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Gemeinde zusammen bauen

Gemeindeaufbau & Leitung

Seit 1. Januar 2020 sind die ehemaligen Kirchgemeinden Adliswil und Langnau am Albis als neu formierte Kirchgemeinde Sihltal gemeinsam
unterwegs. Wie gut gelang die Integration – und wo muss man noch nachbessern?


Zwei stattliche Kirchgemeinden zu einer zusammenzuführen, ist ein grosses Unterfangen und eine mehrjährige Reise. Im Sihltal haben die Kirchenpflegen von Adliswil und Langnau am Albis vor fünf Jahren zu sondieren begonnen und sich dann auf den Weg gemacht. Am 1. Januar 2020 haben sie das Ziel erreicht und sind seither als Kirchgemeinde Sihltal gemeinsam unterwegs. Hat sich die Reise gelohnt? Ist der Zusammenschluss gelungen? Und wie baut man zusammen weiter an einer ebendigen und vielfältigen Kirche?

Wenn Erwin Oertli, Präsident der heutigen Kirchgemeinde Sihltal, auf das erste Jahr der frisch fusionierten Gemeinde zurückschaut, fällt sein Fazit positiv aus. «Es hat sich gelohnt, diese intensive und jahrelange Vorbereitung, die man für so ein Zusammenkommen braucht, zu investieren.» Die Bündelung der Kräfte, der Erhalt der Stellen und das Aufrechterhalten der vielfältigen Angebote sei gelungen. «Unsere Gemeinde ist für die Zukunft gut aufgestellt. Wir konnten das vielfältige Angebot der Kirchen an den beiden Standorten beibehalten oder sogar noch ausbauen – und wir sind auch gerüstet, wenn die Mitgliederzahl kleiner wird.»

Bereit für den Praxistest

Der Integrationsprozess, namentlich das Zusammenwachsen an der Basis der nunmehr über 6000 Mitglieder zählenden Kirchgemeinde, sei allerdings noch lange nicht abgeschlossen. Wie sollte es auch? Keine zwei Monate nach dem offiziellen Start wurde das Gemeindeleben durch die Pandemie eingefroren. Das für das gegenseitige Kennenlernen so wichtige Treffen der über 150 freiwillig Engagierten der neuen Grossgemeinde musste abgesagt werden. Genauso wie das grosse Einweihungsfest, das an Pfingsten hätte über die Bühne gehen sollen. Der informelle, spontane Austausch fehlt. Auch für die Angebote im religionspädagogischen Bereich, die Arbeit mit Konfirmanden, aber auch im Bereich der Angebote für Senioren, die man vermehrt gemeinsam gestalten will, ist es schwierig, nach einem Jahr Bilanz zu ziehen. Zu viel musste generell abgesagt werden. Die Strukturen und das Team der Mitarbeitenden sind allerdings bereit für den Praxistest.

Das nun achtköpfige Pfarrteam – alle mit Teilzeitpensen ausgerüstet – und zwei Mitarbeitende der Sozialdiakonie gestalten zusammen mit dem Verwaltungs- und Sigristenteam das Gemeindeleben an den beiden Standorten. Gegenseitige Ablösungen und Austausche im Bereich Gottesdienste hatte man bereits vor der offiziellen Fusion gemacht.

Die Sekretariate – weiterhin in Adliswil und Langnau offen – sind eng miteinander vernetzt und von einer gemeinsamen Leitung geführt. Dass sie nicht komplett zusammengelegt wurden und an beiden

Orten präsent bleiben, ist sinnvoll und trägt den unterschiedlichen Kulturen der zusammengeführten Gemeinden Rechnung, sagt Erwin Oertli. Langnau ist eine eher dörflich geprägte Gemeinde mit traditionell offenem Kirchgemeindehaus, in dem das Sekretariat eine wichtige Drehscheibenfunktion einnimmt. In Adliswil sind die kirchlichen Liegenschaften im Zentrum der Stadt um den Park- und Spielplatz gruppiert. Auch dort bleibt die Präsenz von Verwaltung, Pfarramt und Mitarbeitenden vor Ort wichtig.

Kulturwandel

Die Rücksichtnahme auf lokale Eigenheiten und die offene Kommunikation über alle Teilschritte auf dem Weg zur Fusion dürften dazu beigetragen haben, dass dem Zusammenschlussbestreben der beiden Gemeinden in all den Jahren der Vorbereitung und Umsetzung nur wenig Widerstand erwuchs. Die Fusion wurde schliesslich auch von den Mitgliedern an der Urne mit über 89 Prozent der Stimmen überdeutlich gutgeheissen. Nur der Start des Prozesses sei harzig gewesen, sagt Erwin Oertli, wenn man ihn nach den Stolpersteinen fragt. Ursprünglich diskutierte man die Fusionspläne in noch grösserem Rahmen mit Rüschlikon und Kilchberg. Die Sondierungen für den Zusammenschluss der vier Gemeinden zeigten aber keinen Erfolg.

Bei Adliswil und Langnau aber wuchs die Überzeugung, dass man zusammen die nötige Grösse erreichen kann, um das Gemeindeleben an unterschiedlichen Orten vielfältig und profiliert und zukunftsorientiert weiterzuentwickeln. Die Kirchgemeinde Sihltal ist gut unterwegs und – so mutmasst Erwin Oertli – es könne sogar sein, dass das, was die Kirchgemeinden vorgelebt haben, in einigen Jahren auch von den politischen Gemeinden nachvollzogen wird. 


«KirchGemeindePlus» - so läuft der Reformprozess: Seit 2012 ist die Landeskirche auf dem Weg, sich zukunftsfähig auszu­richten: Zusammenschlüsse von Kirchgemeinden sollen Kräfte bün­deln und neue Räume schaffen, damit die Kirche das Gemeindeleben vielfältig und nahe bei den Menschen gestalten kann. Das ist die Vision des von Kirchensynode und Kirchenrat angestossenen und mit dem Titel «KirchGemeindePlus» versehenen Prozesses. Ein Grossteil der Kirchge­meinden hat sich ihm angeschlossen und treibt ihn in eigener Verantwor­
tung weiter.

Wie gut kommt der Reformprozess voran? Wie kann er gefördert wer­den? Um diese Fragen nicht nur aus der Binnenperspektive zu beantwor­ten, untersucht das unabhängige Forschungsinstitut Interface den Prozess. Seit Dezember 2020 liegt ein Zwischenbericht mit Empfehlun­gen vor: Beispielsweise bedarf es gemäss der Expertise für die inhalt­lich­theologische Weiterentwicklung und die Entwicklung von innovativen
Kirchenformen weiterer Unterstüt­zung durch die Landeskirche sowie partizipativer Prozesse mit Einbezug von Kapiteln, Kirchen­ und Bezirks­
kirchenpflegen. Und: Kirchgemein­den, die den Zusammenschluss vollzogen haben, brauchen bei der inhaltlichen Gemeindeentwicklung und der Organisationsstruktur Unter­stützung.

Der Kirchenrat bewertet den Bericht positiv und hält fest, dass einige der Empfehlungen bereits in Umsetzung sind: Die Empfehlung zur vermehrten Partizipation von Mitarbeitenden und Behörden zur inhaltlichen Entwick­lung des Prozesses begrüsst er und weitet sie aus: «Nicht nur Profis, alle gestalten Kirche und haben das Potenzial, mit ihrem Engagement die inhaltliche Entwicklung ihrer Kirchge­
meinde voranzutreiben.»

Die Begleitforschung beobachtet den Prozess bis ins Jahr 2023.