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Kirche und die Vielfalt gesellschaftlicher Unterstützung - NL 02/2018

Seit einiger Zeit macht in den Kirchen ein neues Zauberwort die Runde, über den in verschiedenen Formen diskutiert, gesprochen, nachgedacht wird: Der Begriff der „Distanzierten“.

Kirchen- und religionssoziologische Studien widmen sich unter anderem dem Verständnis und dem Erfassen der religiösen und spirituellen „Landkarten“. Dass diese Landkarten immer bunter und vielfältiger werden, auch in der Schweiz, ist der gesellschaftlichen Vielfalt und der Individualisierung geschuldet. Im Rahmen dieser Studien wurde in Untersuchungen des Lausanner Soziologen Jörg Stolz und der Münster Theologin Judith Könemann eine Typologie erarbeitet, die diese Vielfalt qualitativ erfasst. Sie unterschieden insgesamt vier Grundtypen: Die „Institutionellen“, die  „Alternativen“, die „Distanzierten“ und die „Säkularen“. Dazu ergeben die Studien weitere „Untergruppen“, bei den Distanzierten etwa die „Distanziert-institutionellen“, die „Distanziert-alternativen“ sowie die Distanziert-säkularen“.

Um diesen letztgenannten Grundtypus kreisen die Gedanken und Aktivitäten der Kirchen zu Recht, da sie im Rahmen der Typologie die grösste Gruppe ausmachen: Rund 60%. Während die Institutionellen auszeichnet, dass sie traditionelle Glaubensüberzeugungen und eine regelmässige religiöse Praxis pflegen, ist dies bei den Distanzierten nicht der Fall. Ihre religiösen Überzeugungen sind vielfältig, abstrakt, ungefähr.  Aber: Sie sind zumeist noch Mitglieder der Kirchen und zeigen so ihre ideelle und finanzielle Unterstützung.

Die Auseinandersetzung mit den Ergebnissen dieser religions- und kirchensoziologischen Studien - und damit mit gesellschaftlichem Wandel - ist wichtig, sie ist Teil der Legitimation, des Überlebens von Institutionen und Organisationen. Die Frage ist allerdings, wie sie dies tun. Die Ergebnisse der Studien zeigen für die Distanzierten, dass sie Glaubensüberzeugungen und Praxen haben, für die die Kirchen kaum offene Räume, Foren, Formate anbieten. Mehr noch: Die umfassende Auseinandersetzung mit der neuen Vielfalt der Distanzierten und damit von neuen Formen (auch christlicher) Religiosität würde die Kirchen langfristig verändern, und diese Bereitschaft und Offenheit der Kirchen müsste erkennbar sein. Dies meint nicht die Forderung nach einem Abschied vom Status der öffentlich-rechtlichen Körperschaft, sondern eher die Frage, wofür, für welche Inhalte, die Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Und welche neuen Kompetenzen sie dafür benötigt.

Dass die Mehrzahl der Distanzierten noch Kirchenmitglieder sind, birgt ein grosses Potenzial, mit diesen Menschen in den Dialog zu gehen, um sie zu fragen, welche religiösen Praxen, Räume, Glaubensvorstellungen sie pflegen. Was sie unter Religiosität verstehen.  Was sie an der Kirche gut finden, wie ihr Kirchenbild ist, was sie sich sogar vorstellen könnten einzubringen. Was sie nicht gut finden. Eine Voraussetzung für diesen Dialog wäre jedoch, dass die Kirchen sich von dem Begriff der „Distanzierten“ verabschieden. Denn er wirft erstens die Frage nach der Distanzierung „Wovon“ auf, das in den erwähnten Studien die traditionelle, institutionalisierte und regelmässige religiöse Praxis zu meinen scheint – und gleichzeitig scheint dieses vermeintliche „Zentrum“ ja entweder im Wandel oder nicht mehr so zentral zu sein.
Und zweitens wird durch die „Distanzierung“ von diesem unbestimmten Zentrum möglicherweise eine implizite Zweitrangigkeit der Distanzierten behauptet. Wohlgemerkt: Es geht um eine kritische Rückfrage an die sprachliche Übernahme der soziologischen Kategorien, nicht um die Inhalte der Kategorie an sich. Und auch um die Anregung, in einen ausdauernden und vertiefenden Austausch mit denjenigen zu gehen, die andere Formen der Unterstützung und Zugehörigkeit in religiösen Fragen pflegen. Von „verschiedenen Formen der Unterstützung“ bei Mitgliedern zu sprechen wäre vielleicht wertschätzender als die Formulierung, Mitglieder als „Distanzierte“ zu bezeichnen.

Grosse und gesellschaftlich bedeutsame Mitgliederorganisationen, wie Gewerkschaften und Parteien haben allesamt nicht mehr die Mitgliederbindung der 70er und der 80er Jahre und sind trotzdem weiterhin relevant.  Die Form der Mitgliedschaft ist nur eine Form der Unterstützung, daneben gibt es viele weitere. Im Feld der politischen Partizipation ist zum Beispiel der Begriff der „Volkspartei“ ins Wanken gekommen, da Parteien ihre Dominanz und auch ihre Legitimation als ausschliessliche Vertretung politischer Inhalte und Interessen verloren haben. Diese Entwicklung ist in ganz Europa zu beobachten. Stattdessen haben sich sowohl Organisationsformen wie Formen der Teilhabe ausserhalb von Parteien vervielfacht: Von Bürgerinitiativen und „Bewegungen“ bis hin zu individuellen Formen des Protests, von Wahlen bis hin zu Ein-Punkt-Kampagnen, Unterschriftenlisten und Konsumboykotten. Die Herausforderung für Organisationen generell – seien es nun Kirchen, Gewerkschaften oder Parteien - liegt einerseits darin, die eigene Organisation zu öffnen und ein neues, vielfältigeres Profil zu generieren: Das bezieht sich auf die „Köpfe“, aber auch auf Prozesse, und dies geht nicht ohne Diversity-Strategien „mit allem Drum und Dran“. Zum anderen ist die Frage, auf welche Weise Organisation und neue Erscheinungsformen sinnvoll und dauerhaft kooperieren? Wie lassen sich neue Formen des Engagements mit bestehenden Strukturen verknüpfen, wie lässt sich eine gemeinsame fruchtbare Entwicklung „von alt und neu“ auf den Weg bringen?

Für die Kirchen hiesse das, neben der Verabschiedung des Begriffs der „Distanzierten“, systematisch mehr über diese Personen zu erfahren und auch darüber, welche neuen
Glaubens-, Organisations- oder Verständigungsformen sich die Personen wünschen oder sie gar selbst pflegen. Die Herausforderung ist paradox, aber wirkungsvoll: Mit leeren Händen, aber mit Augenhöhe und Fragen auf die Menschen zuzugehen.

Was meinen Sie? Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung! (Verbindung zu: jeannette.behringer@zh.ref.ch und gesellschaft-ethik@zh.ref.ch!

Mit freundlichen Grüssen
Jeannette Behringer