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Der europäische Traum

Die preisgekrönte Autorin und Wissenschafterin Aleida Assmann entwirft in ihrem Buch ein anderes, ein kritisches Bild von Europa, das sich nicht nur als Hort des Friedens und der Demokratie, sondern auch als Ort von Demütigung und Ausbeutung zeichnen lässt. Ihre Lehren können als Neuanfang für ein inklusives Europa gelesen werden.

Aleida Assmann: Der europäische Traum. Vier Lehren aus der Geschichte

Die Wissenschafterin und preisgekrönte Autorin Aleida Assmann entwickelt in ihrem lesenswerten Werk Zukunftsvorschläge für einen Kontinent, der an einem Scheideweg steht: Auf der einen Seite steht ein Europa am Horizont, das als Antwort auf Herausforderungen auf einfache Lösungen und Sicherheit setzt, und dafür Abschottung und starke und stolze Nationen fordert. Dem steht das europäische Europa nach 1945 gegenüber, das – neben den Errungenschaften der Demokratie, der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit – vor allem auf einer zentralen „Kernkompetenz“ beruht: Dem Lernen aus der Geschichte. Assmann führt am Beispiel der Europäischen Union aus, welche wichtige Funktion die Herausbildung einer transnationalen, selbstkritischen Erinnerung hat. Die Bereitschaft, sich Rechenschaft über die eigene Vergangenheit abzulegen, um die Zukunft zu gestalten, ist für Assmann denn auch die Kraft, die das unvollendete europäische Projekt weiterhin tragen kann.

Das Buch ist in zwei grosse Kapitel aufgeteilt: Im ersten Teil entwickelt Assmann die konzeptionellen Grundlagen, im zweiten Teil illustriert sie diese an Fallbeispielen.

Sie entwickelt vier Lehren oder auch Lernfelder: Friedenssicherung und Demokratie, Erinnerungskultur und Menschenrechte. Alle vier Felder beschreibt die Autorin jedoch nicht als lineare Fortschrittslinien, sondern wohltuend als eine wechselvolle Abfolge von europäischen Erfolgen, Brüchen und Widersprüchen. So stellt sich die Friedenssicherung nach 1945 und nach 1989 als eine Mischung aus verordnetem Vergessen, dem Verzicht der Siegermächte auf Rache und Vergeltung, aber auch neuen Ausschlussmechanismen zwischen West und Ost dar. Gleichzeitig beschreibt Assmann die erfolgreiche Friedenspolitik als eine Abfolge gemeinsamer Rituale öffentlicher Versöhnung, einer „diplomatische(n) Form der Therapie“, in der übrigens die Kirchen in Ost und West eine nicht unerhebliche Rolle einnahmen. Politische Prozesse, die 2012 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden.

Die zweite Lehre, die Assmann beschreibt, ist die des Umbaus von Diktaturen in Demokratien, die sich 1945 wie 1989 markant gezeigt hat. Die Bedeutung der Rechtsstaatlichkeit als Teil von Demokratisierungsprozessen zeigt die Autorin am Beispiel der Nürnberger Prozesse, in der zum ersten Mal in der Geschichte die Sieger den Besiegten in einem juristischen Prozess zwangen. Dies markiert den Verzicht auf Rache und die Unterwerfung unter rechtsstaatliche Prinzipien durch alle Beteiligten. Dieses Vorgehen mündete nicht nur in den Fortschritt internationaler Gerichtsbarkeit – den Strafgerichtshof von Den Haag zum Beispiel – sondern konkret in die Schaffung neuer Rechtsnormen, wie z.B. „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, die in die 1948 unterzeichnete Erklärung der „Menschenrechte“ mündete. Als weitere Elemente nennt Assmann neben Rechtsstaatlichkeit zudem historische Aufklärung und gesellschaftliche Prozesse, wie z.B. Anerkennung und Rehabilitation der Opfer.

Der dritte Aspekt ist die Erinnerungskultur, wobei Assmann zunächst auch die Bedeutung des Vergessens reflektiert, die in den Nachkriegsgesellschaften ebenso wie die Erinnerung eine wichtige Rolle einnahm. Sie stuft diese als eine zeitlich begrenzte Voraussetzung ein, um mit einem gesellschaftlichen Veränderungsprozess überhaupt beginnen zu können. Mit der aktiven Einbeziehung der Zeugenschaft in die Aufarbeitung des Holocaust beginnt für Assmann ein Lernprozess, der in eine Erinnerungskultur mündet, die sie mittels fünf Kriterien charakterisiert (Verbrechen in der eigenen Geschichte, Selbstkritik, Notwendigkeit von Forschung, Bedeutung der Zeugenschaft und transnationaler Dialog). So kommt der Erinnerungskultur die Rolle einer politischen Bildung zu, in der sich Bürgerinnen und Bürger wie Institutionen kritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen.

Die vierte und letzte Lehre der Menschenrechte siedelt Assmann trotz der langen Historie dieser als Element der Erinnerungskultur erst nach dem Kalten Krieg an, da die Menschenrechte seit Ende der sechziger Jahre aus einer latenten Phase in ihrer aktiven „Belastbarkeit“ auf dem Prüfstand stehen, aktuell und bis heute im Rahmen der Flüchtlingsbewegungen nach Europa.

Der europäische Traum bestünde nach Assmann nun darin, die Markierungen der europäischen Geschichte und die Zäsuren 1945 – 1989 und 2015 in einer gemeinsamen dialogischen Erinnerungskultur aufzuarbeiten und weiterzuentwickeln, um neue gemeinsame Narrative für Europa zu entwickeln, die Ost und West in einen neuen Dialog bringt, die die koloniale Geschichte Europas miteinbezieht und auch die gebrochenen Versprechen wie die nach einer konsistenteren wirtschaftlicher Entwicklung aufgreift. Die vier Lehren, die Assmann in ihrem Buch darlegt, sieht sie als gemeinsames Erbe im derzeit leeren Zentrum des europäischen Sternenkreises, das durch die Fähigkeit des Lernens getragen wird. Das ist der „europäische Traum“, eine komplexe Form des Selbstverständnisses und der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und Gegenwart. Ein lesenswertes, anregendes Werk, das für mich die Frage aufwirft, welche Rolle den Kirchen und Religionsgemeinschaften bei diesen Aufgaben zukommen könnte.

 

Jeannette Behringer

 

Aleida Assmann. Der europäische Traum. Vier Lehren aus der Geschichte. München: C.H. Beck 2018