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In 24 Stunden mit dem kirchlichen Jugendzug durch die Schweiz

„Wir haben etwas Grosses in Bewegung gebracht“

Fotos auf flickr.com: Eindrücke der viertägigen Zugfahrt über Auffahrt im Zeichen der kirchlichen Jugendarbeit.


Auffahrtstag, 13. Mai, 8.33 Uhr, HB Zürich: Einige Grüppchen meist junger Menschen, ein paar Kameraleute und Fotografen stehen vor dem Gleis 11 und blicken erwartungsvoll dem sichtlich angejahrten Extrazug entgegen, der sich gerade behutsam ans Gleisende schiebt. Der Jugendzug ist da.

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Der Zug, das ist eine attraktive Komposition mit Lok, einem aufgehübschten DDR-Speisewagen mit Jahrgang 1984 und zwei Erstklass-Einheitswagen von SBB und BLS aus den 60-er und 70-er Jahren. Die Jugend, das ist eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von zumeist kirchlich Aktiven, die sich auf gemeinsamer viertägiger Fahrt vernetzen und über Formen von Jugendarbeit austauschen werden.

Ihre Extratour wird etwas verspätet sogar auf der grossen Anzeigetafel in der Bahnhofshalle vermerkt: „EXT 09:18 Wetzikon Interlaken Ost“, lautet die ungewöhnliche Ansage, und darunter: „Jugendzug.ch – Wegweisendes erfahren“. Wegweisendes ist bereits von engagierten Jungen zu erfahren, etwa von Timon alias Kermit vom Cevi Maur, der seit vier Uhr früh auf den Beinen ist, um den stromlosen Extrazug in Koblenz zu beladen und mit einer Akkubank zu versehen. Eigentlich kein Problem für den 20-jährigen Maschinenbaustudenten, aber das Fehlen vom Strom im noch etwas kühlen Speisewagen, der aktuell zum Pressezentrum umfunktioniert wurde, verlangt von ihm dann doch ein paar Handgriffe ab.

In der Zwischenzeit  haben sich die rund 30 Teilnehmenden in den Erstklassabteilen gemütlich eingerichtet; da werden Bücher gestapelt, dort läuft schon vor der Abfahrt eine Schachpartie. Einige kennen sich bereits von ihren Engagements in Kirchgemeinden, andere stossen sogar aus anderen Kantonen dazu, wie etwa die kontaktfreudige Sarina aus Bern oder ein Duo aus Glarus. Die angereisten Kameraleute von Tele Züri und Tele Top arrangieren ihre ersten Interviews mit den freudestrahlenden Tour-Operatern des Dampflokvereins 241-A-65 aus Full-Reuenthal.

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Den Bahnverkehr auf den Kopf gestellt

9.18 Uhr: Mit einem kräftigen Ruck setzt sich der Jugendzug für seine ersten Meter in Bewegung, anfänglich noch rumpelnd und ächzend, bald schon reibungsfrei. „Wir haben etwas Grosses in Bewegung gebracht“, begrüsst Initiator Bernhard Jäggle zum Start des allerersten Jugendzugs, der gleichzeitig auch als erster Extrazug seit Corona-Beginn den Bahnverkehr auf den Kopf stellt und daher eine logistische Meisterleistung des Organisationsteams darstellt. Bald nimmt der Zug zügig Fahrt in Richtung Oberland auf, hält kurz in Schwerzenbach, um dann zur Erheiterung der Mitfahrenden den belebten Bahnhof Uster ohne Halt zu passieren.

9.51: Während mitten in Wiesen neben den Gleisen die ersten Trainspotter gesichtet werden, steuert die Komposition in Wetzikon zielsicher das Gleis 1 an, wo grosser Bahnhof angesagt ist. Erst auf das entsprechende Signal steigen die jungen Fahrgäste im Blitzlicht einiger Medienleute aus dem Gefährt, das anschliessend zur Pressekonferenz ins Depot disloziert. Eine Vision sei Realität geworden, erklären dort die sichtlich gerührten Verantwortlichen der Landeskirche zu ihrem Prototyp-Projekt.

