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Der organisierte Tod

Vor dreissig Jahren wurde die Sterbehilfeorganisation EXIT gegründet. Pünktlich zum Jubiläum ist im Orell Füssli-Verlag ein Buch mit Stellungnahmen von Befürwortern und Gegnern der Sterbehilfe erschienen.

Buchtipp von Dr. Jeannette Behringer

In Sachen Sterbe- bzw. Suizidhilfe ist allen anders gerichteten Bestrebungen zum Trotz alles beim Alten geblieben. Zuerst erklärte das Bundesgericht im Juni 2010 eine zwischen EXIT und der Zürcher Oberstaatsanwaltschaft abgeschlossene Vereinbarung zur Qualitätssicherung in der Suizidhilfe für nichtig. Ein Jahr später beendete der Bundesrat das Projekt einer gesetzlichen Regelung der Sterbehilfe und im Mai 2011 lehnten 84% bzw. 78% der Zürcher Stimmbürgerinnen und Stimmbürger ein Verbot der Suizidhilfe bzw. des Sterbetourismus ab.

Zwar sind Idee und Praxis der Suizidhilfe in der Schweiz weithin akzeptiert, doch dies bedeutet nicht, dass in dieser Hinsicht alle Fragen geklärt und alle Probleme gelöst wären. Strittig sind vor allem die Ausweitung der Sterbehilfe auf psychisch Kranke und auf Menschen, die nicht bereits terminal erkrankt sind und unter einer schweren Krankheit leiden sowie die Mitwirkung von Ärztinnen und Ärzten. Fraglich ist darüber hinaus, ob und inwieweit die hinter dem Wunsch nach Sterbehilfe stehenden Ängste durch den auch von kirchlicher Seite geforderten Ausbau der Palliativmedizin und die Einrichtung von Sterbehospizen gemildert oder gar beseitigt werden können.

Diese und andere Fragen werden in dem vorliegenden Band aufgegriffen. Gegliedert ist er in zwölf Kapitel, die jeweils unterschiedliche Aspekte behandeln: Ethik, Politik, Juristen, Organisationen, Praxis, Betroffene, Angehörige, Mediziner, Menschenrecht, Kirche sowie die Klandestinität der Sterbehilfe in anderen Ländern.

Dabei kommen keineswegs nur Befürworterinnen und Befürworter der Suizidhilfe zu Wort, sondern auch Kritikerinnen und Kritiker von EXIT und Dignitas. So gibt es zu (fast) jedem Aspekt einen Pro- und einen Contra-Beitrag, wobei der Stil der verschiedenen Positionsbezüge weniger wissenschaftlich als vielmehr essayistisch und persönlich ist. Zu jenen, die sich an dem Band beteiligt haben, gehören bekannte und profilierte Persönlichkeiten wie Otfried Höffe, Felix Gutzwiller, Roger Kusch, Andreas Brunner, Franco Cavalli, Ludwig Minelli, Martin Walser und andere.

Enttäuschend ist das Kapitel über „Kirche – Sterben und Glauben“, besteht es doch aus einer Zusammenfassung der Enzyklika „Evangelium Vitae“ durch Hans Wehrli sowie einem knappen Auszug aus Thomas Morusʼ „Utopia“ – als ob es kirchlicher oder theologischerseits nicht anderes zu sagen gäbe. Die Entschuldigung, „[a]lle angefragten Vertreter der katholischen Kirche“ hätten „es abgelehnt, die Haltung ihrer Kirche bezüglich Sterbehilfe im vorliegenden Buch zu beschreiben“, dürfte nicht nur reformierte Leserinnen und Leser kaum befriedigen.

Wie so häufig bei Sammelbänden so schwankt die Qualität der Beiträge auch hier, und wer sich bereits intensiver mit Fragen der Suizidhilfe beschäftigt hat, dürfte kaum neue Erkenntnisse finden. Wer sich dagegen einen ersten Ein- oder Überblick über die gegenwärtige Situation und Diskussion aus Schweizer Perspektive verschaffen möchte, wird einige der Beiträge mit Gewinn lesen.

 

Hans Wehrli/Bernhard Sutter/Peter Kaufmann (Hg.), Der organisierte Tod. Sterbehilfe und Selbstbestimmung am Lebensende. Pro und Contra, Zürich: orell füssli, 2012