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Das Feuer von Sodom brennt weiter…

Die bildstarke Dokumentation „Welcome to Sodom“ über eine apokalyptische Mülldeponie in Ghana erhält im Rahmen des 14. Zürcher Filmfestivals (ZFF) den Filmpreis der Zürcher Kirchen.

Eindrücke von einem erschütternden Film und von einer gehaltvollen Preisverleihung

Welcome to Sodom, singt der Rapper am Rand des Schrottplatzes – Welcome? Unzählige wuchtig um sich greifende Feuer, undurchdringbare schwarze Rauchwände, verbrannte Erde einer Einöde, die bis zum verdunkelten Horizont reicht – eine phantasierte Apokalypse auf Erden oder eher Szenerie aus der Hölle? Schlimmer, es sind die bildgewaltigen Aufnahmen eines Dokumentarfilms, der sein Epizentrum mitten in die grösste Digitalschrott-Deponie der Welt legt. Realität und Lebensort für Tausende Menschen, die die jährlich 250 000 Tonnen an entsorgten technischen Geräten aus Überflusswelten mühselig zu neuer Verwendung führen. Ihr Arbeitsplatz liegt in Schrott und Asche, hinter jedem Handgriff lauern hässliche Gefahren wie Verätzungen oder Verbrennungen. Trotzdem verharren Menschen an diesem höllischen Flecken Erde, denn er ist zugleich ein Ort, der das Versprechen geringfügigster Einkünfte bereithält und folglich ein Ort der Hoffnung.

Eine zarte, zuweilen kaum erkennbare, aber nicht zu leugnende Hoffnungsspur zieht durch die erschütternde Dokumentation der beiden österreichischen Regisseure Florian Weigensamer und Christian Krönes. Wo ungezählte zeitgenössische Filme die Abgründe menschlichen Wütens und Versagens gerade auch in goldgerahmten Milieus ausloten, suchen die beiden Filmemacher Spuren von Solidarität und Gemeinschaftssinn inmitten entsetzlicher Armut. Und sie werden fündig. Denn mitten in ihrem materiellen Elend entfalten die Bewohner eine unglaubliche Lebenskraft; tanzend und singend verwandeln sie ihr widerwärtiges Umfeld zeitweise in einen Ort der Lebensfreude.

Die persönliche Verantwortung begreifen

Das dokumentarische Porträt der grössten Elektro-Müllhalde der Welt und ihrer Bewohner überzeuge mit seiner visuellen Wucht, begründet die Jury ihren Entscheid. In ihr sitzen die Filmdozentin Lucie Bader als Präsidentin, die Tatort-Schauspielerin Delia Mayer, der Filmkritiker und Chefredaktor des Zürcher Pfarrblatts ‘forum’ Thomas Binotto, der reformierte Kirchenrat Andrea Marco Bianca sowie der katholische Synodalrat Zeno Cavigelli. Wie letztes Jahr hat sich die Jury vorgenommen, einen Film auszuzeichnen, der universelle Perspektiven enthält, Menschenwürde thematisiert und christliche Verantwortung anspricht.

Warum ihre Wahl auf „Welcome to Sodom“ gefallen ist? „Durch die emotionale Dichte der filmischen Erzählung begreifen wir unmittelbar unsere persönliche Verantwortung für die Auswirkungen von Globalisierung und Digitalisierung“, so die Jury. Präsidentin Lucie Bader hält fest: „Das Feuer von Sodom brennt auch in der Zuschauerin lange nach. Wenn ich tags darauf im Zug sitze und Mobiltelefon und Kabel aus der Tasche ziehe, sehe ich das Flackern des brennenden Elektroschrotts in Ghana vor meinen Augen.“

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Auch den reformierten Kirchenrat Andrea Marco Bianco überzeugt es persönlich, „dass Sodom mir mit unheimlich eindringlichem Bild- und Tonmaterial und ohne moralisierende Worte genau das vor Augen führt, das ich nicht vor Augen haben will, wenn ich ein neues Smartphone oder einen neuen Computer kaufe“. Nämlich, „wie viele unvorstellbare Konsequenzen das entsorgte Gerät sowohl für die Umwelt als auch für die Menschen in Ghana hat“. „Und das macht der Film so umfassend und unausweichlich, dass ich mich als Zuschauer nicht mehr auf eine mentale Ebene zurückziehen kann, sondern mich davon körperlich und seelisch spürbar aufwühlen lassen muss.“

