Message

Vom Duft der christlichen Kirchen

Am Kirchentag Züri Oberland in Wetzikon wurde an mehreren Standorten ausgiebig über den Reformbedarf von Kirche und Christentum debattiert.

Nach dem Fraue-Zmorge mit Tischreden und einem Vortrag von Theologieprofessor Ralph Kunz zum Thema „Mission Gottes für die Kirche“ war am Nachmittag in der Aula der Kantonsschule eine Podiumsdiskussion angesagt. Kirche und Politik traten in den Personen von SEK-Ratspräsident Gottfried Locher, CVP-Nationalrat Gerhard Pfister und EVP-Nationalrätin Marianne Streiff-Feller in Austausch. Moderiert wurde die ebenso eloquente wie geistreiche „Elefantenrunde“ von Felix Reich, Redaktionsleiter „reformiert“, der anfänglich die beiden Politiker nach ihrer Kirchennähe und den Kirchenmann nach seiner Affinität zur Politik befragte.

Die Bibel sei für sie nicht Rezeptbuch, aber Richtlinie, antwortete Marianne Streiff-Feller, die einst Sonntagsschule unterrichtet hat und Kirche als erweiterte Familie bezeichnet. In jeder politischen Partei finde man heute Personen, die überzeugt den christlichen Weg gingen, sagte die Präsidentin der EVP Schweiz. Es wäre daher anmassend zu sagen, was christlich sei und was nicht. Am meisten verletze sie, wenn ihr jemand den christlichen Glauben abspreche.

Christliche Werte in die politische Arena übersetzen

Gerhard Pfister, für den das Katholischsein ein Teil seiner Heimat ist, fordert von einer christdemokratischen Politik, dass sie Werte wie Menschenwürde, Freiheit und Solidarität in die politische Arena übersetzt. Gerade lebensethische Fragen seien von einer christlichen Argumentation stark geprägt. Der Präsident der CVP Schweiz unterscheidet dabei zwischen prinzipienbasierter Gesinnungsethik und der Verantwortungsethik, die Konsequenzen bedenkt. Für den SEK-Ratspräsidenten Gottfried Locher darf hierbei die Eigenverantwortung nicht fehlen. „Die Kirche kann selten sagen, was richtig oder falsch ist.“ Trotzdem sollten Pfarrpersonen politisch etwas zu sagen haben, forderte er.

Danach wandte sich die Runde der Realpolitik zu, namentlich der Konzernverantwortungsinitiative. Als Befürworterin sei sie „klar dafür“, mehr Verantwortung zu übernehmen, um Ausbeutung und Zerstörung weltweit zu bekämpfen, sagte Marianne Streiff-Feller. Sie bekannte, manchmal froh zu sein um Stellungnahmen der Bischöfe und wünschte gleichzeitig, vom Kirchenbund mehr zu hören. „Ist er handzahm?“, fragte sie. Tendenziell ja, antwortete Locher. Er räumte ein, dass man in sozialethischen Fragen mutiger sein müsste, doch sei dies in bestimmten Themen wie etwa der „Ehe für alle“ sehr schwierig. „Wir Protestanten müssen uns entwickeln“, bekannte er. Zwar seien sie stolz darauf, bekenntnisfrei zu sein, doch müssten sie Auskunft darüber geben, was denn eigentlich reformiert sei. „Wir müssen überlegen, ob noch verständlich ist, was wir sagen.“ Dabei forderte er, jene Köpfe, die sich exponierten, nicht gleich heftig zu attackieren.

Dem Narrativ des Niedergangs wehren

Die katholische Kirche habe bloss eine leise Stimme in der Politik, bedauerte Pfister. Er diskutiere häufiger auf Podien reformierter Veranstalter und erlebe dort einen unverkrampfteren Umgang mit Themen, derweil die katholische Kirche oft bloss unverbindliche moralische Appelle aussende. Auch Marianne Streiff bedauerte, dass Kirche gesellschaftlich weniger wahrgenommen werde, was sich auch in der rückläufigen Nachfrage nach religiöser Bildung von Kindern zeige. Für Gottfried Locher hingegen hat die Kirche eine „starke Stimme“, die das Gewissen der Menschen mit Werten alimentieren solle und mit biblischen Geschichten einen Wertetransfer in die heutige Zeit zu leisten habe. Dem „Narrativ des Niedergangs“ trat er entschieden entgegen. Als einstige Monopolistin staune die Kirche heute über die Vielfalt religiöser Angebote. „Der Markt der Religionen ist aufgegangen“, sagte er.

