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Mehr als ein Konsumwesen

Der freie Sonntag steht für einen freien Menschen, der mehr ist als ein Konsumwesen.

Der Kirchenrat der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich lehnt die Initiative «Der Kunde ist König», die am 17. Juni 2012 zur Abstimmung gelangt, ab. Der Kirchenrat teilt die zahlreichen Bedenken, die gegen die Vorlage ins Feld geführt werden, insbesondere die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für die betroffenen Angestellten und die Gefährdung der Sonntags- und der Nachtruhe.

Im Zentrum steht für den Kirchenrat die zunehmende Ökonomisierung der gesamten Lebenswelt, die mit einer vollständigen Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten weiter fortschreiten würde. Kulturwandel geschieht nicht auf die Schnelle, sondern ist Ausdruck einer langsamen, schleichenden und stetigen Veränderung von Mentalitäten, Einstellungen und der Beurteilung dessen, was selbstverständlich und normal ist: Wir merken häufig nicht, wie wir uns dem Diktat des Konsumismus immer stärker unterwerfen.

Zeitdiagnostische und kulturkritische Beiträge weisen immer häufiger darauf hin, dass zahlreiche Probleme des modernen Menschen mit dem Lebenstempo der heutigen Gesellschaft zusammenhängen. Beispielsweise geben von Burnout betroffene Menschen regelmässig an, von der rasanten Geschwindigkeit in allen Lebensbereichen zunehmend überfordert zu sein. Es fehlen Zeiten und Räume der Musse, wo der Einzelne sich von den Anforderungen des modernen Alltags erholen kann.

Der Sonntag ist eine solche Zeit und ein solcher Raum. Er stellt den Menschen in die Freiheit, an diesem Tag unabhängig von den Zwängen des Werktags ganz Mensch zu sein -für sich selber, für seine Interessen, für die Menschen, die ihm nahe sind. Eine solche Freiheit hängt nicht einfach am Einzelnen, die er sich nehmen kann oder nicht. Eine vollständige Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten würde den Sonntag langfristig unbemerkt in einen Werktag verwandeln mit dem blossen Unterschied, dass die meisten dann frei haben. Er würde einen Geist atmen, der zum Konsum keine Alternative mehr sieht. Der permanente Konsum macht das Individuum jedoch nicht glücklicher, sondern lenkt von dem ab, was dem Leben Sinn und Bedeutung gibt.

Wenn sich eine Gesellschaft aber dem permanenten Konsum verschreibt, verstärkt dies zudem die ohnehin schon bestehende Tendenz, dass ökonomische Tausch-Beziehungen zum dominierenden Beziehungs-Modus werden. Das bekommt auf Dauer nicht nur dem Einzelnen schlecht, sondern auch der Gesellschaft als ganzer.

Besonders beeinträchtigt wäre von einer vollständigen Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten die Gesundheit der Angestellten sowie ihr Sozial- und Familienleben. Aufgrund ihrer ökonomischen Situation wären die meisten von ihnen nicht in der Lage, sich dem zusätzlichen Druck auf ihre Bereitschaft zur Flexibilität zu entziehen – mit den entsprechenden Nachteilen für ihr eigenes Wohlbefinden wie auch für ihr soziales Umfeld.