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Preisfrage: Was fehlt, wenn Gott fehlt?

Im Rahmen des Reformationsjubiläums hat die Reformierte Landeskirche im letzten Frühling eine Preisfrage ausgeschrieben. Sie lautete: «Was fehlt, wenn Gott fehlt?» Aus den 362 Einsendungen hat eine fünfköpfige Jury die drei besten Eingaben mit Preisgeldern prämiert. Nachstehend ein Auszug aus dem erstplazierten Beitrag.

Der kleine Gott

Ruedi Fink

Essay

Der Glaube an den grossen Gott der Christenheit verschwand früh aus meinem Leben. Nachher glaubte ich an anderes. Das ging damals vielen Leuten so. Eigentlich grundlos, wie Fernando Pessoa1 einmal maliziös anmerkt. Vom alten Glauben blieb allerdings einiges zurück. Sozusagen die Hinterlassenschaft des grossen Gottes. Er selber fehlt mir nicht. Für einen kleinen Gott dagegen hätte es Platz in meinem Leben, ohne ihn komme ich mit dem verlassenen Himmel, seinen neuen Gesetzen und Wächtern schlecht zurecht.

Dass ich solche Betrachtungen anstellen darf, ist nicht zuletzt eine Folge der Reformation vor 500 Jahren. Sie hat die Menschen (mit Ausnahme des Klerus) grösser gemacht, Gott allerdings nicht kleiner. Das hat dazu ermutigt, es mit ihm aufzunehmen und das eigene Heil sowie jenes der ganzen Menschheit selber an die Hand zu nehmen. Mir scheint, das sei etwas aus dem Ruder gelaufen. Vielleicht braucht es eine neue Reformation. Einen kleineren Gott. Viel kleiner.

Was fehlt, wenn Gott fehlt, ist nicht für alle gleich, und wie man damit über die Runden kommt auch nicht. Deshalb sind meine Betrachtungen eher biografischer Natur, das heisst: nicht theologisch sondern eher „theografisch“. Aufgeräumte Gotteserfahrung gewissermassen. Was fehlt, wenn Gott fehlt, hängt ebenfalls davon ab, wo und wann man unterwegs ist.

Grosser Gott, wir loben Dich!

Mitte des letzten Jahrhunderts waren in der Innerschweiz an Sonntagen die Kirchen voll und wo es neue Arbeitsplätze gab, mussten für die Zugezogenen und die vielen Kinder, die nach dem Krieg auf die Welt gekommen waren, neue Kirchen gebaut werden. Ich war eines dieser Kinder und wuchs neben einer neuen Kirche auf. Dort habe ich den grossen Gott kennengelernt. Er hing in Bronze gegossen riesig und tonnenschwer am Kreuz über dem Altar, vor dem ich als Ministrant auf den Treppenstufen kniete und stets befürchten musste, er könnte sich von der Wand lösen und den Pfarrer und mich zermalmen. Ausserhalb der Kirche hing Gott wegen den Sünden recht gewichtig über mir und an der Vortragsübung in der Musikschule spielte ich auf der Geige „Grosser Gott, wir loben Dich“. Ein rechter Kontakt mit ihm kam trotzdem nicht zustande. Dafür hatte ich beim Einschlafen manchmal Besuch von einem freundlichen, leuchtend schönen Knaben, der in meiner Vorstellung auftauchte. Er war etwas älter als ich. Ihm konnte ich alles erzählen und hatte ich Kummer, nahm er ihn mir. Jahrzehnte später las ich bei Adolf Holl2, dass in den Katakomben Roms nicht das Kruzifix, sondern ein kleiner Gott in Form einer Hirtenfigur im Jünglingsalter verehrt wurde. Der hätte mir und den anderen Kindern in der Schulmesse bestimmt gefallen.

Der kleine Gott der Urchristen, der sich offenbar noch eine Zeitlang unter ihnen aufgehalten hatte, musste schnell erwachsen werden und verschwand bald im Himmel. Die Kirchenväter ersetzten ihn in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung durch etwas Grösseres: Eine dreifaltige, allmächtige, allwissende, gütige und ewige Gottheit in grösster Herrlichkeit. Damit übertrafen sie die Götter der Antike deutlich. Bei den Nonnen und Mönchen der frühen Ordensgemeinschaften und in der Ostkirche dauerte die Kindheit Gottes etwas länger an.

