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Zum Gedenken an Arnold Kuster, 1975-81 Mitglied des Kirchenrates

Nach einem Sturz im eigenen Haus in Richterswil und einem kürzern Spitalaufenthalt ist Alt-Kirchenrat Arnold Kuster am 2. August gestorben. Über seiner Todesanzeige steht nach seinem eigenen Wunsch der Satz aus dem Buch Hiob: „Ich weiss, dass mein Erlöser lebt.“

Im September 1975 wählte die Kirchensynode Arnold Kuster, Mitglied der Religiös-sozialen Synodenfraktion, zum Kirchenrat. Das führte zur Situation, dass für einige Jahre zwei Arnold K(C)uster dem Kichenrat angehörten, einerseits Arnold Custer, der in der gleichen Sitzung der Kirchensynode zum Kirchenratspräsidenten gewählt wurde und andrerseits eben das neue Mitglied Arnold Kuster mit K. „Kuster Ka“ klingt klar, bestimmt und wurde in der Folge das Markenzeichen des neuen Kirchenrates.

Arnold Kuster kam mit einem reichen Erfahrungsschatz als Pfarrer von Kloten/ Opfikon, Schlatt bei Winterthur und am Neumünster Zürich in den Kirchenrat. Besonders war, dass er auch ein iuristisches Studium abgeschlosssen und mit einer Doktorarbeit über den Pfarrer im schweizerischen Recht promoviert hatte.

Kuster Ka stammte aus dem St. Galler Rheintal, aus Diepoldsau, der Gemeinde in der Schlaufe des alten Rheins, die durch die Begradigung des Rheins sozusagen vom Gebiet der Schweiz abgeschnitten worden war, was während des Zweiten Weltkrieges besondere Ängste weckte. Davon erzählte er oft und plastisch. Dass er leicht den Zugang zu Menschen in einfachen Verhältnissen fand, begründete er damit, dass er selber aus bescheidenen Verhältnissen stammte. Wichtig war ihm auch sein lebenslang unverfälschter Rheintaler Dialekt.

Kuster Ka übernahm im Kirchenrat die Leitung der Abteilung für Gemeindeaufbau und Gemeindedienste. Dazu gehörten etwa die „Gemeindehelferinnen“, Diakone, Organistinnen und Organisten, Sigristen und Sigristinnen, aber auch die Kirchenpfleger und Bezirkskirchenpflegerinnen und die Fragen ihrer Aus- und Weiterbildung. Die institutionellen Probleme aber auch die je persönlichen Fragen beschäftigten ihn gleicherweise. Seine Erfahrung als Pfarrer und als Jurist kam ihm dabei zugute, führte ihn aber auch in innere Dilemmata. Denn Pfarrersein bedeutet ja selbständig und eigenverantwortlich Sein, sich einsetzen für den einzelnen Menschen und seine spezifische Situation. Der Pfarrer ist Fürsprecher der Freiheit jedes Menschen. Als Jurist fühlte sich Arnold Kuster aber dem gesetzten Recht, der Ordnung verpflichtet. In Zeiten der Veränderung und des Übergangs befindet man sich beim Entscheiden ständig im Konfliktfeld zwischen Ordnung und Freiheit.

Im Vergleich mit der Gegenwart waren die Siebzigerjahre zwar vergleichsweise stabile Jahre. Aber die Anstösse, die wir mit dem Jahre 1968 verbinden, brachten auch kirchliche Veränderungswünsche auf den Weg. Die Abteilung Gemeindeaufbau und Gemeindedienste spiegelte diese Bewegungen auf vielfältige Weise und nahm das theologische und juristische Denken und Entscheiden von Arnold Kuster in Anspruch.