In der Fragerunde wurden die Podiumsgäste nach ihrer Haltung zu erleichterten Waffenexporten gefragt. Der Kirchenbund habe dem Bundesrat geschrieben, „in grösster Sorge“ zu sein, antwortete Locher, derweil Gerhard Pfister seine ablehnende Haltung mit wirtschaftlichen Argumenten abschwächte. Angesprochen auf multiethnische Verhältnisse in Schulen und Gesellschaft, mahnte Pfister an, die Identitätsfrage zu klären und eine Leitkultur zu definieren. Auf die Fraktionsdebatte über Leitkultur freue sie sich bereits, sagte Marianne Streiff abschliessend.

Inspirierende Zeit mit Johannes Hartl

Nach dieser Debatte war in der Eishalle eine inspirierende Zeit mit Johannes Hartl zu erleben, dem katholischen Theologen und Gründer des Gebetshauses Augsburg. Er zog sein Publikum mit bildstarken Erkenntnissen in Bann, die auf das Wesentliche fokussierten. Auch hochanständiges Christentum habe oft keinen guten Duft, bedauerte er. An der Kirche sei nur eines wirklich attraktiv, Jesus Christus. Ihn müssten Menschen in Kirchgemeinden riechen können, damit sie wiederkämen, sagte der passionierte Parfumsammler, der die Bibel ausgiebig nach Aussagen über Duft und Riechen abgefragt hat.

Um diesen Duft freizusetzen, dürften Christen viel inniger im Gebet verharren, sprich „länger beten als nötig“, und die Gottesdienste nicht verzwecken, sondern als heiligen Dienst vor Gott verstehen. Sie sollten zudem ihr Innenleben mehr pflegen als ihre Aussenwirkung oder ihren Status und zur Einheit in Vielfalt finden, sagte der inspirierte und rhetorisch begnadete Hartl. Die Liebe beginne nicht erst dort, wo man mit anderen übereinstimme, sagte er und verwies auf den biblischen Bericht von Maria, die ihren geliebten Jesus kurz vor seinem Tod mit überaus teurem Nardenöl verschwenderisch übergiesst. So verschwenderisch schenke Gott den Menschen seine Liebe.

Reformation als innere Erweckung

Was Hartls Botschaften für sie bedeuten, diskutierten danach Podiumsgäste in der Aula der Kantonsschule. „Wonach duften Eure Kirchen, wonach duftet die theologische Fakultät?“, wollte Gesprächsleiter Daniel Stoller-Schai wissen und fragte nach ihren Erfahrungen mit Gebet und ihren Sehnsüchten nach Reformen. Für Catherine McMillan, reformierte Pfarrerin in Dübendorf-Schwerzenbach und Botschafterin des Zürcher Reformationsjubiläums, hängt Reformation zusammen mit einer inneren Erweckung und einer Neuentdeckung des Evangeliums, das erneuert. „Ohne das nützen Anstrengungen oder Struktureingriffe wenig“, sagte sie.

Für Andreas Boppart, Leiter Campus für Christus Schweiz, steht fest, dass viele Menschen eine Sehnsucht nach Spirituellem haben. Geisterfüllte Kirchen seien voll, das hat er kürzlich am pfingstlichen „Fest der Jugend“ in Salzburg mit Tausenden Jugendlichen erlebt. Es brauche eine Kirche, die Licht in die Gesellschaft bringe, und dies auf drei Ebenen: als Basisbewegung, mithilfe einer erneuerten Leiterschaft und durch theologische Denkarbeit. Dafür müssten die eigenen Identitäten geklärt sein und Brückenbauer auftreten. Der Kirchentag sei dafür ein Anfang und ein Segen, so Boppart.

Auch die Theologie brauche Reformen, sagte Professor Ralph Kunz von der Universität Zürich. Noch spiele das Gebet in der theologischen Ausbildung eine viel zu geringe Rolle, dabei müsste es doch Teil davon werden. Eine geistgewirkte Theologie schliesse kritisches Denken nicht aus, sondern sei dabei vielmehr förderlich. In die hochspezialisierte Fakultät brächten heute Jugendliche ihre frischen Düfte ein, was ihn hoffnungsvoll stimme. Dass dieser charismatische Duft sich weiter verbreitet, hofft auch die Wetziker Religionslehrerin und Künstlerin Esther Pfister. Als Katholikin wünscht sie, dass ihre Kirche lernt, die Frauenfrage angeht und im Kleinen weiterwächst.

:: Reportage vom ersten Tag (Link)