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Kirchentag Züri Oberland: Ein Zeichen setzen für den Dialog

Am Donnerstag wurde der Kirchentag Züri Oberland in der gut gefüllten Eishalle Wetzikon mit einer eindrücklichen ökumenischen Gottesdienstfeier eröffnet.

Blitz, Donner und Gewitterregen entladen sich über den Pilgerscharen, die am Donnerstagnachmittag in Weilern, Dörfern und Städten des Oberlands aufgebrochen sind, um mit weiteren Gruppen gemeinsam nach Wetzikon zu marschieren. Durchnässt, aber bester Dinge versammeln sich alle auf dem Platz vor der Eishalle. Dort hat die Sonne gegen Abend nochmals ein Einsehen und bescheint in goldenen Tönen die Szenerie, die sich nun mit immer mehr Menschen füllt. Aus dem grossen Festzelt schallt es fröhlich, am Informationsstand mit den Ballonen in Grüntönen gibt es Pins und Mützen mit dem Slogan „mitenand glaube“ zu erstehen.

Zahlreiche Freiwillige in lindengrünen Shirts weisen den Weg in die Eishalle, die nun während vier Tagen inoffiziell zur Festhalle umgenannt wird. Im transparenten Glas-Kubus lädt ein Reformationsquiz ein, bedeutungsstarke Zitate den richtigen Schweizer Persönlichkeiten zuzuordnen und über die aktuelle Bedeutung der reformatorischen Soli nachzudenken. Einsichten und Gedanken können auf grosse, bunte Post-its notiert und an die Wand geklebt werden.

Christliche Vielfalt in allen Facetten

Allmählich füllt sich die riesige Festhalle, deren Symbole in diesen Tagen eindeutig nichts mit Eishockey zu tun haben. In der rechten vorderen Ecke steht ein grosses Holzkreuz, dessen Farbbeleuchtung dezent variiert, in der Ecke warten Büchertische und Salontischchen auf Gesprächsfreudige. Nun setzt Blasmusik mit einem Halleluja ein und Daniel Stoller-Schai, Präsident des Vereins „Aktion Kirchen Züri Oberland“, begrüsst zum Fest „in christlicher Vielfalt in all ihren Facetten“. Der Kirchentag sei „verrückt“, sagt er, denn „wir wollen einiges verrücken“, nämlich „Ihr Bild von Christsein in der Gesellschaft“ wie auch das Bild der Gesellschaft von der Kirche. Er dankt dem grossen Organisationskomitee und ermutigt die Gäste: „Lassen Sie sich auf neue Erfahrungen ein und lassen Sie sich überraschen.“ Wer sich an die sieben Standorte begehe, könne in Ruhe von Ort zu Ort pilgern und habe dabei genügend Zeit zum Plaudern.

Auch der Wetziker Stadtpräsident Ruedi Rüfenacht freut sich, in der multifunktionalen Eishalle mit Oberländer Gemeinden feiern zu dürfen. „Ihr setzt ein Zeichen für den Dialog“, ruft er und wünscht „inspirierende Stunden in der Stadt Wetzikon“. Organisator Matthias Walder berichtet, dass das Motto „mitenand glaube“ im Vorfeld des Kirchentags leisen Spott geerntet habe. Ein lahmes, simples Motto? Nein, es sei im Gegenteil sehr anspruchsvoll, dieses Miteinander im Glauben. „Dort, wo wir uns einig sind, sollen wir feiern. Dort, wo wir uns nicht einig sind, müssen wir ins Gespräch kommen“, gab er zu bedenken. Die Reformation lade ein, sich auf das Wesentliche zu besinnen – und das verbinde: die Schrift, Christus als Hoffnung und Heil dieser Welt und unsere Antwort in Treue.

