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Zeit für jeden Menschen

Diakonie & Seelsorge

In Zeiten der Pandemie wächst die Arbeitslosigkeit massiv. Vor allem Arbeitnehmende mit niedrigen Löhnen sind betroffen. Die Kirchliche
Fachstelle bei Arbeitslosigkeit sucht Auswege und ermöglicht Lichtblicke.


«Unsere Klientinnen und Klienten haben Respekt und einen würdevollen Umgang zugute; wir nehmen uns Zeit für sie und verhelfen ihnen zu ihrem Recht.» Mit dieser Haltung begegnet Martin Mennen, Leiter der ökumenisch getragenen kirchlichen Fachstelle bei Arbeitslosigkeit DFA, und sein Team den ratsuchenden Menschen. Diese bewegen sich oft am unteren Ende der Einkommensskala, arbeiten unter prekären Bedingungen, müssen sich nach schwierigen Erfahrungen selbstbewusst bewerben oder finden längere Zeit nicht mehr in den Arbeitsmarkt zurück. 

Seit dem Sommer hat sich die Nachfrage deutlich erhöht, innert Jahresfrist ist die Arbeitslosigkeit im Kanton Zürich um 60 Prozent gestiegen. Der Stellenmarkt für Hilfskräfte z.B. im Gastronomiebereich ist ausgetrocknet. Die Situation hat sich gerade im Niedriglohnbereich dramatisch verschärft.

«Wie soll es gelingen, als Berater Zuversicht zu vermitteln, wenn ich selber Gefahr laufe, die Zuversicht zu verlieren?», fragt Mennen.  Die Existenzängste der Klienten kann der 55-jährige Fachstellenleiter nachvollziehen, gleichzeitig hält er es angesichts der sich verschlechternden Umstände für fahrlässig, jemandem falsche Hoffnungen auf eine rasche Wiederanstellung zu machen. Es gelte, ein realistisches Bild zu vermitteln und die Menschen zu ermutigen, ihre Kraft und ihr Selbstvertrauen auch nach unzähligen Absagen nicht zu verlieren. «Wir wollen sie in dieser Situation nicht alleinlassen und ihnen Wege zeigen, wie sie zu neuer Energie und Hoffnung kommen», sagt der Soziokulturelle Animator mit langjähriger Führungserfahrung.

In Zeiten der sozialen Distanzierung oder Isolation sei dieser Balanceakt für viele noch schwieriger geworden.  

Prekäre Arbeitsverhältnisse

Auch die Rechtsberatung der DFA sieht sich mit zusätzlichen Schwierigkeiten konfrontiert, da es für Arbeitnehmende in der aktuellen Krise riskanter geworden ist, arbeitsrechtliche Forderungen geltend zu machen. Zudem führt der Mangel an wenig qualifizierten Jobs zu einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, etwa bei Stellen auf Abruf. Ganze Branchen stützten sich auf Mitarbeitende in prekären Arbeitsverhältnissen, die als «working poor» am Rand des Existenzminimums lebten, bedauert Mennen.

Die wachsende Gruppe dieser Betroffenen zu bewältigen und gleichzeitig dem einzelnen Menschen genug Zeit zu widmen, diese Spannung müssten die Mitarbeitenden der DFA ausbalancieren. Der besondere Fokus der kirchlichen Fachstelle liegt im Unterschied zu den Institutionen der öffentlichen Hand genau darin, genügend Zeit einzusetzen, um zuzuhören und individuell Unterstützung anzubieten. Oft hören DFA-Berater: «Sie sind der Erste, der mir wirklich zuhört» – was schmerzt, jedoch gleichzeitig die Ausrichtung der Fachstelle bestätigt. «Unsere DNA beinhaltet, komplementär zur straff organisierten Grundversorgung zu wirken und uns als eine der wenigen Organisationen wirklich Zeit für Klienten nehmen zu können.» Dieses Angebot sei nicht für alle gleich wichtig, aber es sei auf jeden Fall bedeutsam für Personen mit tieferem Ausbildungsstand und schwächerer Position, die schneller in Nöte geraten.

Jobsuche mit 50 plus

Als problematischer Faktor erweist sich auch die Altersdiskriminierung, die nach langjährigen Diskussionsphasen heute öffentlich nicht mehr negiert wird. Die Algorithmen einer Online-Anmeldung filtern ältere Semester meist aus dem Bewerbungsprozess heraus, was für Betroffene oft zu längerer Arbeitslosigkeit, im schlimmeren Fall gar zu Aussteuerung und Sozialhilfe führt. Den über 50-jährigen Betroffenen nach über einjähriger Arbeitslosigkeit neues Selbstbewusstsein zu vermitteln, gehört zu den Zielen des DFA-Projekts «50plus», das nach Pilotphasen derzeit an allen drei Standorten installiert wird. Es steht idealtypisch für die Positionierung der Fachstelle, die damit eine Lücke im Angebot der öffentlichen Hand überbrückend schliesst. 

Bei der Projektumsetzung und beim Fundraising bei Stiftungen habe sich coronabedingt ein Rückstand eingestellt, aber nun sei das Projekt wieder auf Kurs, berichtet Martin Mennen.

Jeden Menschen anerkennen

Auch das Mentoring-Projekt der kirchlichen Fachstelle entstand aus einem Nachfrageüberhang: Viele Erwerbssuchende können die Forderungen der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren RAV nicht selbständig erfüllen und brauchen technische oder sprachliche Unterstützung. Im Sommer 2019 starteten die ersten Tandems von kundigen Freiwilligen und Ratsuchenden, die etwa Hilfe bei Online-Bewerbungen benötigen. Zwar hatte der Lockdown im Frühling 2020 die Anzahl Mentoring-Teams halbiert, doch im Herbst nahmen sie wieder Fahrt auf.

Unter den Mentorinnen gibt es beispielsweise «Businessfrauen, die es als erfüllend erleben, weniger privilegierte Menschen konkret und sinnvoll zu unterstützen».

In allen Beratungen der Fachstelle, die von Bewerbungsdossiers über Zeugnisintervention bis zum Ergreifen von Rechtsmitteln reichen, geht es um die würdevolle Begleitung von Klientinnen und Klienten. Diese sollen Erlebtes verarbeiten, lähmende Bitterkeit ablegen, den Kopf befreien und sich wieder öffnen für die Zukunft.


Kirchliche Hilfe bei Arbeitslosigkeit DFA: Die Fachstelle unterstützt an drei Standorten in Zürich, Winterthur und Uster unent­geltlich Personen auf Arbeits­suche oder in schwierigen Arbeitsbedingungen. Die Fachstelle ist ein ökumenisch getragenes Angebot der refor­mierten Landeskirche und der katholischen Körperschaft des Kantons Zürich. Der Kirchenrat genehmigte im Herbst einen Zusatzkredit über CHF 50 000 für die Jahre 2020
und 2021 für eine vorüberge­hende Erhöhung des Stellen­etats zur Bewältigung des zusätzlichen Beratungsbedarfs aufgrund der Corona­-Pande­
mie.
www.dfa.ch