Besuch beim Cevi Gossau210513_ref_jugendzug_9513.jpg

Als zentrale Sparringpartner lassen die passionierten Mitglieder des Dampflokvereins in ihre Fahrpläne blicken, namentlich Marketingchef Jürg Hanselmann, der die Route organisierte, und Vereinspräsident Toni Sigrist. Spannend hört sich auch der Weg von Bahnunternehmer und Lokführer Pierre Widmer an, der einst als Zahnarzt wirkte. Dass sie im HB Zürich während einer vollen halben Stunde das Gleis 11 bekommen hätten, gebe es normalerweise nicht, aber „geht nicht - gibt’s nicht“, verraten die Eisenbahnfreaks, die sichtlich Spass daran bekunden, auch äusserst kurzfristig ein ungewöhnliches Zugprojekt mit jungen Menschen aufzugleisen.  

Neben der Freiwilligkeit der Bahnexperten mache der Jugendzug auch die kirchliche Freiwilligenarbeit sichtbar, sagt Bernhard Jäggle. Darum heisst die mit zwei Kleinbussen anvisierte nächste Haltestelle: Cevi Gossau. Vor Ort informieren dort Aktive wie etwa der mitreisende Calvin über ihren Cevi, den traditionellen Jugendtreff Pöstli sowie die Kirchgemeinde und fordern anschliessend zu Feedbacks auf grossen Papierbögen auf. „Wie genau kommt das C ins Spiel?“, hat jemand notiert. Bei feinen Grillwaren und Salaten wird vor dem neuen Cevi-Gebäude weiterdiskutiert, bis eine Regenfront dem lauschigen Outdoor-Stelldichein ein jähes Ende setzt. Glücklicherweise halten im strömenden Regen die beiden versierten Buschauffeure unmittelbar vor dem Cevi-Haus ihre Wagentüren weit geöffnet.  

Workshops, Tanz und Meditation

210513_ref_jugendzug_9368.jpg14.05 Uhr: „Extrazug nach Interlaken Ost“, tönt es bald zur Belustigung aller am Bahnhof Wetzikon aus dem Lautsprecher – und schon ist die alte Komposition wieder auf Achse. Unterwegs via Rapperswil und Sattel nach Luzern sind Workshops angesagt, denn der Zug ist auch mobiler Schulungsort, Vernetzungszentrale und Weiterbildungsstätte. So präsentiert die Wädenswiler Jugendarbeiterin Sabine Godinez als Co-Präsidentin der Watoto Foundation die Smart-Farm, eine innovative App mit Wissenstransfer für Kleinbauern in Kenia. Sie berichtet multimedial von Kenia-Projektbesuchen mit Schweizer Jugendlichen, eröffnet via QR-Codes Zugang zu Kurzvideos, reicht kenianischen Tee und ermutigt zu nachhaltigen Engagements sowie Spenden. „Be part of the solution“, heisst es auf der Leinwand. „Ihr habt so viel Power, so viele Netzwerke, Ihr könnt so viel verändern“, spricht sie den Jungen zu, die sie danach noch vertieft befragen.

17.02: Schachen, Kanton Luzern. Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen. Die Reisenden werden von Aktiven beider Landeskirchen  aus Malters am putzigen Bahnhof Schachen empfangen, mit eingepacktem Kuchen verköstigt und zum vergnüglichen Jerusalema-Tanz animiert. Eine kleine Meditation in der Herz-Jesu-Kapelle schafft einen kurzen Moment besinnlicher Ruhe. Bald geht es weiter durch das malerische Entlebuch und später in wunderschöner Abendstimmung dem Thunersee entlang nach Interlaken-Ost, wo Zug und Gästeschar ihr Nachtlager aufschlagen werden. Unterwegs holt das Wetziker Filmduo Stephan und Nicolas mit der Kamera eine erste Tagesbilanz von Bernhard Jäggle ein und befragt Teilnehmende nach ihren Highlights. Da und dort werden Handys gezückt, um die ersten TV-Beiträge und den ersten digitalen Zeitungsartikel über das laufende Projekt abzufragen.

