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Bettag: Freiräume schützen

Der Kirchenrat zum Dank-, Buss und Bettag am 16. September: Freiräume schaffen und schützen

Wir haben die Hoffnung, dass auch die Schöpfung von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werde zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.

Römer 8,21


Der Mensch braucht Frei-Raum. Es beginnt schon bei Kindern und Jugendlichen. Sie sind auf Freiräume angewiesen, in denen sie sich jene Fertigkeiten und Erfahrungen aneignen können, die sie neben den schulisch vermittelten Fähigkeiten auch noch brauchen. Es gilt für die Menschen im Erwerbsleben, die in ihrer Arbeit Freiraum für Kreativität und Räume der Erholung zur persönlichen Regeneration brauchen, sei es im intakten Raum der Natur oder in sozialen Räumen wie der Familie. Es gilt für Menschen in der dritten Lebensphase, die Räume sinnerfüllter Lebensgestaltung und Räume der Geborgenheit erfahren dürfen.

Gott selbst schafft einen Frei-Raum in der Schöpfung. Mit dem siebten Wochentag bzw. dem Ruhetag setzt er der Verzweckung allen Lebens die Freiheit der Zwecklosigkeit gegenüber.

Freiräume sind ein hohes Gut, das es stets von Neuem zu schaffen, zu schützen und zu achten gilt. Freiräume sind eine kulturelle Leistung - für den Einzelnen, für die Gemeinschaft. Die Kirche selbst will Frei-Raum sein. Und sie setzt sich von jeher für Freiräume ein, in denen die spirituellen Fragen des Lebens im Vordergrund stehen dürfen – zeitlich, indem sie den Sonntag heiligt, örtlich, indem sie Räume zur Verfügung stellt.

Das zeigt sich zuvorderst im Gottesdienst, der seinem Wesen nach freien Raum vergegenwärtigt, etwa in der Anbetung Gottes. Es zeigt sich konkret beispielsweise im Spital, wenn in einer besonderen Lebenslage existentielle Fragen aufbrechen. Hier sind es die Seelsorgenden, welche die Zeit und die Fähigkeit haben, sich voll und ganz auf einen Menschen, seine individuelle Situation und sein Lebensumfeld einzulassen. Sie schaffen den Raum, in dem Freiheit möglich wird und spirituelle Bedürfnisse beachtet und gepflegt werden.

Kirche als Freiraum zeigt sich auch im Ruf nach Erholung und Besinnung, wenn der Lärm und die Geschäftigkeit der modernen Welt den Menschen zu überrollen drohen. Immer mehr Institutionen verfügen über «Räume der Stille», die in Zusammenarbeit mit den Kirchen erstellt wurden und die als Inseln im Alltag einen Freiraum für Auszeiten bieten.

Kirche als Freiraum zeigt sich grundsätzlich für den Einzelnen, wenn sich im Ablauf der Zeit spirituelle Fragen nach dem Lebenssinn und der eigenen Berufung stellen. Der Raum der Verkündigung ermöglicht die Suche nach Antworten. Und für das Gemeinwesen öffnet die Kirche Gedankenräume, in denen Fragen der Hoffnung und der Gerechtigkeit nachgegangen werden kann.

Am wertvollsten für eine Gesellschaft ist das, was sich ihrem Druck nicht ausliefert: die «Freiheit der Kinder Gottes». Es sei Menschen zugestanden, einen Raum zu beanspruchen, einfach, weil sie sind, ohne sogleich einen gesellschaftlichen Zweck erfüllen zu müssen. Meint Rechtfertigung aus Gnade statt aus Verdienst doch gerade dies: Aus göttlicher Freiheit heraus wird Raum für Neues geschaffen!

Der Zürcher Kirchenrat wünscht Ihnen einen gesegneten Dank-, Buss- und Bettag!