Wer an den grossen Gott glaubt, nimmt viel auf sich. Vielleicht zu viel: Verborgenheit, Männerherrschaft, Fragen um die Dreifaltigkeit (Vaterschaft, fehlende Mutter, Taube usw.) und unerfüllte Verheissungen. Theorie und Praxis passen nicht zusammen. Zumindest für den Laien. Zwischen dem, was der grosse Gott ist (Ontologie), und dem, was er auf der Erde und anderswo bewirkt, seiner Praxis also, gibt es einen Riss. Vielleicht ist der Glauben durch diesen Spalt entwichen.

Jedenfalls wurden gegen Ende meiner Jugendzeit die Gottesdienste kürzer. Man war froh darüber und besuchte die Messe schon am Samstagabend. Glaube und Hoffnung verlagerten sich nun auch in der katholischen Innerschweiz mehr auf die Verheissungen des Fortschritts, auf Wirtschaft, Technik und Wohlfahrt. Der grosse Gott behielt zwar seinen Platz in der Präambel der Verfassung, in Eidesformeln und in der Landeshymne. Ansonsten kamen auch Staat und Gemeinwesen nun ohne ihn aus. Es war problemlos geworden, nicht mehr an ihn zu glauben.

Ein Gott namens Ökonomie

Wegen der Hochkonjunktur blieb den Erwachsenen trotz dem Verschwinden des grossen Gottes kaum Ruhe um durchzuatmen. Uns Nachkriegs-Jugendlichen dagegen schon. Man wurde halbstark und/oder las Nietzsche, Beckett, Ionesco und Sartre, zog Baskenmützen an, rauchte Gauloises und sah im Leben ein absurdes Theater. Das war für mich vorerst ein Intermezzo, denn bald trug ich wieder einen Sonntagsanzug. Nicht für den Kirchgang, sondern fürs Büro. Ich landete in der Buchhaltung und befasste mich mit Zahlen. Nur auf den ersten Blick eine rein weltliche Angelegenheit.

Die Ökonomie war schon für den grossen Gott eine wichtige Sache gewesen und ersetzte ihn wohl deshalb derart mühelos. Paulus und die Kirchenväter bezeichneten mit dem Wort ‚oikonomia’ (gr. Hauswirtschaft) sowohl die geheimisvolle Organisation im Inneren des Hauses Gottes als auch dessen Wirken nach aussen. Giorgio Agamben3 hat erforscht, wie aus dem Geheimnis der Ökonomie Gottes der Kirchenväter ein Gott und Weltenlenker namens Ökonomie werden konnte. 

Aus meiner Sicht ist es die doppelte Buchhaltung. Sie löst das Theorie–Praxis-Problem, indem sie alles zweimal festhält. Was einer hat – und daher ist – zeigt die Bilanz, und was sein Tun bewirkt, die Erfolgsrechnung. Gratis gibt es die Versöhnung des Seins mit der Praxis aber nicht. Sie gelingt nur, wenn sich dafür alles in Franken und Rappen verwandelt, und wenn die Uhren und Kalender im Gleichtakt sind.

Das ist viel der Ödnis. Für mich war es zu viel. So kam es, dass mir beim Eindösen über einer Lohnabrechnung eine Stimme leise vorschlug, das Kaufmännische sein zu lassen.

Heute sage ich: Das war der kleine Gott. Kurz darauf rief mich ein alter Freund an und schlug vor, Soziologie zu studieren. Ich sagte: „Ja!“

 

1 Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, Ammann, Zürich 2004

2 Adolf Holl, Wo Gott wohnt – die Geschichte einer langen Bekanntschaft, Ullstein, Frankfurt/M., Berlin, Wien 1978

3 Giorgio Agamben, Herrschaft und Herrlichkeit, Zur theologischen Genealogie von Ökonomie und Regierung, (Homo Sacer Bd. II.2) Suhrkamp, Berlin 2010

Den ganzen Text können Sie lesen in der Publikation: “Was fehlt, wenn Gott fehlt?”, die im September 2019 im Theologischen Verlag Zürich TVZ erscheint.