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Von Angesicht zu Angesicht

Wenn Flüchtlingszahlen ein Gesicht bekommen: der Jugendtreff Grossmünster in Sizilien

17 Jugendliche vom Jugendtreff Grossmünster besuchten im Rahmen eines Lagers in Sizilien den Gottesdienst der evangelischen Waldenser-Gemeinde in Scicli, mit der das Grossmünster eine jahrzehntelange Partnerschaft und Freundschaft pflegt. Der Holzkelch und der hölzerne Abendmahlteller aus dem Grossmünster zeugen von dieser engen Verbindung. Die Zürcher Delegation überbrachte Grüsse von der Kirchgemeinde Grossmünster und zeigte sich beeindruckt durch das Engagement der Gemeinde in Scicli, Flüchtlinge zu beherbergen. Diese Erfahrung ermutigt sie, zuhause selber weiter an der Integration von Flüchtlingen vor Ort in der Helferei und in Zürich zu arbeiten.

Nach dem Gottesdienst führte Giovanella Scifo, Mitglied der Gemeinde, die Zürcher zum „Haus der Kulturen“ (vgl. www.fedevangelica.it). Sie leitet das von der evangelischen Kirche Italiens lancierte Projekt zusammen mit Freiwilligen. Im Moment leben auf drei Etagen 40 Flüchtlinge, meist unter 18 Jahren. Sie landeten mit ihren Booten zehn Minuten von Scicli entfernt an der Küste.

Das Projekt versucht, auch vor Ort in Marokko humanitäre Hilfe zu leisten, um den lebensgefährlichen Weg übers Meer zu unterbinden. Die Verantwortlichen versuchen bei den jungen Männern und Frauen den gleichen Integrationsprozess anzustossen wie in der Schweiz: Sprache, Arbeit und Wohnraum. Francesco, der Pfarrer, stösst nach einem Interview mit einem Lokalradio ebenfalls zum Rundgang. Migranten waren auch im Gottesdienst mit dabei.

Die Begegnung

Auf Drängen hin erklärt sich Saloum da Grenius bereit, seine Fluchtgeschichte zu erzählen.

Er lebte in Gambia, zusammen mit den Eltern und Geschwistern. Ausgangspunkt der Flucht ist die Jasmin-Revolution in Libyen. Viele seiner Kollegen versuchen seit vier Jahren, tatkräftig am Aufbau der Demokratie mitzuhelfen. Sie verdienen etwas Geld und schicken dies zurück nach Gambia zur Familie. Saloum möchte dies auch tun, da er keine Perspektive in seinem Land sieht. Er möchte arbeiten und so seine Eltern unterstützen und begibt sich daher auf die Flucht.

Auf seinem Weg nach Libyen wurde er an der Grenze zu Burkina Faso von korrupten Zöllnern aufgehalten. Er soll Schmiergeldbeld zahlen. Weil er kein Geld hatte, versuchten die Zöllner, den Wert seiner Kleider zu errechnen. Weil dieser nicht dem erwarteten Betrag entsprach, wurde er verprügelt. Er konnte aber mit anderen fliehen und geriet in die Wüste, in der er fünf Tage ums Überleben kämpfte. Diese Zeit war für ihn die schlimmste: „Kahles Land, keine Häuser, kein Wasser, kein Essen. Wenn alles ausgeht, gibt es nichts. Schlafen musste er auf dem Boden. Bei Sandstürmen hofften er und seine Leidensgenossen einfach, dass sie überleben.

Endlich in Libyen angekommen, arbeitete er als Taglöhner in Fabriken: „Bezahlt wurde ich nur selten. Ich wurde bedroht, wenn ich das Geld verlangt habe, auch mit Pistolen. Weil ich Ausländer bin, musste ich mich immer im Gruppen bewegen, ich wurde mehrmals überfallen. Ich wollte heim, doch weil der Weg so schlimm ist, getraute ich mich nicht, wieder zurückzukehren.“ Da entschied er sich, über das Meer zu fliehen und in Italien Arbeit zu suchen. „Denn Italien ist für uns, wie Europa, ein kleines Paradies.“

Die Flucht auf dem Boot

Dramatisch erzählt Saloum von den drei Tagen auf dem Boot: „Ich wusste, sterben muss ich sowieso, wenn nicht auf dem Boot, dann in Libyen. Ich hatte keine Wahl. Ich kam auf ein ganz kleines Boot, auf dem dennoch 101 Personen waren. Ein paar Kilometer ausserhalb von Libyen war der Wellengang sehr hoch. Wir sahen libysche Polizisten. Sie wollten uns stoppen. Deshalb sprangen oder flogen viele von uns über den Rand des Bootes, in der Meinung, dass sie das Ufer noch erreichen konnten. Wir alle hatten Angst, viele konnten nicht schwimmen. Als wir vor Sizilien gerettet wurden, waren wir noch 51 Männer auf dem Boot.“

Saloum kann sich im Moment nicht vorstellen, dass er zurückkehren wird. Er stellt sich auf ein Leben hier in Sizilien ein. Er möchte eigentlich zurück, kann jedoch irgendwie auch nicht. Seine Eltern und Geschwistern wissen seit ein paar Wochen, dass er in Scicli ist. Sie sind sehr froh, dass er überlebt hat.

