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Fraktionserklärungen 2012

Fraktionserklärung 12.06.2012

Synode-Versammlung vom 25. März 2014: Fraktionserklärung der Evangelisch-kirchlichen Fraktion zum Traktandum «Kirche 2019», das sich auf das Reformationsjubiläum bezieht.

Liebe Mitsynodale, liebe Mitglieder des Kirchenrates!

Die Evangelisch-Kirchliche Fraktion hat sich eingehend mit den nun vorliegenden Legislaturzielen befasst. Wir sind der Meinung, dass diese Schrift «Freiheit ergreifen – Hoffnung erfahren» genügend Anlass gibt, hier in unserer Kirchensynode eine Grundsatzdebatte zur Lage unserer Kirche zu führen. Diese vom Kirchenrat ausgearbeiteten Legislaturziele liegen ganz auf der Linie unserer vor kurzem in Kraft getretenen neuen Kirchenordnung. Auf einige prägnante Aussagen sei im Folgenden hingewiesen:

1) «Der reformierte Gottesdienst wird zum identitätsstiftenden, sichtbaren und lesbaren Zeichen der Zürcher Landeskirche.»
(Legislaturziel 1, Seite 8)

Wir wissen es alle nur zu gut:  Dieser Satz beschreibt nicht den aktuellen Zustand unserer Kirche. Wir verstehen diese Aussage als Verheissung, die sich – so Gott will – erfüllen darf; und als konkrete Aufforderung für unser kirchliches Tun. Hin und wieder werden in unserer Kirche Stimmen laut, die behaupten, der regelmässige Gottesdienst lohne sich kaum mehr; die Kirche solle ihre Kräfte anders einsetzen. Dass der Kirchenrat am Gottesdienst festhält, ist gerade in unserer Zeit mutig und prophetisch und erst recht ist es verheissungsvoll.

2) «Gemeindeaufbau bedeutet organisches Wachstum … in Richtung einer Beteiligungskirche.»
(Gemeindeaufbau und Leitung, Seite 19)

Wenn wir diese Aussage ernst nehmen, dann bedeutet sie einen Paradigmenwechsel von grösstem Ausmass: Die seit der Reformation historisch gewachsene Einheit «Staatsbürger = Kirchenbürger» ist nicht mehr Realität (in der Praxis ist sie seit längerem nicht mehr Realität, nun ist dies auch theoretisch, in einem kirchenrätlichen Papier festgehalten). Es wäre auch sinnlos, einem alten Zustand nachzutrauern, der längst verschwunden ist. Mit dem Begriff «Beteiligungskirche» stellen wir uns mutig den Anforderungen der Zukunft. Nun ist es entscheidend, ob wir diese neue Sichtweise unserer Kirche verinnerlichen und die nötigen praktischen Konsequenzen daraus ziehen: Langfristig werden wir – so vermuten wir – nur noch jene Menschen als Mitglieder halten können, die sich auch in irgend einer Form am Leben der Kirche beteiligen (dies ist keine angenehme Vorstellung, jedoch ist es eine, die unsere besten Kräfte mobilisieren wird). Dies bedeutet nun aber auch: Jede und jeder, der sich in unserer Kirche «beteiligt», ist uns willkommen. Menschen und Gruppen die sich in unserer Kirche sehr intensiv für die Sache des Evangeliums engagieren, dürfen nicht mehr unter Generalverdacht gestellt werden. Zudem ist diese kirchenrätliche Aussage ein Fenster für die Zukunft: Beteiligung und Engagement für unsere Kirche sind höher zu gewichten als das Parochialprinzip. Dies könnte zu neu entstehenden Kirchengemeinschaften führen, zum Beispiel in nicht mehr genutzten Kirchen der Stadt Zürich (unabhängig vom Wohnort der sich dort engagierenden Menschen). Sie erinnern sich: Bei der Ausarbeitung der neuen Kirchenordnung im Jahre 2008 wurde diese Möglichkeit hier in diesem Kirchenparlament noch vehement abgelehnt!