„Im Herzen ist die Kirche eins“

In der Zwischenzeit scheint auch der letzte Sitzplatz in der festlich beleuchteten Halle besetzt zu sein; verschiedene Neuankömmlinge suchen schon fast erfolglos nach einer Sitzgelegenheit. Über den Köpfen zieht eine Kamera ihre Bahnen, Kameraleute projizieren das Geschehen auf zwei grosse Leinwände. Die festlich gekleideten Mitglieder des Projektchors Kirchentag stellen sich auf. Unter der Leitung von Joao Tiago Santos und begleitet von einem hochkarätigen Klassik-Quintett interpretieren sie choralartige Werke, in die Kirchenlieder zum Mitsingen eingeflochten werden. Die Liturgen Pfarrer Matthias Walder aus Hinwil, Stefan Isenecker, katholischer Pfarrer und Dekan, sowie Friedel Zwahlen, Pastor FCGW in Wetzikon, übergeben nach Gebeten mit dem refrainartigen „Kyrie eleison“ das Wort den Ehrengästen.

„Im Herzen ist die Kirche eins“, sagt Josef Annen, Generalvikar der römisch-katholischen Kirche im Kanton Zürich, und ruft damit eindrücklich zur Einheit auf. Diese Einheit sei schon da. „Wir sind alle Teile der einen Kirche Jesu Christi, die keine Spaltung kennt“, sagt er. Aber man habe sich auseinandergelebt, bedauert er. Die Reformation sei die dringliche Einladung zum Miteinander. Als Theologiestudent habe er mehr gelernt von Reformierten als von Katholiken, bekennt er. Bei den Freikirchen gefielen ihm der frische Gesang, das offene Beten und der Mut zum öffentlichen Bekenntnis. Die katholische Kirche ihrerseits bringe Liturgien ein. „Wir bewegen uns und geben nicht auf, uns um einen Tisch zu versammeln“, sagt Annen und erntet damit spontanen Applaus.

Anbetung kennt keine Konfession

Dann ruft Kirchenratspräsident Michel Müller auf, dem Predigttext Kolosser 3,16 zu folgen und überall zu singen, wo sich Gelegenheit bietet, denn „Musik ist das Herz der Ökumene“. Anbetung kenne keine Konfession, das Evangelium befreie zur Liebe. Im bevorstehenden Zwingli-Jubiläumsjahr werde die Kraft der Bibel gefeiert, die er einst persönlich bei der intensiven Lektüre entdeckt habe. Der Zürcher Reformator habe bei seiner Übersetzung die Schrift entdeckt – und die Freiheit zur Liebe. „Die Liebe ist das höchste Gebot, sie kann nicht eingeschränkt werden“, sagt Müller und bezieht dabei explizit die homosexuelle Liebe mit ein.

Selbstkritische Töne schlägt Methodisten-Pfarrerin Claudia Haslebacher an, Vizepräsidentin des Verbands Freikirchen Schweiz. „Wie viel wird von Menschen im Namen Gottes getan, was anderen schadet“, sagt sie. Mit Verweis auf den Kolosser 3,17 ermutigt sie, das neue Kleid von Gott anzuziehen und sich von ihm wirklich verändern zu lassen.“ Jesus bewirkt die Veränderung, die zum Frieden führt“, sagt sie. Am Kirchentag dürften Menschen erleben, dass Vergeben dazu führe, dass Wunderbares geschehe.

Nach einem gemeinsam gesprochenen Glaubensbekenntnis bringen die Liturgen in einer eindrücklichen Zeit der Besinnung und Busse die „Schuld der Vergangenheit“ vor Gott und bekennen, dass Christen aneinander schuldig geworden sind. Nach Fürbitte, Unser Vater und Segen wartet ein Apéro, bevor im stimmungsvollen „Ping-Pong“-Konzert unter der Leitung des Pfäffiker Kantors Nicolas Plain klassische und popig-rockige Lieder erklingen.

:: Das Programm im Detail (PDF)

:: Die Website kirchentag2018.ch

Fotos vom ersten Abend:

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