Filme sollten aufwühlen, inspirieren und berühren – wie Predigten auch, sinniert Bianca an der gut besuchten Preisverleihung im Folium Sihlcity. Auch Regierungsrätin Jacqueline Fehr betont in ihrer Ansprache, Filme eröffneten ungewohnte Perspektiven auf den Alltag und vermittelten das Unaussprechliche – wie Kirchen auch. „Filme leisten in Sachen Empathie Grossartiges“, so die „Religionsministerin“. Ihre Hommage an die Kraft filmischen Erzählens führen Jurypräsidentin Lucie Bader und Jurymitglied Delia Mayer fort: „Welcome to Sodom“ sei grossartiges, erschütterndes Kino. Wer den Film gesehen habe, werde sein Handy zwar weiterhin zur Hand nehmen, dabei jedoch stets an Sodom denken. „Die Bewahrung der Schöpfung beginnt immer hier und heute“, so Delia Mayer.

Die Festival-Direktorin, sehr persönlich

Auch Festival-Direktorin Nadja Schildknecht gibt der gehaltvollen kirchlichen Preisverleihung die Ehre, indem sie vor den Gästen über ihre Kindheit in einem katholischen Elternhaus erzählt und unerwartet offen erklärt, der Glaube habe sie stets begleitet. „Es braucht Schein und Sein, das hat das ZFF bewiesen“, sagt sie im Hinblick auf die tiefschürfende Dokumentation, die die schillernde Filmwelt samt allen „Stars“ und Sternchen weit hinter sich lässt. Entsprechend unprätentios, aber umso tiefgründiger wirkt Co-Regisseur Christian Krönes, dessen kurzer Bühnenauftritt kontrastiert mit der epischen Zeit, die er interessierten Gegenübern im Gespräch widmet. „Sodom“, der Name der Deponie, stehe für die „Metapher des Sündenfalls, den wir in Afrika begangen haben“, sagt er. Die biblische Anlehnung gibt auch Kirchenrat und Pfarrer Andrea Marco Bianca zu denken: „Die christliche Verantwortung wird im Film auf der zeichenhaften Ebene bis hin zum Namen des Ortes «Sodom» angemahnt: Es gibt sie wirklich nicht nur in den biblischen Erzählungen, solche apokalyptisch anmutenden Sündenfälle. Und es gilt sie hier und heute im Glauben an einen christlichen Gott mit universaler Ausstrahlung wenn nicht zu verhindern, doch zumindest zu begrenzen.“

Wider den Verlust von Empathie und Solidarität

Zur Begrenzung der Sündenfälle will diese Dokumentation beitragen; und die Crew hat dafür keinen Aufwand gescheut. „Es wird empfohlen, nicht mehr als zwei bis drei Stunden an diesem Ort zu bleiben – wir sind drei Monate geblieben“, sagt Regisseur Christian Krönes. Es gebe immer wieder Fernsehcrews, die diese Deponie für zwei Tage aufsuchten, spektakuläre Aufnahmen machten und wieder verschwänden. „Wir aber wollten den Fokus auf die Menschen und ihre Geschichten legen, den Blickwinkel der Betroffenen einnehmen. Dies setzt Vertrauen voraus – und Vertrauen braucht Zeit.“ Während der Zeit der Aufnahmen hätten sich Freundschaften entwickelt; zuweilen habe die Crew, vier Österreicher und ein Ghanaer, der zeitweilig in Wien lebt, den Anwohnern mit Nahrungsmitteln behilflich sein können. „Das Schönste war, als man uns mit der Kamera nicht mehr bemerkte, da sich die Anwohner an uns gewöhnt hatten“, sagt Krönes.

Die anfängliche Absicht, die grösste europäische Mülldeponie im Herzen Afrikas zu zeigen, habe sich irgendwann gedreht – fortan sei es darum gegangen, das verzerrte Bild des „Wirtschaftsflüchtlings“ in Richtung Wahrheit gerade zu rücken. Im postapokalyptischen Sodom begegne eine tiefe Menschlichkeit und Herzlichkeit, die Flüchtende auf dem Weg nach Europa so nicht antreffen würden. „Wir erleben europaweit einen unglaublichen Verlust von Empathie und Solidarität, von Werten also, auf denen Europa aufbaut“, bedauert Krönes. Daher sei es „notwendig, das Publikum mit unbequem Wahrheiten zu konfrontieren.“ Auf der Leinwand hinter seinem Rücken trägt ein junger Ghanaer eine Kiste Elektroschrott auf den Schultern und stellt sie auf den von Unrat übersäten Boden; hinter ihm eine Wüste aus Feuer und Rauch. You are welcome to Sodom – dein Handy ist schon hier...

Madeleine Stäubli-Roduner

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