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"Occupy" und Kirchen

Auch in Zürich wird gegen Banken und Finanzmärkte demonstriert. Was sagen die Kirchen?

Nicht nur in New York oder in London, auch in Zürich demonstieren die Menschen gegen die Macht der Banken, die Finanzmärkte und wirtschaftliche Ungerechtigkeit. Und was sagen die Kirchen?

Wo Menschen gegen Ungerechtigkeit protestieren, ist die Kirche ihre natürliche Verbündete. Sollte man meinen. Denn wenn es etwas gibt, wofür die Kirche in Sachen Wirtschaft und Ethik steht, dann doch wohl für Gerechtigkeit. Kein Wunder also, dass Rowan Williams, der Erzbischof von Canterbury und Oberhaupt der anglikanischen Kirche sich mit den Besetzern vor der Londoner St. Paul’s Cathedral solidarisiert hat: „Time for us to challenge the idols of high finance“, lautet die Überschrift seines Artikels, der am 1. November in der Financial Times erschienen ist.

Wenig ist bislang von den Schweizer Kirchen zur Occupy-Bewegung zu hören gewesen, sieht man einmal davon ab, dass die Kirchgemeinde St. Peter in Zürich ihr Gemeindehaus für ein Treffen zwischen Bankenvertretern und Kritikern zur Verfügung gestellt hat. Dabei wäre es nicht sehr riskikoreich, sich auf die Seite der Besetzerinnen und Besetzer zu stellen. Denn wenn selbst Brady Dougan, der CEO der Credit Suisse im Schweizer Fernsehen Verständnis für die Proteste zeigt, ist die Gefahr, dass man mit solchen Solidaritätsbekundungen Leute verärgert, nicht allzu gross.

Warum also die Zurückhaltung? Vielleicht rührt sie daher, dass nicht wirklich klar ist, wofür genau die Occupy-Bewegung eigentlich steht. Viele ihrer Forderungen stossen ja gerade deshalb auf so viel Sympathie, weil sie recht vage sind. Wer wäre schliesslich nicht für mehr Gerechtigkeit? Zwar dürfte auch manch allgemein gehaltene Parole wie die nach der Abschaffung des Kapitalismus schon deshalb nicht auf ungeteilte Zustimmung stossen, weil fraglich ist, was hier mit Kapitalismus eigentlich gemeint ist, doch wirklich schwierig wird die Sache dann, wenn es um konkrete Veränderungen geht, wie die Trennung des Investmentbanking vom übrigen Bankgeschäft, die Einführung einer Finanztransaktionssteuer, die Erhöhung des Eigenkapitals von Banken, die Löhne von Managerinnen und Managern und vieles  anderes mehr. Was genau ist zu tun? Was ist sinnvoll und möglich – auf nationaler, internationaler oder globaler Ebene?

Die Enttäuschung und die Empörung über die Entwicklung der Finanzwirtschaft in den vergangenen Jahren sind verständlich und in vielerlei Hinsicht auch berechtigt. Doch jetzt geht es, da hat Rowan Williams recht, darum, Konsequenzen zu ziehen, und dabei steckt der Teufel, wie so oft, im Konkreten. Insofern ist die Zurückhaltung der hiesigen Kirchen im Hinblick auf die Occupy-Bewegung durchaus verständlich. Konkrete Fragen erfordern oft komplexe Überlegungen, und je komplexer die Dinge werden, desto schwieriger lässt sich sagen, welcher der diskutierten Lösungsvorschläge aus einer christlichen Perspektive den Vorzug verdient.

Soll das heissen, dass Kirchenleute sich vor Stellungnahmen zu wirtschaftlichen und anderen ethischen Fragen hüten sollten, sobald es gilt, konkret zu werden? Keineswegs. Nur sollten sie sich, zumindest wenn sie Reformierte sind, in Acht nehmen, wenn sie für sich in Anspruch nehmen, für die Kirche zu sprechen. Ohnehin ist fraglich, ob die primäre Funktion kirchlicher Stellungnahmen darin besteht, medienwirksam einen Standpunkt in der Öffentlichkeit zu markieren und Einfluss auf die Wirtschaft, die Politik oder wen auch immer auszuüben, oder ob sie nicht zunächst und vor allem die Aufgabe haben, uns Christinnen und Christen bei der Bildung eines eigenen Urteils behilflich zu sein.

Fragen, Anmerkungen, Kommentare? Stefan Grotefeld, Leiter der Arbeitsstelle Kirche & Wirtschaft der Zürcher Landeskirche freut sich auf Ihre Rückmeldung