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Wirtschaft und gutes Leben

Der Kirchenrat zum Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag am 15. September 2013.

Wirtschaft und gutes Leben

Auch dem, der im Überfluss lebt, wächst sein Leben nicht aus dem Besitz zu.

Lukas 12,15


Die ökonomischen Krisen der vergangenen Jahre haben Spuren hinterlassen. Viele Menschen sind verunsichert. Ihr Vertrauen in die Steuerungsmechanismen von Wirtschaft und Politik und in die moralische Integrität der jeweiligen Eliten ist beeinträchtigt. Die hohe Verschuldung in manchen Ländern Europas und die Politik der niedrigen Zinsen schüren die Angst vor neuen Krisen. Frustration und Empörung über soziale Ungleichheiten sind weit verbreitet. Auch in der Schweiz spürt man den Druck dieser Vorgänge.

Inzwischen wächst die Einsicht, dass es sich bei alldem nicht nur um ökonomische Probleme handelt, sondern dass diese zugleich Ausdruck einer tiefer reichenden Werte- und Sinnkrise sind. Die Stimmen derjenigen, die ein Nachdenken über den Sinn und die Ziele wirtschaftlichen Handelns für notwendig halten, mehren sich und finden Anklang. Glaubte man lange Zeit, die Frage nach dem guten Leben, nach positiven Visionen für das Individuum und für die Gesellschaft, aus dem öffentlichen Diskurs ausklammern zu können oder zu müssen, so kehrt sie heute auf die gesellschaftliche Tagesordnung zurück.

Aus kirchlicher Sicht ist dies begrüssenswert, trägt doch die Wirtschaft nach theologischem Verständnis ihr Ziel nicht in sich selbst. Sie ist Ausdruck menschlichen Handelns und muss dem Wohl des Menschen dienen. Deshalb sind wir aufgerufen, unser wirtschaftliches Zusammenleben so zu gestalten, dass Menschen in Freiheit und ohne Not existieren können und eine faire Chance auf angemessenen Wohlstand haben.

Zur Freiheit gehört die Bereitschaft, Verantwortung für sich und für andere zu übernehmen. Das gilt auch für die wirtschaftliche Freiheit. Unsere Gesellschaft braucht Menschen, die unternehmerische Initiative zeigen. Sie braucht Menschen, die an ihrem jeweiligen Ort Verantwortung für sich und andere übernehmen und denen das Wohl ihrer Mitmenschen und das der Gemeinschaft am Herzen liegen. Sie braucht Menschen, die über ihren eigenen Gartenzaun und den morgigen Tag hinausschauen; Menschen, welche für die von Gott anvertraute Schöpfung Verantwortung übernehmen – im Wissen, dass die Endlichkeit natürlicher Ressourcen dem wirtschaftlichen Wachstum Grenzen setzt.

Kirchen und Gemeinden haben selber Anteil am wirtschaftlichen Geschehen, sei es als Empfängerinnen von Kirchensteuern, sei es als wirtschaftliche Akteurinnen. Deshalb richtet sich der Ruf nach Verantwortung auch an die Kirchen selber. Glaubwürdig können sie nur dann für wirtschaftlich, sozial und ökologisch verantwortliches Handeln eintreten, wenn sie sich selber ebenso verhalten.

Zum guten Leben gehört eine Haltung, die Freiheit mit Gemeinsinn verbindet. Als Christinnen und Christen hoffen wir, dass Gott uns auf diesem Weg begleitet, und bitten um seinen Beistand.

Der Zürcher Kirchenrat wünscht Ihnen einen gesegneten Dank-, Buss- und Bettag!

Michel Müller                                Alfred Frühauf
Kirchenratspräsident                     Kirchenratsschreiber

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