Message

Mission neu entdecken

Einen Diskurs führen über Glaubensfragen: Der Kirchenrat zum Bettag am 20. September.

Es war der Höhepunkt der 8. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1998 in Harare, der Hauptstadt von Zimbabwe, als unerwartet der Besuch von Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela angekündigt wurde. Er betrat die grosse Halle und wurde stürmisch begrüsst.

Und dann lobte Mandela die Kirchen für ihren Einsatz gegen die Apartheid in Südafrika und die Missionare dafür, dass sie Afrika einen hohen Bildungsstandard gebracht haben, den auch er als Kind geniessen durfte. Mandela sagte u. a.: «Man muss in einem Gefängnis des Apartheidsregimes in Südafrika gewesen sein, um die breitere Bedeutung der Kirche schätzen zu wissen. Man wollte uns völlig von der Aussenwelt abschotten. Unsere Verwandten durften uns nur alle sechs Monate besuchen. Die einzige Verbindung bestand zu religiösen Organisationen: christlichen, muslimischen, jüdischen und hinduistischen. Diese Gläubigen waren es, die uns Inspiration verliehen haben.» In seinen abschliessenden Bemerkungen auf der Vollversammlung würdigte Mandela die Missionare, die durch ihren Glauben und ihr Handeln «an der Ehre der Unsterblichkeit teilhaben und deren Namen über das Grab hinaus und für viele Jahrhunderte lebendig sind».

Die 3000 Anwesenden wurden ganz still. Man hatte sich daran gewöhnt, nur von den problematischen Seiten der Mission zu hören. Nun diese hohe Würdigung durch Mandela.

Viele Christinnen und Christen sagen heute rasch: Ich missioniere nicht. Sie grenzen sich ab gegenüber Fehlern, die in der Mission gemacht wurden. Und sie stehen unter dem Eindruck dessen, was heute Menschen mit Berufung auf ihre religiöse Mission einander antun – in der Überzeugung, den allein seligmachenden Glauben zu besitzen und damit die Welt zu retten. Es gab aber auch das Andere: die sorgfältige und selbstkritische Arbeit, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientierte und durch die Grosses geleistet wurde: Die Achtung vor der einheimischen Kultur, die Erforschung der lokalen Sprachen und Dialekte, die Verschriftlichung der mündlichen Überlieferung – und damit häufig: ihre Rettung vor dem Vergessen. Und nicht zuletzt einen befreienden Glauben. Davon wird wenig gesprochen. Viele Missionarinnen und Missionare setzten ihr ganzes Leben dafür ein. Was sich aus einem solchen Engagement als sogenannt gut erweisen und was lebensdienliche Früchte tragen würde, wird oft erst Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte später ersichtlich.

In unseren Breitengraden äussern viele Christinnen und Christen ihre Überzeugungen sehr verhalten. Im Zweifelsfall schweigt man lieber, als über den eigenen Glauben zu reden. Und so kann der Eindruck entstehen, als hätte die Kirche keine Mission mehr. Es ist an der Zeit, eine neue Weise des Redens über den Glauben zu entdecken, auszuprobieren, zu entwickeln und zu entfalten. Anstatt entweder alle Glaubensaussagen abzustreiten oder sie unentwegt zu proklamieren, ist es heute wichtig, in einen lebendigen Diskurs mit jenen Gruppierungen unserer Gesellschaft zu treten, die der Kirche heute mit glaubwürdiger und plausibler Stimme entscheidende, manchmal unbequeme Fragen stellen. Von diesen Fragen können wir als Kirche manches lernen!

Nelson Mandela hat es der Kirche gedankt, für seine Gesellschaft und seine Zeit Relevantes und Heilendes gesagt und in Wort und Tat bezeugt zu haben. Seien wir gespannt auf die Impulse unserer Zeitgenossenschaft in unserer Gesellschaft.

Der Zürcher Kirchenrat wünscht Ihnen einen gesegneten Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag 2015.

Michel Müller, Kirchenratspräsident
Walter Lüssi, Kirchenratsschreiber

 

Weitere Hinweise:

Verschiedene Kirchen und christliche Organisationen in der Schweiz laden die Bevölkerung in der Schweiz ein, am 19. September, dem Vortag des Bettags in Bern öffentlich miteinander zu beten. Der Anlass auf der Grossen Schanze über dem Berner Hauptbahnhof findet nach 2013 zum zweiten Mal statt. Flyer

In der Spitalkirche des Universtitätsspitals Zürich wird am Bettag ein interreligiöses Gebet abgehalten. Weitere Informationen