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Lichtblicke auf der Gasse

Diakonie & Seelsorge

Eine warme Mahlzeit und Gemeinschaft – das Team der Sunestube des Sozialwerks Pfarrer Sieber unterstützt bedürftige Menschen Tag und Nacht. Von gelebtem Miteinander in Zeiten der Pandemie. 


Ein eiskalter Januartag, kurz vor 6 Uhr morgens. An der Ecke Militärstrasse/Langstrasse in Zürich harrt eine Schar fröstelnder Menschen auf Einlass. Um Punkt 6 Uhr öffnet sich die Tür der «Sunestube», um ihre Gäste zu bewirten. Die Gastgeber, ein Team von Festangestellten, «Zivis» und Freiwilligen, haben sich bereits eine halbe Stunde zuvor eingefunden, um Kaffee zu kochen und Brot aufzubacken. 

«Was wünscht Ihr Euch für 2021?», heisst es auf einer Schiefertafel an einer Tür. «Ein Daheim», hat jemand notiert. Und das finden die Eintretenden in der warmen Stube, wo ihnen an zugewiesenen Plätzen ein feines Frühstück serviert wird. Ein Kaffee und ein Stück Brot decken Grundbedürfnisse ab und bilden gleichzeitig einen guten Rahmen, um unkompliziert miteinander ins Gespräch zu kommen. Warum ein Gast hier ist, im Gassencafé? Welcher Rucksack sie oder ihn drückt? Dies erfahren die stets behutsam kommunizierenden Gastgeberinnen und Gastgeber manchmal beim ersten Gespräch, oft jedoch gar nie. Was einzig zählt: «Die Menschen kommen in Gemeinschaft und wir nehmen sie auf», sagt Christine Diethelm, Leiterin Sunestube und Gassenarbeit beim Sozialwerk Pfarrer Sieber. Denn die Sunestube «ist ein Café, keine Beratungsstelle », sagt Christine Diethelm. Für finanzielle, soziale oder therapeutische Beratung verweist sie auf entsprechende Anlaufstellen; bei Themen wie Beziehungsknatsch, Verlusten oder Ängsten hingegen ist ihr Team zur Stelle. Dabei hält es keine raschen Lösungen bereit, sondern unterstützt und ermutigt zur Selbständigkeit, etwa bei der Suche nach Arbeit oder einer Wohnung. Neben Mahlzeiten, Gesprächen und niederschwelliger administrativer Unterstützung bietet das Team zudem Schlafsäcke, Aussenhüllen, Mätteli und Zelte an. «Wir vermitteln ihnen: Du bist ein vollwertiger Teil dieser Gesellschaft, an deren Rand Du Dich bewegst!», sagt die Leiterin. 

Gassenarbeit und Kältepatrouille 

Es sind zu 70 Prozent Männer, mehrheitlich zwischen 35 und 55 Jahre alt, häufig ohne geregelten Aufenthaltsstatus, viele aus lateinamerikanischen oder osteuropäischen Staaten oder aus Deutschland. Die Arbeitsmigranten auf schwieriger Jobsuche werden an die Sozialarbeitenden des Brot-Egge in Seebach weitergewiesen. «Unser Zielpublikum sind Menschen mit Suchthintergrund wie Alkohol oder Drogen oder mit psychischen Problemen und Obdachlose», sagt Christine Diethelm. Sie alle suchen die wärmende Gemeinschaft und fühlen sich wohl in den Räumlichkeiten der familiären Anlaufstelle. 

Diese schliesst um 11 Uhr ihre Türen, damit das Team aufräumen, putzen und das Mittagessen vorbereiten kann. Das Essen kommt direkt aus der Grossküche des von Pfarrer Sieber gegründeten Christuszentrums, das seine Lebensmittel aus überschüssigen Beständen von Grossverteilern bezieht. «An Essen gibt es in Zürich keinen Mangel», sagt Christine Diethelm. Zwar bildeten sich während der Coronazeit auch über Mittag kleinere Warteschlangen, aber stets erhielten alle 50 bis 60 Interessierten ein vollwertiges Menu. Um 14.30 Uhr ist die Mittagszeit zu Ende, das Lokal schliesst. 

Das Gassencafé bietet in normalen Zeiten an einzelnen Nachmittagen zwischen 15 und 18 Uhr soziale Teilhabe, indem die Gäste etwa Dekorationen und Geschenke basteln, gemeinsam singen oder miteinander sogar Ausflüge in den Zoo oder zum Minigolf unternehmen. Das Fehlen dieser Gemeinschaftserlebnisse schmerzte, noch schwerer wäre jedoch ein Schliessen der Lokale wie im Frühling 2020 zu verkraften gewesen, bemerkt die Leiterin. 

«Wir sind für Menschen da, die schon vor Corona im Sozialsystem waren oder einen ungeregelten Aufenthaltsstatus haben», sagt Christine Diethelm. Sie sucht mit ihrem Team diese Menschen auch auf der Strasse auf, spricht sie an und ermutigt sie zum Besuch im Café, wo es gegen Abend noch Suppe und Snacks von der Essbar gibt.  

Auf der Strasse bis 3 Uhr früh 

Um 19 Uhr gehen in der Sunestube die Türen zu, das Team der Tagschicht wird um 19.30 Uhr heimgehen. Für Christine Diethelm ist der Arbeitstag noch nicht beendet. Bald heisst es jene Obdachlosen zu suchen, die auch im Winter den Notschlafstellen fernbleiben. Für sie steht ein Team von 20 Freiwilligen bereit, die so genannte Kältepatrouille. Diese trifft sich mehrmals pro Woche um 22.30 Uhr, fährt mit dem Auto in verschiedene Stadtquartiere und sucht zu Fuss nach Menschen, die am Waldrand, an Busendhaltestellen oder unter Brücken in eisiger Kälte übernachten. Vielleicht nehmen sie eine Jacke oder ein warmes Getränk an oder sind bereit mitzukommen und ein Plätzchen im Pfuusbus zu belegen. 

3 Uhr nachts. Die Kältepatrouille geht zu Ende, ihr Marsch durch die Quartiere hat sich über mehr als zehn Kilometer erstreckt. Christine Diethelm fährt durch die leeren Strassen heim; vermutlich liegen irgendwo da draussen noch in alte Wolldecken gehüllte Menschen. In weniger als drei Stunden werden sich an der Ecke Militärstrasse/Langstrasse wieder Warteschlangen mit Menschen bilden, die es kaum erwarten können, bis die Frühschicht der Sunestube den dampfenden Kaffee serviert.


Menschen beistehen 

  • Die Zürcher Stadtmission unterstützt im Café Yucca an der Häringstrasse im Kreis 1 mit Verpflegung und Sozialberatung. Mit der Beratungsstelle Isla Victoria in Zürich und Winterthur steht sie Personen im Sexgewerbe bei. stadtmission.ch
  • Der ökumenisch ausgerichtete Verein Incontro ist im Zürcher Langstrassenquartier aufsuchend unterwegs. Während der Corona-Krise verteilte ein Freiwilligenteam jeden Abend rund 250 warme Mahlzeiten an Bedürftige. incontro-verein.ch
  • Weitere Beratungsstellen und Seelsorgeangebote: zhref.ch/wenn-beten-alleine-nicht-reicht