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"Best practice fürs Leben"

Regierungsrat Martin Graf erwartet von den Kirchen gesellschaftliches Engagement.

An der jährlichen Konferenz der Präsidien der Zürcher Kirchenpflegen am 25. Mai in Zollikerberg sprach Regierungsrat Martin Graf zur Rolle und Aufgabe der Kirche in der heutigen Zeit. Für den Vorsteher der Direktion der Justiz und des Innern ist das traditionelle enge Verhältnis von Staat und Kirchen wichtig. Diese Nähe komme nur schon darin symbolisch zum Ausdruck, dass Kantons- und Regierungsrat ihr Amtsjahr jeweils mit einer kirchlichen Feier beginnen.

Substantieller zeigt sich die Verbundenheit gemäss Graf durch die Staatsbeiträge, welche die anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften für ihre Leistungen zugunsten der ganzen Gesellschaft erhalten. Ohne dass der Staat dadurch zu einem Auftraggeber werde, habe er durch die Beiträge doch Erwartungen ans öffentliche Wirken der Kirchen. Und dieses ist für Martin Graf dringlicher denn je.

In seiner Analyse der globalen Situation kam der Regierungsrat zu einer beunruhigenden Einschätzung. Graf sprach in markigen Worten von einer gehetzten, hysterischen 24-Stunden-Gesellschaft, die in Schein- und Parallelwelten aufgesplittert sei und die viele Menschen an den Rand dränge und ausgrenze. Er erwähnte weiter das rasante Bevölkerungswachstum und den Zwang zum Wachstum in der Wirtschaft, der auf einem falschen ökonomischen Modell basiere. Graf ist überzeugt, dass wir heute daran sind, nicht nur unser eigenes Tafelsilber zu verkaufen, sondern auch dasjenige des Südens: «Wir leben auf Pump. Wenn alle auf der Welt so konsumieren würden wie wir, wäre ein Kollaps unausweichlich.»

Die zunehmende Knappheit wird nach Einschätzung von Graf zu stärkeren Flüchtlingsströmen führen. Schon heute gebe es weltweit rund 250 Mio. Migranten, von denen 50 Mio. Flüchtlinge seien. Und durch die Konflikte im Zusammenhang mit der Klimaproblematik würden noch weitere 250 Mio. dazukommen. Schliesslich erwähnte Graf den Trend zur Individualisierung, der einer weiteren Segregation der Gesellschaft Vorschub leiste.

Regierungsrat Graf ist der Auffassung, dass sich die Kirchen diesen Problemen nicht verschliessen dürfen. Grundsätzlich hätten sie die gleiche Aufgabe wie die Politik: die Gesellschaft zusammenzuhalten und zu kitten. Und die Kirchen hätten den Freiraum, sich relativ frei zu äussern und auch Kritisches anzusprechen.

Graf ist überzeugt, dass die Menschen nach emotionalen Botschaften lechzen, die aufzeigen, dass es in der Welt mehr gibt als nur «Geld, Partnerschaft und Hobby». Die drängenden Fragen von Leben und Sterben seien zeitlos aktuell, und die Kirchen hätten hier trotz Konkurrenz nach wie vor eine Deutungshoheit. Wichtig sei aber, dass nicht einfach Dogmatik oder «Wohlfühlspiritualität» angeboten werde, sondern eine Botschaft, welche die «Erfüllung des Lebens» zum Inhalt habe.

Von den Kirchen erwartet Graf sozusagen «best practice fürs Leben»: aus der Bibel abgeleitete Leitlinien sowie Orte der Geborgenheit, die Ruhe und Sicherheit verkörpern. Die Kirche sollte eine Art «Kurort für Glaube und Hoffnung» sein, der dazu beitrage, dass die Menschen lebenstauglich und gesellschaftsfähig bleiben.

Volltext der Rede