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Müller zum Flüchtlingsdrama

Kirchenratspräsident Michel Müller sprach am 30. August in Kloten zum Flüchtlingsdrama.

In seiner Predigt im Rahmen des Festgottesdienstes zur Wiedereröffnung der Klotener Kirche sprach Kirchenratspräsident Michel Müller am 30. August zum aktuellen Flüchtlingsdrama:

(...) Wie passen in unser dichtbesiedeltes und hochorganisiertes Land plötzlich alle diese Menschen hinein? Geld ist wohl nicht das Hauptproblem, aber wir machen uns Sorgen: Wo haben sie Platz? Wer kümmert sich um sie? Wir verstehen weder arabisch, noch eritreisch, noch was weiss ich. Die Ansammlung von unbeschäftigten jungen Männern, die vielen Kinder, das alles bereitet verständlicherweise auch Sorgen. Wie sollen wir das bewältigen, und wenn es erst der Anfang einer Völkerwanderung ist? Die Herkunftsstaaten sind kaputt, sie schieben ganz gerne ihre überflüssigen Menschen ab oder vertreiben sie gar mit Gewalt. Viele Menschen sind Flüchtlinge mit Asylgrund, viele wohl auch ganz einfach auf der Suche nach Lebensunterhalt, Essen und Arbeit. Bei 60 Millionen Flüchtlingen weltweit, dazu die innerhalb der Staaten Vertriebenen, die nicht erfasst sind, fragen wir uns zu Recht: Warum und wie sollen wir das lösen? Ich habe grosses Verständnis für solche Sorgen: es sind auch die meinen. Ich frage mich, ob und wie wir unsere Werte leben können, wenn so viele Menschen aus anderen Kulturen kommen. In den Ferien in Grindelwald habe ich mich manchmal recht fremd gefühlt unter den vielen Touristen aus Asien und aus arabischen Ländern. Obwohl die ja nicht arme Flüchtlinge, sondern vergleichsweise reich waren, sonst könnten sie sich die Schweizferien nicht leisten. Trotzdem gebe ich aber zu, dass mich diese gesichtslosen, vollverschleierten Frauen im Niqab im Schlepptau ihrer leicht und westlich gekleideten Männer sehr irritiert haben, auch wenn sie im Unterschied zu Flüchtlingen 500 Franken pro Tag hier ausgeben.

Bei allem Verständnis für die Sorgen ist unter keinen Umständen zu akzeptieren, wenn die Sorgen in Hass umschlagen, wie das in Deutschland geschieht, da und dort aber auch in der Schweiz. Und dass die Fremdenangst politisch ausgenützt wird und in Fremdenfeindlichkeit umschlägt. Psychologisch ist das zwar erklärbar: Man fühlt sich ohnmächtig und deshalb auch schuldig, und hängt diese Schuld dann den Opfern an. Hass aber macht alles noch viel schlimmer. Ja, es sind doch Menschen und auch Opfer. Wer gar nichts zu essen hat und vom Krieg bedroht ist: Warum sollte der nicht alles versuchen, um zu überleben? Mitmenschlich können wir das doch auch verstehen. Und wenn ich erst an die vielen verfolgten Christen denke, aus Nigeria, Irak, Syrien und Eritrea: da fühle ich mich auch verbunden als Glaubensbruder. Es stimmt wohl, dass es Flüchtlinge gibt, die Ansprüche stellen und sich nicht an die Regeln halten in diesem hochregulierten und zugleich so freien Land. Aber ist es allzu naiv gesagt, dass auch unser Wirtschaftssystem dazu beigetragen hat und es noch tut, dass es in vielen Ländern ungerecht zu geht und Menschen keine Chancen haben? Zwar sind die wenigsten unter uns skrupellose Kapitalisten, aber wir leben auch davon, sogar die Kirche hier dank dem Ertrag von juristischen Kirchensteuern. Schuldgefühle aber lähmen oder machen aggressiv.

(...)

In unserem Land und ganz besonders im Kanton Zürich kümmern sich Behörden und Gemeinden, die Kirche mit Seelsorge und Beratung in Flüchtlingszentren, aber auch Freiwillige unter anderem in Kirchgemeinden um die Flüchtlinge. Es herrscht bei uns kein Chaos, wie da und dort weisgemacht wird, das hat gerade gestern auch Bundesrat Maurer bestätigt. Vielmehr bemühen wir uns um eine menschenwürdige Organisation. Im Sinne der biblischen Geschichte sollten wir uns weiterhin darum bemühen und alle Beteiligten positiv unterstützen. Ich bin überzeugt, dass dann mehr daraus entstehen kann als wir denken, eine Bereicherung für unser Zusammenleben, wie das in all den vergangenen Jahren auch schon der Fall war. Die Musik im heutigen Gottesdienst beweist uns das. Wo wären wir in der Schweiz ohne die Menschen aus 195 Nationen? Und denken wir an die Hunderttausenden von Schweizern, die im Ausland leben, und wenn wir uns an frühere Zeiten erinnern, leben mussten auf der Suche nach Arbeit und Essen, weil es hier zu wenig gab! Wie war das in Marignano vor 500 Jahren, als Schweizer junge Männer auch aus Abenteuerlust, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen im Dienste fremder Mächte Menschen bekämpften?

(...)

Wir dürfen selbstbewusst sein, ohne andere runter zu machen. Wir dürfen helfen, ohne gleich zu meinen, alle Weltprobleme lösen zu können und zu müssen. Wir dürfen zu unseren Sorgen stehen, ohne sie in Angst und Hass umschlagen zu lassen. Angst lähmt und zerstört jede Liebe. Der Glaube aber macht frei zum Tun des Guten. Wir müssen nicht auf das Wunder warten, sondern das naheliegend Gute glauben, reden und tun.

(...)

Die ganze Predigt im Wortlaut