Message

Tagebuch eines Aufbruchs

Gemeindeaufbau & Leitung

Die Landeskirche und ihre Kirchgemeinden sind im Aufbruch: Sie spannen zusammen und gestalten Kirche neu.
Blättern im Tagebuch eines Reformprozesses. 


Liegenschaft brachliegt und zugleich das Bedürfnis nach einem Treffpunkt im Quartier wächst? Die Kirchgemeinde Illnau-Effretikon, allen voran Mitarbeitende der Sozialdiakonie, haben die ungenutzte Ressource mit einem Bedürfnis verbunden: Sie starteten mit einer Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund, psychischer Beeinträchtigung und Freiwilligen die Bepflanzung des Grundstücks und nannten es «Treffpunkt Garten». Daraus wuchsen nicht nur Gurken und Tomaten, sondern gute Beziehungen und eine lockere Gemeinschaft, die sich auch zu Festen und Teilete-Gottesdiensten trifft. 

Oder: Was passiert, wenn eine Kirchgemeinde beschliesst, eine Kirchenbank aus ihrem festgeschraubten Kontext zu lösen und vor die Käsi, in die Alterssiedlung oder auf den Dorfplatz an der Chilbi zu stellen? Bäretswil hat dieses Experiment gewagt. Während sieben Monaten wurde die Bank zum mobilen Treffpunkt, zum Denkanstoss, zum Kunstobjekt und zu einem Signal, dass kirchliches Leben nicht nur in alten Gemäuern stattfinden kann.  

Zündende Ideen 

Die zwei Beispiele, dokumentiert und erzählt im jüngst von der Zürcher Landeskirche und dem TVZ publizierten Buch «Gemeindeentwicklung in 7 Tagen», zeigen: Es braucht manchmal eine kleine zündende Idee, die im Kirchgemeindeleben einiges in Gang setzen kann. Sie entsteht dort, wo Menschen es wagen, Kirche neu zu denken, mit neuen Formen auf Menschen zuzugehen, sie zu beteiligen und Räume für sie zu öffnen. Das ist, wenn man es so anpackt wie in den geschilderten Beispielen, ein lustvoller und motivierender Prozess. Anstösse zu einer Entwicklung und Veränderung erhalten die Kirchen aber auch von aussen: Gesellschaftliche Trends, losere oder abreissende Bindungen der Mitglieder, kleiner werdende Ressourcen verlangen nach einer Weiterentwicklung dessen, wie man in Zukunft Kirche sein kann. Die Landeskirche hat diesen Veränderungsprozess, den Kirchgemeinden reihum mittragen und gestalten, 2012 unter dem Titel KirchGemeindePlus angestossen. Ein Mittel dazu sind dabei auch Zusammenschlüsse von Gemeinden, die einerseits helfen, Ressourcen zu bündeln, andererseits aber auch einen anspruchsvollen Weg der Integration nach sich ziehen und nach einer Neuausrichtung der Gemeindeentwicklung rufen.  

Neuausrichtung im Furttal 

Wie beispielsweise im Furttal: Dort setzte sich das Pfarrteam nach der Fusion von drei Kirchgemeinden zusammen und fragte programmatisch: «Was heisst ‹das Evangelium verkünden› im Furttal? » Eine Standortanalyse machte deutlich, dass die Lebenswelten sehr unterschiedlich sind: von grossen Wohnblock-Siedlungen über gewachsene Dorfstrukturen bis hin zu Einfamilienhaussiedlungen und Weilern mit Bauernhöfen. Das Pfarrteam wollte diese Vielfalt betonen. So entstand aus der Pfarrteam-Retraite der Leitsatz «vielfalt mit gott in liebe». Um diesen nicht nur als Papiertiger enden zu lassen, gestaltete man ihn als Würfel und deklarierte eben diese Vielseitigkeit der Gemeinde spielerisch und fassbar zum Impulsgeber für die künftige Gemeindeentwicklung.  

Klimajugend im Kirchgemeindehaus 

Gemeinde entwickeln in 7 Tagen – mit der fast schon übermütigen Ansage überschreiben die Herausgeber die Publikation. Sie haben diesen Titel augenzwinkernd gesetzt, aber auch mit dem Hinweis, dass sich mit «inspirierter, gezielter und gekonnter Arbeit» in nützlicher Frist Gemeindeentwicklung in Gang setzen lässt. Und eben dazu ist die Publikation praxisorientiert aufgebaut und gespickt mit Beispielen aus der Zürcher Kirchenlandschaft. Immer auch kommen die Macherinnen und Macher vor Ort zu Wort und erzählen ihre Geschichte: Zum Thema Nutzung von Kirchenräumen erzählt beispielsweise der Stadtzürcher Kirchenpfleger Michael Braunschweig, wie es dazu kam, dass das riesige Kirchgemeindehaus in Wipkingen der Klimabewegung zur Zwischennutzung angeboten wurde und was das bei den jungen Aktivistinnen und Aktivisten auslöst. Oder man erfährt von der Kirchenpflege in Stammheim, was es heisst, eine malerische Hochzeitskapelle nicht nur in der Heiratshochsaison gut zu nutzen