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Warum die Kirche ins Kino geht

Bildung & Spiritualität

Die grossen Lebensfragen und die etwas anderen Leinwandhelden: Seit fünf Jahren verleiht die kirchliche Jury am Zurich Film Festival ZFF ihren Award – eine inspirierende Liaison. 


«Das Kino wie auch die Kirche arbeiten mit Bildern, erzählen Gleichnisse, die den Menschen viel zu sagen haben.» – Keine Frage, der seit der Ausgabe 2020 amtierende ZFF-Direktor Christian Jungen vermag der anfänglich manchen vielleicht etwas exotisch anmutenden Liaison zwischen Kirche und Kino neue Perspektiven abzugewinnen und verleiht ihr argumentativ Tiefenschärfe. Das Kino sei ein Spiegel der Gesellschaft und zu dieser gehöre die Kirche, sagte Jungen im Gespräch vom Sommer 2020. «Ich finde es gut, dass wir eine Jury aus zwei Kirchen haben und ein Zeichen für die Ökumene setzen.» Dass das Miteinander der beiden Kirchen da und dort belächelt worden sei, wisse er, doch heute merke man mehr und mehr, dass es wichtig sei, miteinander zu sprechen. 

Kino wie Kirche hätten spannende Geschichten zu erzählen, was die beiden einander näher bringe, sagte Jungen, der sogar die Aussage wagte: «Ich habe das Gefühl, wenn Jesus heute auf die Welt käme, würde er Filme machen.» Die Bilderwelt sei das Medium, das die Kirche haben müsste, um Menschen anzusprechen, insbesondere die jüngere Generation, die ganz selbstverständlich mit bewegten Bildern aufwachse. Daher riet er der Kirche, sich vor allem um dieses Medium zu bemühen. 

Seinen Rat schlägt die ökumenische Jury, 2021 mit Präsidentin und Filmdozentin Lucie Bader, Kirchenrat Andrea Marco Bianca, Synodalrat Tobias Grimbacher, Regisseurin Karin Heberlein und Marie- Therese Mäder, Dozentin für Medienethik, keineswegs in den Wind. Vielmehr setzt sich die personell wechselnde Expertengruppe nun schon seit fünf Jahren engagiert und sorgfältig mit den ausgewählten Werken auseinander, die in der Kategorie «Fokus» der deutschsprachigen Erstlings-Filme zum kirchlichen Filmpreis antreten. Dieser ist mittlerweile mit 10 000 Franken dotiert. 

Von Beginn weg definierte das fünfköpfige Gremium als Ziel, die künstlerische Qualität, die biblische Sichtweise, die christliche Verantwortung und die Relevanz der Filme in Bezug auf aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen zu bewerten. Dabei hat die Jury stets Filme mit universeller Perspektive im Auge, die zudem Humanität und Menschenrechte berücksichtigen.  

Dass in dieser Wertorientierung und noch stärker in der Verbindung von spirituell-religiösen Themen und der Filmwelt eine besondere Kraft liegt, ist etwa auch für Jurorin und Regisseurin Karin Heberlein eine Tatsache. «Unsere europäische Kultur ist geprägt von 2000 Jahren christlicher Religion. Ob man selbst religiös ist oder nicht, spielt da sehr bedingt eine Rolle. Unser gemeinsamer Moralkodex ist darauf aufgebaut, wie auch unsere angelernten Strukturen, Geschichten zu erzählen», hielt sie im Kurzinterview fest. 

Zudem interessiert es sie, in Leinwandgeschichten «Empathie für verschiedene Lebensrealitäten zu schaffen und Menschen ins Licht zu setzen, die nicht bereits im Licht stehen». Denn zentral sei die Frage, welche Perspektive auf die Welt eine Filmemacherin wähle und welchen Menschen mit ihren Lebenserfahrungen sie in den Geschichten Raum gebe. 

Um Menschen, die üblicherweise nicht im Scheinwerferlicht stehen, drehten sich denn auch die kirchlich prämierten Filme der vergangenen Jahre – mit sichtlich wachsendem Realitätsbezug. Während sich der erste prämierte Film (2017) noch um die Phantastereien verwöhnter Zürich-Teenies drehte, katapultierte der dokumentarische «Welcome to Sodom»-Streifen (2018) die erschreckten Zuschauenden in eine ghanaische Müllhalde, wo unser aller Elektroschrott landet. In den folgenden Jahren kehrte die ausgewählte Szenerie geografisch in die Nähe zurück und zeichnete ihre Protagonistinnen gleichzeitig ungeschminkt und von ganz nah. So zeigte der österreichische Film «Waren einmal Revoluzzer» (2019) schonungslos, wie sich ein hehres humanitäres Engagement allzu schnell in menschlichen Irrungen und Wirrungen verliert. Im Jahr darauf lotete Karin Heberleins «Sami, Joe und ich» die Niedertracht hinter scheinbar korrekten Zürcher Fassaden aus und beschwor die Kraft der Freundschaft, während das Dokudrama «Mif» (2021) des Westschweizers Fred Baillif die bittere Realität von Gewalt und verschwiegenem Missbrauch im gebeutelten Leben junger Heimbewohnerinnen aufzeichnete.  

Wenn das Licht angeht 

Was denn bleibt, wenn das Licht angeht, das fragte am kirchlichen Filmabend 2021 bezeichnenderweise Moderatorin und Pfarrerin Sibylle Forrer, die zudem Festival-Direktor Christian Jungen eine Bühne bot. Dieser veranschaulichte erneut die Gemeinsamkeiten von Kino und Kirche, hob die Attraktivität der Kirchen als Orte zum Reflektieren hervor und nannte das Kino den Ort für Wertediskussionen, Medium der Emotionen und Augenöffner für die Welt aus der Perspektive von anderen Menschen.