Ich wähle zwei Beispiele, welche ihn durch seine ganze Amtszeit beschäftigten:

Einige Jahre vor Arnolds Kusters Wahl in den Kirchenrat, hatte die Kirchensynode einen „Experimentierartikel“ beschlossen. Dieser sollte dort, wo rechtliche Bestimmungen und ändernde Situationen sich zu sehr aneinander rieben, Experimente gegen den Wortlaut des Gesetzes ermöglichen und so im positiven Fall Entwicklungsrichtungen für die Änderung des rechtlichen Rahmens aufzeigen. Im Blick auf die zu bewilligenden Experimente wurden immer wieder die zwei verschiedenen Seelen sichtbar, die Arnold Kuster als Pfarrer und als Jurist in seiner Brust trug. So liess er etwa die Experimente mit dem Verzicht auf das Obligatorium des Jugendgottesdienstbesuchs nur contre coeur weiter laufen, während er in den Experimenten der Zulassung auch von Kindern zum Abendmahl eine sinnvolle Ausweitung der Bestimmungen zum Gottesdienst sah. So wurde noch in Arnold Kusters Amtszeit die Zulassung auch der Kinder zum Abendmahl offiziell in der Kirchenordnung verankert, während am Obligatorium des Jugendgottesdienst-besuchs festgehalten wurde. Im Blick auf Sinn und Wirkung eines Experimentierartikels formulierte Arnold Kuster in einem Jahresbericht skeptisch: „Einbrüche in die Ordnung der Landeskirche hat er möglicherweise vermindert, jedoch keineswegs ausgemerzt.“

Das zweite Beispiel: Das Bemühen, die Aus- und Weiterbildung der „Gemeinde-helferinnen“ und „kirchlichen SozialarbeiterInnen“ so zu regeln, dass sowohl das professionelle Ausbildungsniveau erreicht, als auch den Bedürfnissen der Kirchgemeinden Rechnung getragen wurde. Hier suchte Arnold Kuster in verschiedenen Anläufen eine Regelung, wie die ganz unterschiedichen Voraussetzungen von Menschen mit einer Ausbildung in sozialer Arbeit, von Diakonen aus Greifensee, von kirchlich Engagierten ohne soziale Ausbildung, in je gezielten Aus- und Weiterbildungkursen zu „kirchlichen SozialarbeiterInnen“ gebildet werden konnten. Arnold Kuster wurde nicht müde, immer wieder neu anzusetzen und Institutionalisierungen zu suchen, aber das Feld war so komplex und so vieles war im Fluss, dass eine „endgültige“ Lösung noch Jahrzehnte auf sich warten liess.

Arnold Kuster engagierte sich als Pfarrer/Theologe und Jurist in seiner Aufgabe als Kirchenrat. Er war ein harter Arbeiter und ehrlicher, zuverlässiger Kollege, der auch etwa unter den Begrenzungen des Amtes litt. Dass er nach sechs Jahren vom Amt des Kirchenrates zurücktrat, hat wohl auch damit zu tun. Vor allem aber mit der Erfahrung des Todes seiner ersten Ehefrau und dem Wunsch, sich wieder ungeteilt seiner Aufgabe als Gemeindepfarrer am Neumünster widmen zu können.

In den spätern Jahren nahm Arnold Kuster gerne an den Zusammenkünften seiner ehemaligen Kirchenratskolleginnen und -kollegen teil, immer wach und kritisch interessiert an den Fragen von Kirche und Pfarrschaft. Seine Kollegen freuten sich, dass Kuster Ka nach der Pensionierung mit seiner zweiten Ehefrau Annelies in Richterswil ein Haus bauen konnte und bis über das 90. Altersjahr hinaus lange ohne zu grosse Gebresten leben durfte.

Nach einem Sturz im eigenen Haus in Richterswil und einem kürzern Spitalaufenthalt ist Arnold Kuster am 2. August gestorben. Über seiner Todesanzeige steht nach seinem eigenen Wunsch der Satz aus dem Buch Hiob: „Ich weiss, dass mein Erlöser lebt.“

Werner Kramer, Zürich