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Sinus: Orientierungshilfe

Sinus-Milieustudie: Als Hilfe für die Umsetzung ist ein Orientierungsband erschienen.

An einer Vernissage am 4. Oktober 2012 wurde der Orientierungsband zur Zürcher Sinus-Milieustudie vorgestellt. Er dient als Ergänzung zur eigentlichen Studie, die bereits im November 2011 präsentiert worden ist, und soll nun insbesondere die Kirchgemeinden in der Umsetzung der Erkenntnisse aus der Studie bzw. bei der Gestaltung von zielgruppengerechten Angeboten unterstützen. Er soll „eine praxisbezogene Orientierungshilfe bieten, um auftragsorientiert und milieugerecht Modelle kirchlicher Zukunft zu entwerfen“.

Ausgangspunkt bei der Erstellung der Studie waren Fragen gewesen wie: Was glauben die Mitglieder der reformierten Zürcher Landeskirche und was haben sie für Vorstellungen von Religion und Kirche? Und wie verhalten sich diese Vorstellungen zu ihren sonstigen Wert- und Lebenshaltungen? Und wie lassen sich die Antworten auf diese Fragen für die Gestaltung der kirchlichen Angebote nutzen?

Beide Bände sind nun zusammen unter dem Motto "näher - vielfältiger - profilierter" im Theologischen Verlag Zürich TVZ erschienen:

Lebenswelten. Modelle kirchlicher Zukunft
Band 1: Sinusstudie, Band 2: Orientierungshilfe

Buchprospekt

 

Kirchenratspräsident Michel Müller anlässlich der Vernissage:

Meine sehr verehrten Damen und Herren

Bei einem Grusswort zur Vernissage von „Lebenswelten“ stellt sich einem die besondere Herausforderung in der Vorbereitung: Was soll ich anziehen? Denn an meiner Kleidung lässt sich ja durchaus eine Zugehörigkeit zu einem Milieu erkennen. Ich habe deshalb ausgewählt: Schweizer Schuhe für die Traditionellen, eine Bundfaltenhose für die Arrivierten, ein Hemd mit Krokodil für die Statusorientierten, keine Krawatte für die Postmateriellen, ein Iphone für die modernen Performer.

Seitdem wir vor einem Jahr den ersten Band vorgestellt haben, trage ich manchmal eine Art innere Brille mit mir herum, mit der ich beobachte, wie Menschen ihre Milieu-Zugehörigkeit zu erkennen geben. Das kann natürlich auch anstrengend sein, wenn man sich immer bewusst anpassen will, was gar nicht zu einem passt. Deshalb ist es nötig, dass man die Lebenswelten- Studie selber auch mit einer kritischen Brille anschaut.

Das kann eine dunkle Brille sein, mit der ich pessimistisch auf die Ergebnisse der Milieustudie schaue. Ich lese, dass die Zürcher Kirche noch 2-3 Milieus anspricht, dass sie also nur noch eine Minderheit ihrer Mitglieder erreicht. Das kann deprimierend wirken, soll es aber nicht. Es kommt vielmehr darauf an, dass wir diese Beobachtung wirken lassen und ernst nehmen. Obwohl wir doch den Anspruch haben, für alle da zu sein, gelingt dies offenbar aus der Sicht der Mitglieder nicht. Und da wir den Anspruch, für alle da zu sein, als Volkskirche nicht aufgeben wollen, aber die Leute ja auch nicht zwingen können, müssen wir uns durchaus erschrecken lassen.

Die Zürcher Kirche will nahe bei den Menschen sein, und hat sich deshalb aufgefächert in Gemeinden, Parochien. Diese Gemeinden sind aber je länger je mehr überfordert, alle Bedürfnisse der Menschen abzudecken. Eben: eine einzelne Pfarrperson kann nicht allen gerecht werden, selbst wenn sie sich noch so fantasievoll verkleidet. Das Konzept der geografischen Nähe zu den Mitgliedern ist deshalb zu eindimensional. Die Kirche muss den Menschen näher kommen, etwa auch in thematischer und lebenswelten-perspektivischer Sicht. Deshalb schlägt der Kirchenrat einerseits eine Erweiterung der geografischen Struktur der Kirche vor, wodurch Freiräume gewonnen werden, um den Menschen vieldimensional näher zu kommen.