Freitag, 14. Mai, 8.45 Uhr: Die kurze Verschnaufpause mit spätem Dreigangmenu, ruhiger Übernachtung und feinem Frühstücksbuffet ist vorbei. Auf Gleis 5 des Bahnhofs Interlaken-Ost steht der Extrazug bereit und führt durch sonnenbeschienene Seelandschaften nach Thun und später nach Burgdorf, Langenthal, Olten und Aarau. Wegen einer Baustelle ist Bern unpassierbar – und die Weiterfahrt nach Aarau daher nur dank Extrazug möglich...

Sozialdiakonin im Führerstand

210513_ref_jugendzug_9482.jpgIm Führerstand hat  sich eine mitfahrende Sozialdiakonin ein attraktives Aussichtsplätzchen gesichert. An Bord wird wieder gearbeitet und diskutiert, ebenso gelacht und geschwatzt. In einem weiteren Workshop berichten Verantwortliche und Teilnehmende aus den Kirchgemeinden Zürich und Uster von ihren persönlichen Erfahrungen mit dem Jugendleiterkurs ZAK – Zusammen auf Kurs, sie erzählen von erlebter Gemeinschaft, wertvoller Teamarbeit und kirchlicher Sozialisierung. Aufmerksam lauschen die rund 15 Jugendlichen in Wagen 2 den Ausführungen; sie werden nach dieser viertägigen Sonderfahrt auf jeden Fall vielfältige Ideen und Impulse in ihre Kirchgemeinden zurücktragen und dort vielleicht Neues anstossen. In diversen Zugabteilen befassen sich wechselnde Gesprächsrunden auf Basis von Theologie-Kärtchen mit provokativen christlichen Klischees wie etwa „Das Alte Testament ist ein Buch des Krieges“.

10.53 Uhr: Ankunft in Aarau. Der Jugendzug ist bereits über 24 Stunden unterwegs. Längst sind Verantwortliche, Teilnehmende und Crew miteinander vertraut, die Stimmung ist aufgeräumt und gelöst. Einmal mehr packen alle ihren Tagesrucksack und verlassen ihr temporäres mobiles Wohnzimmer für eine neue Erkundigungstour, diesmal ins Eisenbahn-Depot von Full-Reuenthal. Bis die muntere Belegschaft wieder an Bord steigt, wird der Jugendzug  auf einem Nebengleis auf ihre Rückkehr warten.  


Jugendzug mit Perspektive

Bernhard Jäggle, Jugendarbeiter in Maur und Egg, nahm über Auffahrt rund 30 Teilnehmende zwischen 18 und 25 Jahren sowie Begleitpersonen aus Pfarramt, Sozialdiakonie und Jugendarbeit im Extrazug auf eine Reise durch die Deutschschweiz. Während der Fahrten und an ausgewählten Orten wurden Formen kirchlicher Jugendarbeit vorgestellt und diskutiert. Das Projekt bezieht über 20 Kirchgemeinden und Verbände ein und ist auf drei Jahre ausgelegt. Für das nächste Jahr plant Bernhard Jäggle eine Fahrt in die Westschweiz – dann mit einer doppelt so langen Zugskomposition inklusive Liegewagen. Hauptsponsoren sind die reformierte Kirche des Kantons Zürich und  die Auftrag gebenden Kirchgemeinden Egg und Maur.

:: www.jugendzug.ch


Reportage von Madeleine Stäubli-Roduner / Fotos Reto Schlatter