Neben Saloum setzte sich ein kleiner Bube. Abraham heisst er, ist 13 Jahre alt. Er kann weder Italienisch noch Englisch. Sein Bruder lebt im Appenzell in einem Heim. Er wird in ein paar Tagen oder Wochen zu ihm ziehen können. Die Verhandlungen laufen intensiv. Er hätte nichts erzählen können. Ausser Angst und Trauer hatte es nichts in diesen Augen.

Die Reaktion der Zürcher Jugendlichen

Saloum wischte sich die Tränen vom den Wangen. Es ist klar, dass es ihm sehr nahe geht, von sich zu erzählen. Am Ende fragte er die Jugendlichen aus Zürich, was diese Begegnung für sie bedeutet. Ein Jugendlicher antwortete: „Ich habe zum ersten Mal real und authentisch von den Bootsflüchtlingen gehört. Und als er sagte, er sei 17 Jahre alt, dann wurde es noch realer. Ich erfahre zum ersten Mal live, dass eine Flucht möglich ist und auch Rettung möglich geworden ist. Das gibt mir Mut, zu helfen.“

Draussen auf der Strasse vor der „Casa delle culture“ diskutierten die Jugendlichen intensiv: „Weisst Du, wir sind so verwöhnt, wir werden geboren, uns wird jedes Luxusgut nachgeworfen, wir haben keine Ahnung, was das heisst, im Leben Hunger zu haben, Not zu verspüren. Wenn ich die Diskussionen im Fernsehen sehe, in denen gegen Flüchtlinge gehetzt wird, sie alle in einen Topf geschmissen werden und sie für Eigeninteresse instrumentalisiert werden, weiss ich jetzt nach dieser Begegnung, dass man helfen muss, und zwar jetzt, nicht erst vierhundert Jahre diskutieren. Und vor allem sollte man diejenigen, die helfen, nicht diffamieren. Jeder kann helfen, auch mit ganz kleinen Sachen. Das gesamte Europa ist jetzt gefragt. Die Schweiz ist Teil von Europa. Diese Flüchtlinge können nichts dafür, dass sie in Gambia geboren wurden. Schliesslich sind alle gleich und alle haben das gleiche Recht auf Unterstützung, unabhängig von Religion und Kultur. Sie wollen ja arbeiten. Sie kommen ja nicht, um Krawalle zu machen oder Probleme zu generieren. Saloum würde sich bemühen, Arbeit zu finden. Wenn sie als Wirtschafsflüchtlinge verrufen werden, dann so what, sie wollen arbeiten, sind motivierter als mancher einheimische Jugendliche und möchten damit auch die Familie daheim unterstützen. Wenn Kirchen das tun und helfen, finde ich das sehr gut, weil sie als Institution losgelöst von der Politik am meisten Wirkkraft haben. Natürlich ist die Kirche nicht mehr so präsent wie früher. Doch die Kirche hat nach wie vor den Anspruch, sich so zu verhalten, nämlich zu helfen. Wenn auf der Kanzel von der Nächstenliebe gepredigt wird, und im Alltag wird nicht das umgesetzt, dann leidet die Glaubwürdigkeit in zentralen Punkten. Deshalb finde ich es anmassend, wenn Pfarrer und Verantwortliche als Gutmenschen angegriffen werden.“

Konsequenzen des begleitenden Pfarrers Christoph Sigrist

Kirchen tragen in sich das Gedächtnis, das Flucht und Glaube immer schon zusammengehört haben und deshalb Solidarität und Engagement gegenüber Flüchtlingen konstitutiv zum Leben der Kirchgemeinden gehören. Dazu kommt, dass diese Erinnerung immer wieder durch die Begegnung mit dem Anderen wachgerufen wird. Im Gesicht des Anderen, der aus dem Boot steigt, spiegelt sich der Anspruch, sich von der Not, die sich ins Gesicht zeichnet, treffen zu lassen und nicht den Rücken zu kehren. Für Glaubende konstitutiv ist das Bekenntnis, dass im Fremden bisweilen das Gesicht des Auferstandenen aufscheint. „ich war fremd, und ihr habt mich besucht…“

Kirchen tragen in sich das Gewissen der Stadt oder des Landes, dass politische und kirchliche Verantwortung und Entscheidungsfindung auf die Begegnung von Gesicht zu Gesicht angewiesen sind. In der konkreten Begegnung, in der man sich vom Anderen mit seiner Geschichte treffen lässt, wurzeln politische Entscheide und Weichenstellungen. Kirchen sind Räume solcher Begegnungen.

Kirchen schreiben gute Hoffnungsgeschichten ins alltägliche Leben. Mit solchen Geschichten bauen Kirchen an den Häusern der Kulturen, mit solchen Begegnungen schreiben sie Kapitel um Kapitel an der einen, Grenzen, Völker und Länder übergreifenden Kulturgeschichte des Sorgetragens für- und miteinander.