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Gewinn in alle Ewigkeit

Wer dem Kapitalismus religiöse Züge attestiert, stellt keine originelle Diagnose. Walter Benjamin formulierte sie bereits 1921. Seither scheint der Kapitalismus dem Christentum in Sachen Wertorientierung den Rang abgelaufen zu haben.

Buchtipp von Dr. Jeannette Behringer

„Geiz ist geil“ und schon längst keine Todsünde mehr. Wie ist es dazu gekommen? Wann hat der Siegeszug des Kapitalismus seinen Anfang genommen? Was waren die treibenden Kräfte und Ideen hinter diesem Prozess? Und welchen Einfluss hat diese Entwicklung auf die christliche Religion gehabt? – Solche Fragen sind es, denen der Journalist und Theologe Christoph Fleischmann in seinem Buch „Gewinn in alle Ewigkeit. Kapitalismus als Religion“ nachgeht. 2010 ist es im Rotpunkt-Verlag erschienen.

Mit der Entstehung und Ausbreitung der kapitalistischen Wirtschaftsform ging ein Wandel der Werte und Normen einher, ohne den die Karriere des Kapitalismus nicht möglich gewesen wäre. Fleischmann will zeigen, dass dieser Wandel bereits im Mittelalter eingesetzt hat. Unterhaltsam zeichnet er anhand ausgewählter historischer Stationen nach, wie sich die kapitalistische Wirtschaftsweise zunächst Stück für Stück vom Christentum emanzipiert hat, um dann mehr und mehr an seine Stelle zu treten, und wie umgekehrt die Kirchen ihre Kritik an dem auf die Erzielung von immer mehr Gewinn ausgerichteten Kapitalismus nach und nach zurückgenommen und „ihre Werte denen der Konkurrenz-Religion nicht vollständig, aber weitgehend anpasst“ haben.

Fleischmann versteht sich als Kapitalismus-Kritiker. Dass sich das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen lässt und dass es für den Erfolg des Kapitalismus durchaus Gründe gibt, weiss er durchaus. Doch er will den Kirchen Mut machen, sich auf ihre ureigenen Werte zurückzubesinnen, die sich mit denen des Kapitalismus eben nicht ohne weiteres in Einklang bringen lassen. Dieser Diagnose wird man kaum widersprechen wollen, auch wenn man sich wünschen würde, dass Fleischmann neben den fraglos bestehenden Divergenzen die ebenfalls vorhandenen Konvergenzen (Wohlfahrt, Freiheit) zwischen christlicher Ethik und Marktwirtschaft stärker in den Blick genommen hätte.

Alles in allem: Ein anregendes und angenehm zu lesendes Buch, das sich nicht an ein Fachpublikum richtet, sondern alle interessieren dürfte, die sich für das Verhältnis von Religion und Kapitalismus interessieren.