3) «Sie (die Kirche) bewahrt und vertieft ihre geistliche Einheit … Sie ermöglicht Zugehörigkeit und fördert ihre Partizipation. Sie wirbt für Kircheneintritte.»
(Legislaturziele 10, Massnahme 10.4, Seite 20)

Damit werden die Fenster zu den Themen «Mission» und «Evangelisation» wieder weit aufgetan: Es sind nicht länger Reizworte sondern Grundmerkmale unseres Kircheseins (so wie es seit Anbeginn der christlichen Kirche immer war).

Liebe Mitsynodale, liebe Kirchenräte! Sie verstehen die Freude meiner Fraktion über diese kirchenrätlichen Legislaturziele; und ich hoffe, sie gönnen uns diese Freude auch: Für diese erwähnten Dinge haben wir uns stets kirchenpolitisch eingesetzt. Dass diese Ziele nun in der Mitte unserer Kirche angekommen sind, ist uns eine grosse Ermutigung. Es ist auch eine grosse Ermutigung für jene Kirchgemeinden, die sich diesen Zielen seit langem verpflichtet fühlen: Wir dürfen und sollen eine mutig (und auch demütig) missionierende Kirche sein.

4) Einen weiterführenden Gedanken wollen wir noch anfügen:

Der säkularen Realität hätte man in diesen Legislaturzielen noch etwas mutiger in die Augen schauen dürfen. Man hätte ungenierter benennen dürfen, welchen grossen Problemen die Kirche momentan gegenüber steht (das Schrumpfen der Gottesdienst-Gemeinden, schwindende Wahrnehmung der Kirche in der Öffentlichkeit, sich am Horizont abzeichnende finanzielle Ausfälle – Stichwort «Kirchensteuer für juristische Personen»). Legislaturziele sind ja ein internes Arbeitsinstrument und keine öffentliche Verlautbarung: Darum dürfte man hier ohne Scheu sagen, was Sache ist und auch, was Sache sein soll. Ein schonungsloseres Aussprechen unangenehmer Realitäten wird unseren kirchlichen Mitarbeitern und Verantwortlichen nicht schaden. Im Gegenteil: Damit würden in unsern Reihen Kräfte mobilisiert,  über die wir nur werden staunen können. Im Umgang mit der gegenwärtigen Not der Kirche ist es die Wahrheit, und nur die Wahrheit, die uns frei macht: Der Wahrheit über den Zustand unserer Kirche in die Augen schauen, kann freilich nur wagen, wer auch die Verheissung des Evangeliums tief im Herzen trägt; die Verheissung, dass die Kirche nicht uns gehört sondern, dass Jesus Christus ihr Eigentümer ist. ER wird SEINE Kirche nicht preisgeben, sondern ihr neues Leben und neues Wachstum schenken. Beides dürfen wir darum unserer Kirche zutrauen: Einen unbeschönigten Blick auf die aktuellen Probleme und Nöte der Kirche. Und erst recht einen unverstellten Blick auf die grosse Verheissung,  die über unserer Kirche ruht. Wir müssen der gegenwärtigen Not unserer Kirche in die Augen schauen. Grösser als die Not ist nur die Verheissung, die über unserer Kirche ruht!



Fraktionserklärung 18.09.2012
Fraktionserklärung zu «Kirchgemeinde Plus»
(zum ursprünglichen Postulat 419 «Stärkung kleiner Kirchgemeinden»).

Liebe Mitsynodale, liebe Mitglieder des Kirchenrats!

Es ist eine wahrhaft gewichtige Angelegenheit, der wir uns hier zu­wen­den: Schon im Vorfeld war sehr schnell allen klar, dass es hier um einen Paradigmenwechsel von allergrösstem Ausmass geht. Als Evangelisch-kirchliche Fraktion skizzieren wir mit dieser Erklärung unsere Sicht­weise zu dieser Thematik.

