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Näher bei den Menschen

Die Landeskirche möchte sensibler werden für die unterschiedlichen Lebenswelten der Mitglieder.

Was glauben die Mitglieder der reformierten Zürcher Landeskirche und was haben sie für Vorstellungen von Religion und Kirche? Und wie verhalten sich diese Vorstellungen zu ihren sonstigen Wert- und Lebenshaltungen? Die Landeskirche hat dazu eine Milieu-Studie in Auftrag gegeben, die nun vorliegt und deren Erkenntnisse in die Gestaltung der Angebote einfliessen soll.

Die Menschen leben und bewegen sich in ganz unterschiedlichen Lebenswelten. Das drückt sich aus im Lebensstil, im Konsum- und Freizeitverhalten, in Werthaltungen und Überzeugungen, in Vorlieben und Abneigungen. Diese Lebensgewohnheiten und Denkweisen lassen sich zu charakteristischen Mustern bündeln, die für bestimmte gesellschaftliche Gruppen oder Milieutypen kennzeichnend sind. Das sozialwissenschaftliche Institut Sinus in Heidelberg macht sich dies seit vielen Jahren zunutze und hat ein Modell entwickelt, das ursprünglich für Marketing-Anwendungen gedacht war, mittlerweile aber weit darüber hinaus angewendet wird.

Das Modell umfasst zehn Milieu-Typen, die sich in ihrer Lebensauffassung und Lebensweise ähneln. Bezeichnet werden sie z.B. als «Traditionell Bürgerliche», als «Konsumorientierte Arbeiter» oder als «Moderne Performer». Für die Analysen werden in erster Linie Wertorientierungen und Alltagseinstellungen berücksichtigt. Der hier verwendete Milieu-Begriff orientiert sich also nicht nur an der sozialen Schichtzugehörigkeit und er ist auch nicht abwertend gemeint wie in alltagssprachlichen Bezügen, etwa beim „Rotlicht-Milieu“. Es geht vielmehr um den Blick auf «gesellschaftliche Teilkulturen und deren spezielle Perspektiven auf Gott und die Welt», wie Michael N. Ebertz, Professor an der Katholischen Fachhochschule in Freiburg, am 23. November vor den Medien ausführte.

Das ist durchaus wörtlich zu verstehen, denn selbstverständlich sind auch die religiösen und kirchlichen Orientierungen der Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Das Institut Sinus hat bereits drei Milieustudien für Kirchen in Deutschland erstellt. Die von Geschäftsführer Berthold Bodo Flaig und seinem Team nun in Zürich präsentierte «Milieustudie zh.ref.ch» ist die erste für eine evangelische Kirche und die erste auf der Basis der Sinus-Milieus in der Schweiz.

Die vom Zürcher Kirchenrat und vom Verband der Stadtzürcher Kirchgemeinden in Auftrag gegebene Grundlagenstudie vermittelt detaillierte Einblicke in die Lebenswelten jener Bevölkerungsteile im Kanton Zürich, die für die Landeskirche grundsätzlich erreichbar sind, also in erster Linie die Mitglieder. Es geht dabei um die Frage, welche  Anschlussmöglichkeiten es für die Reformierten in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen gibt. Daraus ergeben sich Hinweise für die Entwicklung von zielgruppenspezifischen Angeboten sowie Wege für eine zielgruppenspezifische Kommunikation.

Die Daten für die Zürcher Milieustudie wurden anhand von Einzelexplorationen mit 100 Personen und in Kreativ-Workshops mit Gruppen ermittelt. Insbesondere wurde dabei auf milieuspezifische Muster der Wahrnehmung von Religion und Kirche geachtet. Dabei zeigte sich, dass beispielsweise das Verständnis von Bibeltexten milieuspezifisch unterschiedlich sein kann. Daraus lässt sich die Folgerung ziehen, dass sich eine milieusensible Auslegung der unterschiedlichen Lesarten bewusst sein müsste. Haupterkenntnis der Studie ist aber, dass die reformierte Kirche nur in zwei bis drei Milieus fester Bestandteil des Lebens ist. Interessanterweise gehört das Milieu der «Bürgerlichen Mitte» trotz starker Familienorientierung der Kirche nicht dazu.

Nicht zuletzt wegen dieser Befunde ist die Studie kein End-, sondern ein Ausgangspunkt. Gemäss Matthias Krieg, Bildungs-Leiter der Landeskirche und Projektleiter auf Seite Herausgeber, soll sie bei kirchlichen Berufsleuten und Behördenmitgliedern Verständnis und Sensibilität schaffen für die Unterschiedlichkeit der Lebensstile. In drei grossen Aufgabenbereichen soll sie Unterstützung bieten und minde­stens die nächste Legislatur leiten: bei der Ausbildung von Berufsleuten, bei der Pro­filierung von Gemeinden und bei der Konzeptionierung der Kommunikation.

Insbesondere für die Idee von Profil-Gemeinden ist der Zeitpunkt günstig. Bei den Stadtzürcher Kirchgemeinden läuft zurzeit ein Reformprojekt, das im Hinblick auf mögliche Strukturen und inhaltliche Ausrichtungen ebenfalls von der Studie profitieren kann. Roland Diethelm, Projektbeauftragter für die Milieustudie im Stadtverband und Pfarrer in Zürich-Wipkingen, könnte sich Gemeinden vorstellen, die verstärkt Projektcharakter annehmen, so wie das die Jugendkirchen oder etwa die Pilgergemeinde der Kirche Offener St. Jakob ansatzweise bereits tun.

Bis im nächsten Sommer sollen die Ergebnisse und die Handlungsmöglichkeiten konkretisiert werden und den Gemeinden in einem Handbuch übergeben werden.