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Der Kirchenrat zum Bettag

Den Ruf nach Toleranz sorgfältig abwägen: Der Kirchenrat zum Bettag am 18. September.

Der Kirchenrat zum Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag am 18. September 2016:


Aus Hoffnung gelassen. Mutig aus Freiheit.


Von solcher Hoffnung erfüllt, treten wir mit grossem Freimut auf (2 Kor 3, 12).

Religiös verbrämte Terroranschläge in unserem nächsten Umfeld treffen die westliche Welt bis ins Mark. Das Einfordern von Toleranz gegenüber unseren westlichen Werten mischt sich mit dem Bedürfnis nach Schutz durch staatliche Überwachung oder gar mit dem Ruf nach Vergeltung: Ein solcher Terror gründe auf einer intoleranten und unaufgeklärten Geisteshaltung, die es an der Wurzel zu bekämpfen gelte. Toleranz wird so zum Identitätsmerkmal gegenüber religiösen Fundamentalisten und damit zu einem Kampfbegriff: Wer nicht tolerant ist, gilt als Bedrohung der westlichen Welt und ihrer liberalen Werte.

Die Kirche tut in dieser Situation gut daran, sich keinen Simplifizierungen anzu-schliessen. Stattdessen sollten sich Christinnen und Christen an die Geschichte ihrer Mütter und Väter erinnern. Diese haben die Fundamente unseres liberalen Rechtsstaates nicht von sich aus entwickelt, sondern aus erlittenem Leid allmählich gelernt. Die Erinnerung an die Verfolgung der Täufer in der Reformationszeit, an den Antijudaismus oder an die Verheerungen des dreissigjährigen Krieges geben wichtige Impulse zur Selbstbesinnung. Oft mussten Friede und Toleranz auch gegen die Kirche errungen werden.

Der demokratische Rechtsstaat fördert die Akzeptanz unter den Bürgerinnen und Bürgern durch Bildung und sichert den gesellschaftlichen Frieden durch die Rechtsordnung. Heranwachsende sollen in der Schule lernen, verschiedene Sichtweisen einzunehmen und sich in andere hineinzuversetzen. Erst wo ein solcher Perspektivenwechsel scheitert und zu Gewalt führt, braucht es staatliche Sanktionen. Eine tolerante Gesinnung ist aber letztlich nicht erzwingbar; sie bleibt auf staatsbürgerliche Tugenden angewiesen.

Hier stehen Christinnen und Christen in einer besonderen Verantwortung. Wir sollen nicht tolerant sein gegenüber Terroristen und Antisemiten oder gegenüber jenen, die homosexuelle Menschen verachten oder Christinnen und Christen verfolgen. Vielmehr sollen und wollen wir mit ihnen streiten, weil wir aus eigener Erfahrung wissen, dass dabei unsere liberale Gesellschaft selbst auf dem Spiel steht.

Kirchenmitglieder können so mithelfen, eine heilsame Toleranz zu bewahren und zu vermehren. Dabei kann uns die eigene Geschichte motivieren, auf andere mit Demut und Besonnenheit zuzugehen. Dabei gilt es zu lernen, Spannungen auszuhalten und um Lösungen zu ringen. Christen und Christinnen tun dies in der Hoffnung, dereinst erkennen zu können, was sie jetzt noch nicht verstehen. Diese biblische Verheissung stärkt den Glauben an eine Zukunft, an deren Gestaltung Menschen zwar mitwirken, deren Zurechtbringung aber Gottes Sache sein wird.

Der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich kommt dabei auch die Aufgabe des Wächteramts zu: Als Kirchenmitglieder sollen wir sensibel unterscheiden, ob der Ruf nach Toleranz unser aller Bestes im Sinn hat oder lediglich dazu dient, die Gesellschaft unselig zu spalten. Dass sich die Zürcher Landeskirche etwa für ein obligatorisches Fach «Religion und Kultur» anstelle des freiwilligen kirchlich getragenen Religionsunterrichts in der Volksschule eingesetzt hat, zeigt, dass sie hier ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung höher gewichtet als allfällige Eigeninteressen.

Spannungsfelder auseinanderzuhalten ist schwierig. Wo es gelingt, ergibt sich die Chance, das Wirken des Heiligen Geistes zu erfahren, der gerade auch Verunsicherten, Erzürnten und Besorgten die Gabe der Unterscheidung schenkt. Dafür zu beten, dass eine solche Unterscheidung bei allen, die Verantwortung tragen, möglich wird, ist eine unspektakuläre, aber wesentliche Aufgabe aller Christinnen und Christen.

Der Zürcher Kirchenrat wünscht Ihnen einen gesegneten Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag 2016.

Michel Müller, Kirchenratspräsident
Walter Lüssi, Kirchenratsschreiber