1) Zunächst danken wir dem Kirchenrat für diese mutige Auslege­ordnung.

Wir wurden alle überrascht von dieser umfassenden Gesamt­perspek­tive der Postulats-Antwort; es war – nota bene – eine Überraschung in positivem Sinn. Wir danken für den befreienden Blick auf die Realität in unserer landeskirchlichen Landschaft. Wir geben zu: Dieser Blick auf die Realität ist zunächst einmal äusserst schmerzhaft und unangenehm. Doch wir wissen ja alle: Nur die Begegnung mit der Realität und mit der Wahrheit kann uns nachhaltig trösten und weiterhelfen (auch die süs­ses­ten Illusionen können uns langfristig nicht helfen). Der Kirchenrat wagt es, uns in unserer landeskirchlichen Selbst­ver­ständ­lich­keit zu verunsichern: Im ersten Moment wirkt dies entmutigend. Wir vertrauen jedoch darauf,  dass in vielen unserer Kirchgemeinden dadurch die besten Kräfte geweckt und die fähigsten Leute wachgerüttelt werden.

Nun ist es äusserst wichtig, dass nicht eine Entmutigungskultur in den Kirch­ge­mein­den Einzug hält: Wir trauen es dem Kir­chen­rat zu, dass er all das, was lebt und gedeiht in den Gemeinden stärkt, ermutigt und positiv begleitet.

Wichtig für uns – als Synodale wie auch für uns als Kirch­ge­mein­den – ist es zu wissen, wohin die Reise konkret weitergeht: Als Kir­chen­par­la­ment wollen wir auf jeden Fall in alle konkreten Schritte dieses Pro­zes­ses eng eingebunden bleiben; das heisst: wir wollen nicht nur in­for­miert, sondern auch dazu befragt werden.

2) Tiefgreifende Veränderungen unserer landeskirchlichen Landschaft

Die flächendeckende Präsenz der Landeskirch mit regel­mäs­si­ger kirch­li­cher Tätigkeit in beinahe jedem Dorf unseres Kantons wird damit auf­ge­ge­ben! (nicht weil es sich nicht lohnen würde, sondern weil wir schlicht die Kraft dazu nicht mehr haben).

Das Ende des Parochial-Prinzips ist damit nur noch eine Frage der Zeit (wenn die Kirchgemeinde A mit der Gemeinde B zu­sam­men­ge­legt wird, warum sollte ein engagiertes Kirchenmitglied sich dann nicht  auf die Gemeinde C hin orientieren, weil ihm diese inhaltlich und personell mehr entspricht?).

Solche Konsequenzen sind an sich nichts Erfreuliches; viel angenehmer wäre es für uns, es bliebe alles so, wie es war. Doch ist es nicht mehr so, wie es war und darum empfinden wir es als grosse Chance, der Zukunft mutig und gestaltend entgegenzugehen.

3) Wir halten fest:

In erster Linie ist diese Auslegeordnung des Kirchenrats ein Not-Pro­gramm für unsere Landeskirche. Not-Programme sind noch keine inhaltliche Erneuerung. Auch tragen sie noch nicht den Samen einer geistlichen Erneuerung in sich. Solche grossen Dinge soll man weder vom Kirchenrat noch von irgendeinem andern Gremium erwarten: In dieser Hinsicht wird unserer Kirche zur rechten Zeit «von anderer Seite her» Hilfe und Kraft zufliessen.

Das kirchenrätliche Papier ist ein Eingeständnis der Not, in der unsere Kirche steckt: Dass diese (nicht nur strukturelle) sondern auch innere Not eingestanden wird, ist an sich schon ein er­mu­ti­gen­des Zeichen des Neuanfangs und der Hoffnung. Über der eingestandenen Not liegt die grösste Verheissung (so jedenfalls verstehen wir das Evangelium Jesu Christi).