Das darf aber nicht zu einer unkritischen Anbiederung führen. Die Lebenswelten-Studie wäre falsch verstanden, wenn daraus direkte Ergebnisse abgeleitet würden, wie man auf Menschen zugehen muss. Vielmehr müssen wir als Kirche einen Zwischenschritt einbauen, mit dem wir die Ergebnisse reflektieren. Und zwar auf die Weise, die wesentlich ist für eine Kirche, nämlich theologisch! Wir brauchen also eine kritische theologische Brille auf die Milieustudie. Wenn wir die einzelnen Lebenswelten vom Grund unserer Kirche her befragen, nämlich vom Evangelium her, dann werden wir dadurch profiliert. Eine blosse Anwendung im Sinn einer Anpassung an die Lebenswelten würde zu einer kirchlichen Beliebigkeit führen. Wenn wir aber vom gemeinsamen Fundament in Christus her fragen, werden wir profilierter. Das führt dazu, dass wir usn als Kirche sozusagen neu erfinden müssen. Wir sind entflochten vom Staat, wir können nicht mehr den Staat bitten, die Menschen in die Kirche zu zwingen, das müssen wir schon selber tun. Nein, nicht sie zu zwingen, aber sie bei uns zu behalten. Das fordert ein neues Bewusstsein von Kirche, die profiliert und die Menschen ernst nimmt.

Dadurch werden wir zugleich vielfältiger. Dies Vielfalt kann auch motivieren, eine Lust wecken auf die vielen Milieus, die noch nicht entdeckt sind. Wir brauchen eine lustvolle Sicht, eine rosarote oder bunte Brille auf neue Milieus. Es ist spannend, Menschen in der Vielfalt ihrer Lebenswelten zu entdecken, Milieugrenzen zu überschreiten, statt nur in der eigenen Lebenswelt zu bleiben. Jesus ruft uns dazu auf in der Bergpredigt (Mt. 5,46-48): Denn wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr da erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüsst, was tut ihr da Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? Ihr sollt also vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Vollkommen sein, heisst Leben in der Liebe. Die Lebensweltenstudie hilft, Erfahrungen der Liebe zu machen. Ich wünsche uns eine neue Lust auf die Liebe!

Dazu braucht es neugierige Menschen, die etwas wagen und entdecken wollen. Es braucht genügend Mittel, Zeit und Geld und Räume. Deshalb wollen Kirchenrat und Synode die Strukturen der Kirche anpassen, Gemeinden in grösseren Einheiten zusammenfassen, damit Mittel frei werden, sich auf neue Milieus einzulassen. Weder Strukturen kommen für den Kirchenrat zuerst, noch Inhalte. Die Kirche braucht eine gleichzeitige Reform an Strukturen und Inhalten, was sich gegenseitig bedingt. Die Umsetzung der Lebensweltenergebnisse erfordert auch eine Anpassung der Strukturen oder umgekehrt: eine Strukturerweiterung ermöglicht ein vielfältiges Eingehen auf die Lebenswelten unserer Mitglieder. Wir brauchen Raum für Experimente.

Dies alles erfordert zugleich Vertrauen. An der Vollversammlung der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa habe ich etwas wesentliches gelernt, und zwar von der kleinen protestantischen Kirche in Frankreich, die aus der Fusion von reformierter und lutherischer Kirche hervorgegangen ist. Sie hat sich neu unter das evangelische Motto des Vertrauens, der „confiance“ gestellt. Das hat mich inspiriert für uns. Auch wir lernen einander zu vertrauen, dass der oder die es auch gut meint, wenn er oder sie das Evangelium milieugerecht verkündigt, auch wenn mir das überhaupt nicht entsprechen mag. Wir müssen lernen, einander zu vertrauen, eine Kultur des Vertrauens aufzubauen, weil wir ja glauben, dass Gott uns vertraut.