Message

«Die Vielfalt bereichert uns alle»

Verkündigung & Gottesdienst

Sie ist Anlaufstelle der frankophonen Welt in Zürich und lebt den Multikulturalismus vor – die Eglise réformée zurichoise de langue française.  


«Wir denken nicht alle gleich, aber genau dies bereichert und belebt uns», sagt Christophe Kocher, 47, seit 2020 Pfarrer einer Zürcher Kirche, die Vielfalt und Inklusion seit Jahrhunderten in ihren Genen trägt. Die «Eglise réformée zurichoise de langue française» hat in ihm einen Hirten gefunden, der mit seinem Werdegang und bisherigen beruflichen Engagement diese Vielfalt geradezu verkörpert. 

Christophe Kocher wechselt beim Sprechen spielerisch zwischen Elsässisch, Deutsch und Französisch. Ebenso vielfältig präsentiert sich sein Werdegang: Er wirkte mit 27 Jahren als Hauptpfarrer in der Neuenburger Kollegiatskirche, absolvierte in Montpellier einen MBA in Marketing und Management, studierte Orgelmusik, errichtete in der Waadtländer Kirche eine Kommunikationsstelle und etablierte die evangelisch-lutherische Stadtkirche Saint-Guillaume im Herzen von Strassburg als inklusive Gemeinde. Im Frühling 2020 zog ihn das Inserat der Eglise réformée zurichoise in seinen Bann, er bewarb sich und dislozierte von Strassburg nach Dübendorf.  

Hugenottinnen, Afrikaner und Expats 

Nun sitzt Christophe Kocher in einem der Sitzungsräume seiner «paroisse» an der Schanzengasse 25 in Zürich und bietet Café und Chocolat an. «Diese Kirchgemeinde hat ein riesiges Potenzial», schwärmt er. Unter den Mitgliedern finden sich alteingesessene Französinnen mit hugenottischen Wurzeln, passionierte Liebhaber der französischen Sprache, charismatische Gläubige aus afrikanischen Ländern, französischsprachige Expats und Heimwehromands. Sie alle sind willkommen, denn für Kocher heisst inklusiv: «Wir lassen uns wirklich von allen bereichern, auch von charismatischen Menschen, denn wir sind Schwestern und Brüder in Christus.» 

Was es bedeuten kann, eingeschränkt und angefeindet zu werden, hat der Pasteur bereits als Schulbub im Nordelsass einprägsam erlebt. Da er sich als Sohn einer elsässisch-deutschen Familie an das schulische Verbot, elsässisch oder deutsch zu sprechen, nicht halten mochte, verbrachte er die Pausen meist allein und fühlte sich ungerecht behandelt. Seither empfindet er politische Korrektheit als stossend: «Ich kann bei Ungerechtigkeit nicht schweigen», sagt er und fügt an: «Das Evangelium zu leben bedeutet für mich, gegen den Strom zu schwimmen.»  

Inklusive Kirchgemeinde 

Seine Überzeugungen setzte er besonders in seinen Strassburger Jahren um, wo er sich ab dem Jahr 2013 für die kirchliche Segnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften stark machte und die Wilhelmskirche zu einem Treffpunkt für Homosexuelle und Transpersonen wurde. Saint-Guillaume entwickelte sich zu einer inklusiven Kirchgemeinde, und dies auch auf interreligiöser Ebene und mit Anlässen, an denen Rabbiner und Imame auf der Kanzel standen. 

In diese Lebensetappe fiel auch sein eigenes Comingout und die Scheidung von seiner damaligen Frau. Die Menschen in seinem Umfeld reagierten offener, als er erwartet hatte. «Nach meinem Bibelverständnis besteht die grösste Sünde nicht im Tun auf moralischer Ebene», sagt Christophe Kocher. Sie sei vielmehr eine Frage des Seins: «Es wäre sündhaft, mich nicht zu respektieren wie ich bin, denn dann kann ich auch Gott und meine Mitmenschen nicht respektieren.»  

Verbundenheit pflegen 

Kochen, Essen, Singen – während Monaten litt alles Gemeinschaftliche der Eglise réformée zurichoise unter der Pandemie. Dabei sei das Potenzial mit zwölf Konfirmandinnen, Kindergruppen, 29 Familien und zahlreichen aktiven Gruppierungen und gottesdienstlichen Angeboten in Zürich und Winterthur gross. Häufig seien die Mitwirkenden mehrsprachig, daher höre man etwa im Konfirmandenunterricht französische und deutsche Sätze. «Der Glaube und die Sprache des Glaubens, das ist eben eine Sache der Herzen», lächelt Kocher. 

Die mannigfaltigen Kontakte seiner Kirche will Christophe Kocher weiter ausbauen. Intern und extern sei die Kirche viel zu wenig bekannt, bedauert er. «Nos différences sont nos richesses», bekräftigt er beim Abschied nochmals. 


Die «Eglise» und ihre Zürcher Geschichte 

Zwischen 1683 und 1688 flüchteten rund 23 000 Hugenotten aus Frankreich nach Zürich, das damals erst 10 000 Einwohner zählte. Die Stadt nahm die Fremden als Glaubensflüchtlinge unter strengen beruflichen Auflagen auf und stellte ihnen einen französischsprachigen Pfarrer zur Seite. Diese Pfarrstelle blieb über Jahrhunderte erhalten. 

Mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt im 19. und 20. Jahrhundert liessen sich zahlreiche Romands in Zürich nieder; im Jahr 1902 errichtete die Gemeinde ihre eigene Kirche an der Schanzengasse 25.  

Heute leben rund 30 000 Personen mit französischem Pass in der Deutschschweiz, die Mehrheit davon in Kanton und Stadt Zürich. erfz.ch