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Carolin Emcke: Gegen den Hass

Gegen den Hass - Die öffentliche Debatte ist zunehmend gekennzeichnet durch Freund-Feind-Schemata, das differenziertes Argumentieren und Respekt für die Anderen als „Political Correctness“ verunglimpft. – Emckes‘ Essay ist ein Plädoyer für die ethischen Grundlagen der Demokratie

Buchtipp von Dr. Jeannette Behringer

Um es vorweg zu sagen: Das Buch der Journalistin und Publizistin ist von höchster Aktualität. Ausgehend von der These, dass sich in Deutschland die Kultur des Dialogs im öffentlichen Raum zunehmend in eine Hasskultur wandelt, identifiziert sie Einzelbestandteile und Funktionsmechanismen, wie Hass gemacht, konstruiert wird. Dabei lässt sich laut Emcke  die neue hassvolle Qualität im Umgang mit „Anderen“ sowohl in den sogenannten Sozialen Medien wie in der direkten Begegnung beobachten. Diese ist eine andere als früher: Ablehnung und Vorbehalte äussern sich weniger argumentativ, begründend. Sondern es hat sich ein Umgang herausgebildet, die dem Anderen jeden Respekt versagt. Darüber hinaus wird nicht privat, sondern öffentlich gehasst, nicht anonym, sondern mit Namen und Adresse.

Die Systematik der neuen Hasskultur beinhaltet eine Ungenauigkeit im Ausdruck anstatt Differenziertheit: Vereinfachend wird von Kollektiven gesprochen, die zur Anderen gemacht werden. Respektvolle Auseinandersetzung wird als Missachtung von Wahrheit umgedeutet, die Bemühung um möglichst wenig diskriminierende und inklusive Sprache als falsch verstandene Toleranz bezeichnet. Bei der Analyse widmet sie sich ebenso der populären Betonung von „Gefühlen“ bei der Urteils- und Meinungsbildung. „Liebe“, „Sorge“ und „Hoffnung“ beschreibt sie einerseits als elementare menschliche Gefühlsregungen, die doch den Blick auf die Wahrnehmung von Tatsachen verstellen können und unserer Reflexion bedürfen.

In den folgenden Kapiteln zeigt sie an zwei Beispielen, dem Protest gegen eine Ankunft von Flüchtlingen in Clausnitz in Sachsen vor ziemlich genau einem Jahr und der offensichtlich unbegründeten Verhaftung des afroamerikanischen US-Bürgers Eric Garner durch die Polizei, die mit dem Tod Garners endet, wie gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und institutioneller Rassismus funktionieren. Anhand der immer wiederkehrenden Frage, was ihre eigene Wahrnehmung von der Sichtweise derjenigen unterscheidet, die den Hass schüren, analysiert sie die Handlungen aller Beteiligten, die Bedeutung einer abwertenden Sprache, lange vorhandene oder bereits verfestigte Denkweisen, die Abwertung und Verachtung legitimieren und schliesslich in Situationen münden können, die die Helfenden entweder hilflos oder ängstlich macht. In jedem der analysierten Fälle tritt jedoch der Schaden, individuell, gesellschaftlich, für unsere Zivilisation, überdeutlich zu Tage. Auch, wie eine bestimmte Sprache als steter Tropfen den Stein der Zivilisation und die ihr zugrunde liegenden Werte und Verhaltensweisen aushöhlen kann. Zumindest in Deutschland. Emcke beschreibt, wie ähnlich sich Interessen, Ziele und Kommunikationsstrategien rechter Bewegungen und Parteien sowie terroristischer Gruppen wie dem sogenannten islamischen Staat sind – vor allem, plurale Gesellschaften in sich unversöhnlich gegenüberstehende Blöcke zu spalten.

