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Jurorin beim Filmpreis der Kirchen: «Die Perspektive auf die Welt ist zentral»

Regisseurin und Autorin Karin Heberlein ist neue Jurorin beim Filmpreis der Kirchen am Zurich Filmfestival ZFF. Heberlein erhielt im letzten Jahr für ihren Film «Sami, Joe und ich» die Auszeichnung der Kirchen. Den Preis für den besten Film aus der Fokus-Reihe vergeben die katholische und reformierte Kirche zum fünften Mal.

Was hat Sie bewogen, als neue Jurorin beim kirchlichen Filmpreis mitzuwirken?

Karin Heberlein: Es hat mich sehr gefreut, dass ich angefragt wurde. Hauptbeweggründe sind Neugierde auf die Filme und auf den Prozess der Juryarbeit. Ich sehe es auch als eine Möglichkeit, mich für die Auszeichnung zu bedanken, etwas zurückzugeben und meine Kolleginnen und Filmemacher zu unterstützen.

«Mich interessiert es, Empathie für verschiedene Lebensrealitäten zu schaffen»

In Ihrem Film «Sami, Joe und ich» zeigten Sie die Nöte der Protagonistinnen lebensnah und authentisch, ebenso aber die Kraft von Freundschaft und Lebenslust. Die Prämierung Ihres Films passte zur Linie des neuen ZFF-Direktors, noch stärker von Stars zu Autorenfilmern zu gehen, die etwas zu sagen haben und tiefgründige Filme mit positiven Werten zu fördern. Was bedeutet ihnen persönlich ein solches Filmschaffen?

Karin Heberlein: Viel. Die Frage, welche Perspektive auf die Welt ich als Filmemacherin wähle und welchen Menschen mit ihren Lebenserfahrungen ich in den Geschichten Raum gebe, ist zentral. Es ist immer eine Entscheidung, die das eigene Weltbild widerspiegelt. Mich interessiert es, Empathie für verschiedene Lebensrealitäten zu schaffen und Menschen ins Licht zu setzen, die nicht bereits im Licht stehen.

Auf welche Kriterien werden Sie als Jurymitglied besonderen Wert legen? Was soll ein preiswürdiger Film aussagen oder bewirken?

Karin Heberlein: Je vielfältiger die Aussagen zu unserem Leben und unserer Erfahrung auf diesem Planeten sind, desto reicher und inklusiver unsere Kultur. Ein Film, dem es gelingt zu überraschen und die Zuschauer in eine unerwartete Welt zu entführen, hat ganz viel erreicht. Das kann er natürlich in den verschiedensten Genres und Erzählformen tun. Wie konsequent die gewählte Erzählung umgesetzt wird, ist sicher auch ein Faktor, den ich in die Jurydiskussionen einbringen möchte.

«Das Kino wie auch die Kirche arbeiten mit Bildern, erzählen Gleichnisse, die den Menschen viel zu sagen haben», sagte ZFF-Direktor Christian Jungen letztes Jahr im Gespräch. Worin liegt für Sie die Kraft oder der Reiz der Verbindung von spirituell-religiösen Themen und der Filmwelt?

Karin Heberlein: Unsere (europäische) Kultur ist geprägt von 2000 Jahren christlicher Religion. Ob man selber religiös ist oder nicht, spielt da nur sehr bedingt eine Rolle. Unser gemeinsamer Moralkodex ist darauf aufgebaut, wie auch unsere angelernten Strukturen, Geschichten zu erzählen. Ich glaube also, dass wir uns zwangsläufig in einer Form damit auseinandersetzen müssen, wenn wir eine Geschichte in unserem Kulturraum erzählen. Sich dagegen aufzulehnen, ist genauso eine Auseinandersetzung damit, wie die Werte fraglos zu übernehmen.

«Ich liebe Filme so wie Glaces»

Welchen Stellenwert haben Filme in Ihrem Leben, welches ist Ihr persönlicher Lieblingsfilm?

Karin Heberlein: Einen persönlichen Lieblingsfilm zu wählen, ist wie wenn man sich in einer riesigen, wirklich riesigen Gelateria für einen Geschmack entscheiden muss. Unmöglich. Manchmal ist ein leichtes Sorbet die eindeutige Wahl, manchmal eine möglichst fette Schokoladenglacekugel mit Pralinéstücken drin - beides ist wundervoll und überhaupt nicht zu vergleichen. Manchmal kriegt man auch eine Glace geschenkt. Völlig unerwartet, ohne den Geschmack selber zu wählen. Man probiert und entdeckt etwas Neues, Unbekanntes und ist fasziniert. Und ja, ich liebe Filme so wie Glaces. 

Karin Heberlein, aufgewachsen In Zürich, studierte Schauspiel an der Central School of Speech & Drama in London und trat an Theatern in England und Schottland auf. Parallel entstanden erste eigene Theaterproduktionen als Autorin und Regisseurin. Im Jahr 2006 absolvierte sie ein Masterclass Programm in Filmregie an der National Film and Television School und der Met Film School London. Sie erhielt 2012/13 ein Stipendium der Drehbuchwerkstatt München/Zürich der Hochschule für Film und Fernsehen und drehte 2015 den Kurzfilm «Linard, Monti und die Musik» mit dem Bündner Liedermacher Linard Bardill. Die freischaffende Regisseurin gewann mit ihrem ersten Langspielfilm, «Sami, Joe und ich», letztes Jahr den kirchlichen Filmpreis.  

Interview und Text: Madeleine Stäubli-Roduner


Am 30. September vergeben die Kirchen ihren Filmpreis im Rahmen des ZFF. Im Rennen sind Filme aus der Reihe «Fokus» mit Werken aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.