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Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert

Das Buch des französischen Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty, das 2013 in französischer Sprache erschienen ist, wird Anfang Oktober auch in deutscher Sprache vorliegen. Es hat in dieser kurzen Zeit für Furore gesorgt. Warum lohnt es sich, sich mit diesem Wälzer, der immerhin rund 800 Seiten stark ist, auseinanderzusetzen?

Das Buch des französischen Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty, das 2013 in französischer Sprache erschienen ist, wird Anfang Oktober auch in deutscher Sprache vorliegen. Es hat in dieser kurzen Zeit für Furore gesorgt. Warum lohnt es sich, sich mit diesem Wälzer, der immerhin rund 800 Seiten stark ist, auseinanderzusetzen?

Die Veröffentlichung von Piketty kommt zu einer Zeit, in der das Thema der sozialen Ungleichheit, befeuert durch Finanz- und Wirtschaftskrise, Enthüllungen um „Offshore Leaks“ oder Protestbewegungen wie „Occupy“ neue Nahrung erhalten haben. Diese sozialen Ereignisse lenken den Blick auf das, was Tobias Gombert auch als „Paradox der Demokratie“ bezeichnet: Kapitalismus und Demokratie bauen beide auf Freiheit, jedoch kann unregulierte wirtschaftliche Freiheit solche Bedingungen sozialer Ungleichheit schaffen, die Demokratie gefährden.

Piketty forscht zu den Themen soziale Ungleichheit, Vermögensverteilung und Einkommensverteilung. In seinem Buch weist er nach, dass die ungleiche Verteilung von Einkommen aus Vermögen und Arbeit in den letzten dreissig Jahren rasant gewachsen ist und dass die aktuelle Wirtschaftsverfassung, in der wir uns befinden, mit den viel postulierten Werten von Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit wenig zu tun hat. In seiner Untersuchung, die die Ergebnisse mehrere Jahre Forschung zusammenfasst, kommt er zu dem Ergebnis, dass ein unregulierter Kapitalismus systematisch zu einer  Vermögenskonzentration führt, die wiederum soziale Verwerfungen nach sich zieht. Kern seiner Beweisführung ist, dass die Kapitalrendite zumeist grösser als das Wirtschaftswachstum sei, und dass die Einkommen aus Vermögen grösser sind als Einkommen aus Arbeit. Die kurze Phase der sozialen Marktwirtschaft seit Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Ende des vergangenen Jahrhunderts, die die Vermögenskonzentration zugunsten der Arbeitseinkommen abgeschwächt habe, sei mittlerweile beendet. Auch in der Schweiz macht Thomas Piketty diese Entwicklung aus: Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt mittlerweile die Hälfte des gesamten Privatkapitals; Tendenz weiterhin steigend.

Pikettys´ Buch hat innerhalb der Wirtschaftswissenschaften methodische Kritik hervorgerufen, die inzwischen so weit ausgeräumt scheint, dass der Blick frei wird auf den eigentlichen Verdienst des Buches: Die nun vorliegende Datenlage ermöglicht eine längst überfällige Diskussion in Wissenschaft und Gesellschaft, die verschiedene politische und wissenschaftliche „Lager“ in einen gemeinsamen öffentlichen Austausch zwingt.

Dieser Austausch sollte unterscheiden zwischen der Analyse der Einkommens- und Vermögensverteilung als solcher einerseits und deren ethischer und politischer Bewertung andererseits; diese Bewertung muss jedoch nach Piketty das soziale Kapital einschliessen, das ein hohes Vermögen mit sich bringt – Kontakte, Netzwerke, Einfluss, Lobbying-Möglichkeiten.

Ein überfälliger, durch Soziologen wie Pierre Bourdieu längst angemahnter Befund, dem Piketty mit seinem Buch ebenfalls zu neuer Bedeutung verhelfen dürfte.

Jeannette Behringer

Thomas Piketty (2014): Das Kapital im 21. Jahrhundert. München: C.H. Beck