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Ein Kamel an der Krippe

Interview mit einem vernachlässigten Tier.

Von Pfr. Achim Kuhn

Eine Geschichte aus dem Buch «Schöne Bescherung. Weihnachtsgeschichten von heute». Mit Erzählungen von: Linard Bardill, Arnold Benz, Hans-Rudolf Merz, Adolf Muschg, Mona Vetsch u. a. TVZ, 2019. 


Moderator (M) (nur Stimme ist zu hören): Jetzt komm schon. Stell dich nicht so stur. Komm endlich. Die tun dir nichts.

(Sichtbar wird eine Person. Sie zieht hinter sich ein grosses oder kleines Stoffkamel her. Die Person, die M spricht, tritt ans Mikrofon. Das Kamel ist dort ebenso gut sichtbar. Die Person, die das Kamel spricht, redet aus dem Off.)

M: So, da sind wir schon. Tut mir leid für die Verspätung – Kamele sind manchmal ein bisschen …

(räuspert sich). Egal. Also: Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen. Herzlich begrüsse ich meinen Interviewpartner – ein sprechendes Kamel.

Kamel (K): Guten Tag.

M: Liebes Kamel, in der Überlieferung der Weihnachtsgeschichte ist vom Ochsen die Rede, von Schafen und vom Esel. Aber nie von Ihnen, nie von Kamelen.

K: Ja, ist das nicht unfair? Dabei sind wir die Wichtigsten unter diesen Tieren rund um die Krippe.

M: Wieso die Wichtigsten? Es sind doch alle wichtig – und es wurden vermutlich gar nicht mal alle genannt; in der Überlieferung wurden sicher noch Tierarten vergessen, wie zum Beispiel der Hütehund. Die Stallkatze. Mäuse und …

K: … und so weiter. Trotzdem: Wir wurden vergessen. Wissen Sie warum?

M: Keine Ahnung.

K: Weil wir Kamele keinen Knuddelfaktor haben. Unser Fell stinkt, es sieht nicht gerade appetitlich-schön aus, wenn wir essen, unsere Silhouette ist nicht süss, und wir sind viel zu gross, als dass man uns zum Beispiel mit aufs Sofa nehmen könnte wie eine Katze oder einen kleinen Hund.

M: Tiere, die ja eben auch nicht in der Weihnachtsgeschichte überliefert werden, wie wir festgestellt haben. Aber betrachten wir das mal umgekehrt: Warum – warum hättest du, liebes Kamel, in der Weihnachtsgeschichte überhaupt auftauchen sollen?!

K: Weil ich all das habe, was einen Christen ausmacht. Ich bin das Bild eines idealen Christen.

M: Du als Kamel? Du bist das Bild eines idealen Christen?

K: Ja.

M: Weil du Höcker hast, von denen du wochenlang leben kannst, weil du Fett darin speicherst?

K: Nein.

M: Weil du in fünfzehn Minuten 200 Liter Wasser trinken kannst, was etwa einem Drittel Deines Körpergewichts entspricht?

K: Nein.

M: Weil deine roten Blutkörperchen nicht rund, sondern oval sind?

K: Nein.

M: Weil deine Nieren ganz besonders speziell geformt und vergrössert sind, damit du mehr Wasser aufnehmen kannst?

K: Nein. Was soll denn das? Das hat doch alles nichts mit einem typischen Christen zu tun.

M: Nöö, nur mit Kamelen. Das stimmt. Aber ich verstehe deinen Vergleich nicht. Jetzt sag einmal: Warum meinst du, dass du das Bild eines idealen Christen bist?

K: Ich tanke auf – und kann dann lange Wege laufen; lange Durststrecken durchhalten.

M: Aha – du meinst wie ein Christ, der bei Gott, im Glauben, auftankt und dann schwere Zeiten durchstehen kann.

K: Endlich haben Sie mal etwas verstanden.

M: Mmh, danke. Geduld ist übrigens auch eine christliche Tugend.

K: Ja, leider. Also: Ein anderer Punkt, der dafür spricht, dass ein Kamel das Bild eines idealen Christen ist: Ein Kamel kann auch in der Wüste leben.

M: Das hatten wir ja schon – ein Kamel hat grosses Durchhaltevermögen.

K: Nein, das meine ich nicht. Sie sehen die Wüste viel zu negativ. Die Wüste – das meint nicht «eintönig», «tödlich», «Verbannung», sondern die Wüste steht für «zur Ruhe kommen», «zu Gott finden», «sich selbst finden» …

M: Stimmt – dafür steht die Wüste in der Bibel auch, fällt mir da ein. Okay – weiter, was noch? Ah, ich weiss selber noch etwas, warum ein Kamel ein Bild eines idealen Christen ist: Ein Kamel kann grosse Lasten tragen – und es ist Träger eines Grösseren.

K: (schaut)

M: Was schaust du mich so an?

K: Naja, wenn ich daran denke, wen ich schon alles getragen habe, dann käme ich nie auf die Idee, ich sei immer Träger eines Grösseren gewesen. Und dann – diese Lasten. Also manchmal wird uns schon zu viel zugemutet. Viel zu viel.

M: Mmh, da geht es dir offenbar wie vielen Christen, die auch finden, dass ihnen oft zu viel im Leben zugemutet wird. Und dass sie nur tragen und schleppen. Und fast unter der Last zusammenbrechen. Insofern passt das schon.

K: Ja, insofern dann vielleicht doch. Hoffentlich schütteln diese Menschen dann ihre überschweren Päcklein rechtzeitig ab!

M: Ja – hoffentlich; als Christen dürften sie gerade das ja tun: Ballast abwerfen! Belastendes loswerden.

K: Ein Punkt fehlt mir noch: Als Kamel ist man viel unterwegs.

M: Du meinst: Es braucht deshalb viele Orientierungspunkte für Christen?

K: Nein, ich meinte: Wenn ein Christ meint, er hätte den Glauben, er wisse jetzt ganz genau, wer und wie Gott sei – dann bleibt man in der Entwicklung stehen. Und das ist falsch.

M: Ich verstehe. Du meinst: Als Christ ist man sein ganzes Leben unterwegs wie du. Der Glaube entwickelt sich immer weiter.

K: Genau!

M: Vielen Dank, liebes Kamel. Ich glaube, wir haben verstanden, warum du gerne hättest, dass auch ein Kamel in der Überlieferung der Weihnachtsgeschichte festgehalten worden wäre.

K: Oh, darf ich noch eines sagen?!

M: Okay.

K: Wir drei Kamele kamen aus dem Osten.

M: Ja, und?

K: Verstehen Sie nicht?

M: Nein.

K: Der Osten – das heisst Persien, Irak, Iran, Arabien und so; und wir aus dem Osten kamen nach Betlehem, das von den Römern besetzt war. Die Römer, die aus dem Westen kamen.

M: Ja, und?

K: In Betlehem – an der Krippe – trafen sich Ost und West. In Frieden! Und es begann etwas Neues.

M: Ahaa. Sehr anregend für uns heute.


Vielen Dank, liebes Kamel, für dieses Interview.

Du hast viel davon ausgesprochen, was wir als Christinnen und Christen von Weihnachten erwarten dürfen.

Erhoffen dürfen.

Das war clever.

Klug.

Vorbildlich – auch wenn ich damit nicht gesagt haben möchte, wir sollten alle Kamele werden.