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Wie aus Bildern Kunst wurde

Oder: Wie sich Bilder vom Heilsbringer zum Kunstobjekt wandelten. Ausstellung „Bilderwahl!Reformation“ bis 14. Januar 2018 im Kunsthaus Zürich.

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Breitbeinig stehen die bunt gewandeten Männer da, den Arm in die Höhe gereckt, eine untrennbare Einheit, versammelt um ihren Anführer. Dieser heisst Dietrich Arnsborg und schwört die Bürgschaft von Hannover gegen den Willen der Obrigkeit auf die Hinwendung zum neuen Glauben ein. Den basisdemokratischen Akt im Jahr 1533 hielt Ferdinand Hodler in seinem Historienbild „Einmütigkeit“ von 1913 fest. Sein überdimensioniertes Gemälde bildet den ersten von sieben Teilen der Schau „Bilderwahl.Reformation“ von Kurator Andreas Rüfenacht, die das Kunsthaus noch bis 14. Januar zeigt.

Wie die Reformation aus Heiligenbildern Kunstobjekte machte - so könnte das Motto der sehenswerten Präsentation lauten. Aber immer schön der Reihe nach. Im zweiten Teil – Reformation – erzählen sakrale mittelalterliche Werke Geschichten aus der Bibel oder aus dem Leben von Heiligen. Eine südböhmische Maria mit Kind aus Sandstein geht auf das 14. Jahrhundert zurück. Ein Ölbild von Hans Leu dem Jüngeren aus dem Jahr 1521 zeigt Johannes den Täufer, daneben prangt ein Altarflügel von Hans Leu dem Älteren. Wieder zurück im Gang fällt der Blick auf versehrte Heiligenstatuen, zu deren Füssen sich deftig-kritische Voten Zwinglis zur „Götzenverehrung“ finden.

Die Kritik der Reformatoren an der Werkgerechtigkeit und am Geschäft mit Schuld und Sühne habe sich bald auf die Heiligenverehrung und die Messe ausgeweitet, so die Ausstellungsmacher. Dies sei für die Bilder fatal gewesen, sie wurden aus den Kirchen verbannt und teilweise vernichtet. Vor allem aber habe die Reformation die sakralen Bilder ihrer „dienenden Funktion als Heilsbringer“ beraubt und ihnen dafür eine neue Bedeutung verliehen. Sie gelangten über Umwege in Museen und erlangten den Status von Kunstobjekten. Insofern habe die Reformation für die Bilder weitreichende Folgen gezeitigt.

Dass dieser tiefgreifende Bedeutungswandel von historisch-sakralen Bildern nicht linear oder gar flächendeckend verläuft, zeigt die Ausstellung gleich selber. Im Teil „Erinnerung“ etwa hält Ludwig Vogels Werk aus dem Jahr 1838 Zwinglis Abschied beim Auszug zur Schlacht bei Kappel fest. Sein Pferd scheut – ein böses Omen. Indem in jener Phase des 19. Jahrhunderts die Erinnerung an die Reformation künstlerisch verarbeitet wurde, rückte die identitätsstiftende Beschäftigung mit der vaterländischen Geschichte in den Fokus.

DSC00664.JPGHistorisch ebenfalls rückwärtsgewandt waren die so genannten Nazarener, eine Künstlergruppe auch mit Zürcher Mitgliedern, die sich im 19. Jahrhundert in Rom niederliessen und den Renaissance-Künstler Raffael als Vorbild für ihr vorreformatorisch ausgerichtetes Schaffen sahen. Die Nazarener sind etwa mit einem Bild von Melchior Paul von Deschwanden vertreten. Vollends als Gegenbewegung zur protestantischen Nüchternheit sind jene barocken italienischen Sakralbilder zu verstehen, deren Erschaffer sich durch das Bilderdekret des Konzils von Trient im Jahr 1563 gestärkt fühlten. Ihre zahlreichen Werke der Gegenreformation zieren barocke Kirchen bis heute.

Die reformatorisch-nüchterne Linie nimmt der siebte Teil „Erneuerung“ auf, der in einem kapellähnlichen Rondell zum Innehalten lädt. Mit seinem übereck stehenden Quadratbild (1925) strebt der calvinistisch geprägte Niederländer Piet Mondrian laut eigenen Aussagen nach universaler Gültigkeit. Indem seine konkrete Kunst ausschliesslich Primärfarben, rechte Winkel und reine Grundformen verwende, spiegle sie die reformierte Forderung nach der „Reinheit des Wortes“, so der Begleittext. Paradox angesichts des Versuchs der Formvollendung sei die Popularisierung der Mondrianschen Motive im modernen industriellen Design. Das Aussergewöhnliche wird zum Massenprodukt. Mit diesem spürbaren Spannungsbogen zwischen stetigen Suchprozessen und Perfektionsanspruch, zwischen Vorwärtsstreben und erinnernder Rückschau gibt dieser kreisförmige Raum typisch reformatorische Denkanstösse.

Kunsthaus Zürich, „Bilderwahl! Reformation“
60 Werke vom 16. Bis 20. Jahrhundert
1. Stock, bis 14. Januar 2018

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Für Sie aus dem Kunsthaus berichtet: Madeleine Stäubli-Roduner