Dabei ist laut Autorin nicht die blosse Definition von Merkmalen der Gruppenzugehörigkeit das Problem, solange die Zugehörigkeit und der Weggang aus der Gemeinschaft ohne Zwang, durch freiwilliges Akzeptieren der Regeln geschieht – die übrigens immer wieder diskutiert werden (müssen). Problematisch an konstruierter Gruppenzugehörigkeit ist, wenn damit die Ungleichheit anderer Gruppen verbunden ist, „anders“ plötzlich „falsch“ ist und die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe nicht mehr über Gleichheit funktioniert, sondern zur Identität stilisiert wird. Häufig verwendete Vokabeln dafür sind „rein“, „ursprünglich“ oder „homogen“. Letztere Vokabel findet sich auch bei der Rhetorik der neuen populistischen Parteien in Europa, auch der Schweizerischen Volkspartei. Dabei sind deren Begriffe, so Emcke, an wirkmächtige Sprachbilder geknüpft: Das der Homogenität wird mit dem Bild des Körpers verknüpft, der ein „einheitliches Ganzes“ suggeriert, das von äusseren Einflüssen geschützt werden müsse. Das Narrativ der „Natürlichkeit“ knüpft oft an ein nicht näher bestimmtes „Früher“ an, das einen Idealzustand verkörpern soll. Emcke widmet sich hier insbesondere der gesellschaftlich festgelegten Binarität der Geschlechter, die insbesondere auch durch Bezüge zum Christentum unterstützt würde. Am Beispiel der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) analysiert sie die Bedeutung von Reinheit, die definiert wird als die ausschliessliche Verehrung des Einen Gottes. Jede „Ablenkung“ wird als „schmutzig“ tituliert. Insbesondere Vielfalt – z.B. Multireligiosität, gesellschaftlicher Pluralismus – und Säkularismus, der die Vielfalt zulässt, stehen im Visier des IS.

Und nun? In einem letzten Schritt analysiert Emcke, was dagegen getan werden kann. Ihre wichtigste Botschaft: Den beschriebenen Mechanismen nicht nachgeben, „sich nicht anzuverwandeln“, auf die Stilisierung von „Reinheit“, „Homogenität“, „Natürlichkeit“ nicht mit ebensolchen Antworten reagieren, sondern weiterhin mit Offenheit, Pluralität, Toleranz: „Wenn das moderne, säkulare, plurale Europa angegriffen wird, dann darf es nicht aufhören, modern, säkular und plural zu sein“ (189). Zu Recht erinnert Emcke daran, dass das Antasten der Freiheit sogenannter Minderheiten letztlich die Freiheit jede/r Einzelnen bedroht: „Pluralität in einer Gesellschaft bedeutet nicht den Verlust der individuellen (oder kollektiven) Freiheit, sondern garantiert sie erst“ (193). Dies muss immer wieder hinterfragt, verdeutlicht werden. Vor allem aber fordert sie immer wieder die Analyse, die die Strukturen und Bedingungen in den Mittelpunkt stellt, und nicht die Personen.

Das Plädoyer von Emcke überzeugt gerade durch seinen mikroskopischen Ansatz, genau verstehen zu wollen, genau hinzuschauen, die eigene Wahrnehmung, den eigenen Standpunkt immer wieder in die Analyse mit hinein zu nehmen. So wichtig die Aufnahme von affektiven Komponenten Liebe, Sorge, Hoffnung für die Beeinflussung der Wahrnehmung ist, so wenig wird jedoch deutlich, warum sie sich gerade auf diese Ebenen bezieht. Ihr Programm, das auch Zivilcourage und das Einstehen jeder und jedes Einzelnen fordert, fusst auf voraussetzungsvollen Grundlagen. Und auch wenn sie auf die affektive Komponente der Vielfalt hinweist – diese erschliesst sich für viele doch nicht einfach so und von selbst. Vielfalt, die uns die aktive Reflexion von Toleranz abverlangt, kann auch anstrengend sein. Sie kann auch Angst machen. Sich sicher und geborgen zu fühlen, hat manchmal auch mit einer begrenzten Vielfalt zu tun: Die gleiche Sprache, den Dialekt zu hören, über dieselben Witze zu lachen und dieselben Grundmodi der Verständigung zu pflegen. Dieses Verständnis von Heimat, das viele Menschen umtreibt, mit der Überzeugung zu versöhnen, dass das Zugeständnis von Freiheit das Eigene nicht bedroht: Es ist in groben Zügen angedeutet. Aber es benötigt weitere Schritte.

Carolin Emcke: Gegen den Hass. Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag 2016.