Eine sich stark und vital fühlende Kirche würde nicht nach der er­neu­ern­den Kraft des Heiligen Geistes suchen. Eine sich ihrer Schwachheit be­wuss­te Kirche steht an der Schwelle einer neuen Begegnung mit dem, der allein seine Gemeinde erneuern und stärken kann!




Fraktionserklärung 11.12.2012

Fraktionserklärung zum Bethlehem-Dossier im «reformiert.» vom 30. November 2012, abgegeben in der Versammlung der Kirchensynode vom 11. Dezember 2012.

Unter dem Titel «Im Schatten der Mauer» hat die Zeitung «reformiert.» am 30. November 2012 ein Dossier mit einer Reportage aus Bethlehem, eine Kurzchronik des Palästina-Konflikts und Infos über die Lage palästinensischer Christen gebracht.

Dass der Konflikt auch einen erfahrenen Reporter erschüttert, können wir nachvollziehen. Bethlehem im Herbst 2012 ist zum Heulen. Nicht einverstanden sind wir aber damit, dass das Thema, das in der Öffentlichkeit umstritten ist, jetzt, kurz vor Weihnachten, auf diese Weise einseitig dargestellt wird. Drei Punkte:

  • Der Bethlehemer Alltag im Schatten der Mauer ist eine bedauerliche Folge der islamistischen Aggressivität. Bekanntlich haben sich Hamas und ähnliche Organisationen die Vernichtung des Staates Israel auf die Fahnen geschrieben. Der Hamas-Führer Meshal hat dieses Ziel am vergangenen Samstag vor 100’000 Zuhörern in Gaza bekräftigt. — Die Mauer wurde errichtet, um die israelische Bevölkerung vor Terror zu schützen. Und diese Wirkung ist in weiten Teilen auch erreicht worden.
  • Bethlehems Einwohner leben nicht nur im Schatten der Mauer, sondern auch der Islamisten. Dem Reporter jedoch genügt ein Statement, um die Islamisierung Bethlehems als israelische Propaganda abzutun. Wieviel die Islamisierung zur Auswanderung von Christen beiträgt, bleibt offen.
  • Den Vogel schiesst allerdings die «Chronik des Palästina-Konflikts» ab. Die Chronik verschweigt die Verbundenheit der Juden mit ihrem Land aufgrund ihrer Geschichte. Sie verschweigt auch die zionistische Besiedlung seit dem 19. Jahrhundert. Das Jahr der Staatsgründung 1948 wird völlig verzeichnet: Kein Wort davon, dass der Teilungsplan der UNO von israelischer Seite akzeptiert und von arabischer Seite abgelehnt wurde. Kein Wort davon, dass der Judenstaat in der Nacht nach der Unabhängigkeitserklärung (!) von vier arabischen Staaten in einen Krieg um Sein oder Nichtsein verwickelt wurde. Für die «Chronik» ist es 1948 auf unerklärliche Weise, quasi aus heiterem Himmel, irgendwie zum Krieg gekommen.

Auch uns ist klar, dass es keine einfache Lösung für diesen seit Jahrzehnten dauernden Konflikt im Nahen Osten gibt. Aber ist es wirklich die Aufgabe einer kirchlichen Zeitschrift, vereinfachende anti-israelische Clichés zu bedienen? Und dies – nota bene – in einer Zeit, da auch Iran und Hisbollah die Vernichtung des jüdischen Kleinstaates propagieren und über 100 000 Raketen auf ihn gerichtet sind.

Wir fragen: Was trägt das Dossier zur Beschäftigung mit Nahost in unseren Kirchen bei? Im Raum der Kirche sollte man sich ausgewogener und sachlicher ausdrücken.

Die Evangelisch-kirchliche Fraktion fordert von «reformiert.» eine sachlichere, auf Ausgewogenheit zielende Berichterstattung, auch im Blick auf unsere Beziehungen zu den hiesigen jüdischen Gemeinschaften.