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500 Jahre Reformation - Fluch oder Segen?

Ökumenische Podiumsdiskussion zum Thema Tradition und Reformen in Zürich: Im Gespräch die Vielfalt als Bereicherung erkennen

500 Jahre Reformation: Fluch oder Segen?“ Mit dieser zugespitzten Frage wandte sich Moderator und Theologe Peter Dettwiler an die Teilnehmer der Ökumenischen Podiumsdiskussion der „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen im Kanton Zürich“ vom letzten Dienstag im katholischen Zentrum Zürich. „Ein Fluch ist die Reformation, wenn man sie nicht kennt“, antwortete Andrej Cilerdzic, Bischof der serbisch-orthodoxen Kirche der Schweiz und Österreichs. Die Reformation lehre, innerhalb der Ökumene Vertrauen aufzubauen. Zum Erneuerungsbedarf seiner Kirche erklärte er, am ersten orthodoxen Konzil der Neuzeit vom Sommer 2016 in Kreta hätten sich die Teilnehmer mehrheitlich für eine Anerkennung der nicht-orthodoxen Kirchen ausgesprochen. Diese Wiederentdeckung der Brüderlichkeit will er fördern, denn „was du nicht kennst, das liebst du nicht“, so Cilerdzic, der sich derzeit mit der Laientheologie von Bruder Klaus befasst.    

Die Kirchen müssten sich offensiver verbünden, um gemeinsam die brennenden Fragen anzugehen, sagte auch die christkatholische Pfarrerin Angela Berlis. Sie lerne persönlich von der katholischen Loyalität, der reformierten Disputierfreude und der orthodoxen Gastfreundschaft. Als Jahr der kritischen Besinnung, der Reflexion kann die Theologin das Gedenkjahr der Reformierten gutheissen. Für die Professorin an der Theologischen Fakultät Bern, die 1996 als eine der ersten beiden Frauen in der Alt-Katholischen Kirche Deutschlands die Priesterweihe empfing, stellt sich die Grundsatzfrage nach wirkungsvollen Reformen als Bewegungen, die zum Ursprung zurückfliessen könnten. Die christkatholische Kirche hatte sich im Jahr 1870 als Reformbewegung von der römischen Kirche losgesagt, versteht sich aber weiterhin als katholisch.   

Von Klöstern seien viele Erneuerungsbewegungen ausgegangen, bekräftigte die römisch-katholische Theologin Regula Grünenfelder. Der hohe Preis für die Überwindung der mittelalterlichen Missstände liege in der Kirchenspaltung, denn „das Gemeinsame ist doch wichtiger als das Trennende“. Mit Menschen anderer Glaubensrichtungen zu feiern, sei wie in anderen Familien zu essen, sagte Grünenfelder, die etwa für gegenseitige eucharistische Gastfreundschaft plädiert. Als Leiterin der Fachstelle Feministische Theologie der FrauenKirche Zentralschweiz bezeichnet sie es als „Sünde der katholischen Kirche“, Frauen nicht zur Priesternomination zuzulassen. 

Die Thematik der Frauenordination regle bei den Baptisten jede Ortsgemeinde selber, sagte Stefan Gisiger, Pfarrer der Baptisten-Gemeinde Thalwil und Mitglied der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft. Diese Vielfalt versöhnlich zu leben, sei für die Baptisten-Gemeinden eine grosse Herausforderung. Dabei erachtet er es als zentral, die Liebe nach dem Grundsatz „Wie Gott mir, so ich dir“ auch Andersdenkenden zuzugestehen. Gisiger betonte die Notwendigkeit prophetischer Personen in den eigenen Reihen, die herausforderten, gemeinsam eigene Standpunkte zu überdenken.  

In der Frage, wie schnell Neuerungen in einer Kirche umgesetzt werden sollen, waren die Podiumsgäste unterschiedlicher Ansicht: Sind die Anliegen der Menschen in der heutigen Zeit massgeblich oder ist Vorsicht geboten im Blick auf Spaltungen? Bevor sich die Diskussion für Fragen des zahlreich anwesenden Publikums öffnete, benannten die Teilnehmenden zahlreiche Impulse, die jede Kirche aus dem ökumenischen Dialog mit den Schwesterkirchen als Geschenk mitnehmen kann.