Message

Für das Kommende bereit

Der Kirchenrat zum Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag am 21. September 2014.

Es waren 70'000 Kerzen, die vor 25 Jahren die Leipziger Strassen in ihr sanftes Licht hüllten. Ihre Trägerinnen und Träger bildeten damit die grösste Demonstration in der damaligen DDR. Ihren Ausgangspunkt nahmen die Kundgebungen in den so genannten Montagsgebeten in der Nikolai-Kirche.

Einen Monat später geschah das gänzlich Unerwartete: Mit dem Fall der Berliner Mauer implodierte der Warschauer Pakt ohne Gewalt und Blutvergiessen. Der Kalte Krieg war an sein Ende gekommen.

Die Geschichte folgt zwar da und dort erkennbaren Mustern, bleibt im Einzelfall aber unwägbar und allemal für Überraschungen gut. Das gilt für die weltumspannenden Zusammenhänge ebenso wie für jede einzelne Lebensgeschichte.

Was aber kommt denn auf uns zu? Wer sich am heutigen Tag zum Gebet versammelt, unterbricht die alltägliche Betriebsamkeit, um den inneren Blick frei zu bekommen für das, was jetzt ansteht: im eigenen Leben, in der Familie, im Beruf und in der Gesellschaft. Was ansteht: herangereift wie eine Frucht, die nun gepflückt werden will – oder endlich weggelegt, weil daran festzuhalten die eigene Integrität beschädigt.

Sich bereithalten für das Kommende, das ist ein Grundmotiv christlicher Lebens- und Glaubensgestaltung. Die Zeit ist erfüllt. Mit diesem kurzen Satz begann schon die Predigt des Täufers. Und Jesus hat sie Wort für Wort wiederholt: Die Zeit ist erfüllt. In Zeiten des anstehenden Wandels die gültigen Worte neu erwägen: Das bereitet dem Kommenden den Weg und macht Menschen für seinen Empfang bereit!

Die Erfahrung, dass Menschen in wiederkehrender Unterbrechung und Sammlung auf wesentliche Impulse für Veränderungen, Wandel und Erneuerung stossen, ist der christlichen Kirche seit jeher vertraut. Das wiederholte Hören auf die biblischen Texte, die Psalmen, das Unser Vater – Gebet hat sie durch alle Zeiten geprägt und getragen. In diesem Hinhören kann sich heute erweisen, welcher Wandel in unserer Kirche und in unserer Gesellschaft ansteht.

Vor 25 Jahren fiel in Berlin die Mauer zwischen Ost und West. Manchmal sind es unsichtbare Abgrenzungen, die sich als besonders hartnäckig erweisen. Was alles die Menschen in unserem Land voneinander trennt: die Sprache, die Kultur, die politischen Einstellungen, die sozialen Schichtungen u.v.a.m. Gerade hier ist Durchlässigkeit zu ermöglichen, ein Freiraum offenzuhalten, der jedes menschliche Leben an seine Unverfügbarkeit erinnert. Gänzlich Unerwartetes ist möglich. Das ist die unaufgeregt-gesellschaftspolitische Dimension des Gebets.

Der Zürcher Kirchenrat wünscht Ihnen einen vom Zutrauen ins Leben und seinen Geber getragenen, heiteren und hellhörigen Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag 2014!