwicklung nicht in seine Analysen einbezogen.

Biographisch war Karl Marx – 1818 in Trier geboren – weniger mit Feudalismus und Sklaverei konfrontiert, sondern mit Armut und Elend. Die Löhne für Tagelöhner lagen unter dem Existenzminimum. Städte konnten das schnelle Wachstum ihrer Bevölkerung kaum verkraften und die Wohnungsnot war gross. Marx, der Jurastudent, dem das Geld locker aus den Händen floss, lernte in Hegels Schriften laut Herrmann neben der Dialektik vor allem das Denken in Prozessen kennen – dass Gesellschaft einem steten Wandel unterworfen ist und kein statisches Konstrukt ist. Die ersten Arbeiten, die den Aufstand des Proletariats vorhersagten, waren jedoch – im Gegensatz zu Smith – kein Ergebnis empirischer Beobachtung, sondern eine dialektisch-philosophische „Kopfgeburt“, wie Herrmann dies nennt, die konkrete soziale Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter interessierte ihn (noch) nicht. Herrmann unterstreicht hier die zentrale Rolle Friedrich Engels: Er ist derjenige, der Marx die Beobachtung des Alltags nahebringt. Engels, Sohn einer Unternehmerfamilie, beobachtete Absatzkrisen und kritisierte die heute unter dem Namen „Angebotstheorie“ bekannte These, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage selbst schafft. Er beobachtete bittere Armut inmitten von Reichtum, er beschrieb auch die Dynamik des Kapitalismus. Und er sorgte für die Empirie, während Marx lange der eloquente und sprachgewaltige Philosoph blieb. Dass Herrmann so ausführlich auf die Zusammenarbeit von Marx und Engels eingeht ist wichtig, denn so wird deutlich, dass ohne Engels auch kein Marx solche Beiträge hätte liefern können wie die Idee von Klassenkämpfen oder auch die Kritik des Privateigentums. Marx hingegen hat die Beobachtungen von Engels theoretisch verdichtet und vertieft.  Er beschrieb den Kapitalismus als dynamische und als globale Kraft, der sich, gepaart mit dem Eigentum an den Produktionsmitteln, durch Revolution zur klassenlosen Gesellschaft fortführen sollte.

Herrmann beschreibt die Entstehung des Kommunistischen Manifests 1848 und von Marx‘ Hauptwerk „Das Kapital – zur Kritik der politischen Ökonomie“, das Marx nach zwanzig Jahren Arbeit beendet. Ein schwer zugängliches Hauptwerk, so dass Friedrich Engels sich veranlasst sah, eine kurze und lesbare Zusammenfassung zu schreiben. Herrmann analysiert auch die Irrtümer von Marx, wie z.B. die Theorie des Mehrwerts oder die offensichtlich nicht eingetretene Verelendung des Proletariats. Sie zeigt aber überzeugend den Beitrag von Marx auf, der als erster „die kapitalistische Produktionsweise“ als dynamisches System und die Rolle des Geldes beschreibt, in dem nur der Produktionsprozess und die Gewinnakkumulation zählt: Geld (G) wird investiert, um Waren (W) herzustellen. Bei ihrem Verkauf soll dann mehr Geld (G‘) resultieren.

John Maynard Keynes, Mathematiker und Philologe, geboren in Marx´ Todesjahr 1883, hat gemäss Herrmann die Bedeutung des Geldes in einer Volkswirtschaft auf vielfältige Weise herausgearbeitet und seine Erkenntnisse in der „Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ niedergelegt, die 1936 erschienen ist. Geld ist demnach nicht nur Tauschmittel, sondern auch Vermögensspeicher. Geld ist eine Ware auf den Finanzmärkten. Die Autorin verweist auf die bis in die Gegenwart reichende Bedeutung für die Volkswirtschaften, denn mit der neuen Rolle des Geldes entstehen zwei Arten von Investoren mit unterschiedlichen Erwartungen: Unternehmen, die ihren Absatz steigern möchten und Finanzanleger, die in Unternehmen investieren, um kurzfristig an der Börse Gewinne erzielen wollen. Dabei wird das Verhalten der Wirtschaftsakteure weniger von „Zinsen“ und „Risikoschätzungen“ bestimmt als von den Erwartungen, was die anderen Akteure tun. Die Ökonomie als ein Wechselspiel von Psychologie und Soziologie.

Gemäss diesem Ansatz sind in erster Linie Investitionen in die Realwirtschaft und nicht die Lohnhöhe entscheidende Faktoren die Höhe der Arbeitslosigkeit. Herrmann erläutert überzeugend, wie Keynes sich Schritt für Schritt von der Neoklassik entfernt: Diese kann unter anderem die von Keynes beobachtete Arbeitslosigkeit nicht erklären, die in diesem Modell sinkt, wenn die Löhne ebenfalls genügend tief sind. Dieser Zusammenhang gilt gemäss Keynes jedoch nur für die Unternehmen, nicht aber für eine Volkswirtschaft. Deshalb ist sein Ansatz des „deficit spending“ berühmt geworden: Der Staat muss Schulden machen, um zu investieren und die Gesamtnachfrage zu steigern.  

Ulrike Herrmann zeigt die Entstehung einer Disziplin, der Volkswirtschaftslehre, am Beispiel der Biographien und Werke ihrer wichtigsten Protagonisten - sachlich fundiert und höchst unterhaltsam. Sie zeigt die Unterschiede zum dominanten neoklassischen Wirtschaftsmodell auf und auch deren Unterkomplexität: Die Wirtschaft bis heute als einfaches Unternehmen zu denken und keinen makroökonomischen Blick entwickelt zu haben; mathematische (Idealmarkt-)Modelle zu gestalten, in denen sich individuelle Bedürfnisse unter der Annahme vollkommener Information mit dem Angebot an Waren und Dienstleistungen stets ausgleichen. An Beispielen der aktuellen Relevanz von Smith, Marx und Keynes arbeitet sie die dringend notwendige Theorieentwicklung in den Wirtschaftswissenschaften heraus. Sie erinnert zum Beispiel daran, dass internationale Arbeitsteilung und Freihandel nur dann funktionieren können, wenn die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Ländern nicht zu gross sind. Die Eurozone lässt grüssen. Das Anliegen des Buches ist es auch, daran zu erinnern, dass Ökonomie eine Sozialwissenschaft und keine Naturwissenschaft ist. Auch daran, dass sie die Machtfrage stellen muss: Wem in der Gesellschaft sollen ihre Ergebnisse „nützen“?

Jeannette Behringer

Ulrike Herrmann: Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können.
München: Piper 2018, CHF 18,90