Message

Gottesdienst feiern auf neuen Kanälen

Verkündigung & Gottesdienst

Predigen vor der Kamera, Abendmahl vor dem Laptop und Choräle im Gruppenchat – Gottesdienste fanden 2020 zu grossen Teilen digital statt. Den technischen Sprung in der Krise meisterten die Kirchgemeinden kreativ und entwickelten in Windeseile neues Knowhow.


Wer das Abendmahl vor dem Laptop einnimmt, Lieder dank Screentexten mitsingt und im Live Chat rasch der Pfarrerin schreibt, kann sich dabei nur schwerlich vorstellen, wie aufwendig der locker wirkende Online-Gottesdienst ist. Seine Produktion erfordert Planung, technisches Know-how und künstlerische Intuition. Wie gut eignet sich Kirche überhaupt als Bühne für elektronische Übermittlung? Worauf gilt es besonders zu achten, damit Zuschauende optimal angesprochen und einbezogen werden? Mit diesen Fragen sahen sich Verantwortliche aus Zürcher Kirchgemeinden im Jahr der Pandemie und der Versammlungs- und Gottesdienstverbote konfrontiert.

Drehtag in Wetzikon

Die Kirche eigne sich gut als Drehort für Aufnahmen, sagt Lukas Zünd, der als Regisseur mit Mastertitel einer Filmhochschule nach seinem
Quereinsteigerstudium der Theologie im Pfarramt von Wetzikon wirkt. Aber man müsse Hintergrund und Licht sehr sorgfältig auswählen. «Es reicht
nicht zu sagen: Wir filmen die Kirche, während die Pfarrperson dort steht, wo sie immer spricht.» Es gelte zu überlegen, wie sie in der Kamera wirke.
Das Wetziker Team legte deshalb fest, Gottesdienste vorher aufzunehmen, zu schneiden und jeweils am Samstagabend ins Netz zu stellen. Für die
aufwendigen Gottesdienste setzt es einen ganzen Drehtag, zwei Tage für den Schnitt und etwa eineinhalb Tage für die weitere Nachbearbeitung wie
Farbkorrektur, Grafik und Hochladen auf Youtube ein. Für normale Sonntagsgottesdienste wird das Video in zwei Stunden gedreht und in drei Stunden
geschnitten. Man werde mit der Zeit auch routinierter, heisst es in Wetzikon, wo man mit den kirchlich engagierten Jugendlichen aus dem «Creative Team»
zusammenarbeitet. Über die Video- und Fotoarbeit innerhalb der Jugendarbeit in Wetzikon haben die Jugendlichen schon ein hohes Niveau erreicht, einige möchten es später auch professionell weiterführen. 

Die Grammatik der Filmsprache

Der Kreativität der Produzenten ist kaum eine Grenze gesetzt. So verwenden etwa die Wetziker bei Aufnahmen der Band eine bewegte Kamera
oder lassen auch einmal Filmeinspielungen einfliessen. Grundsätzlich sei die Abwechslung von Einstellungsgrössen wie im richtigen Kino empfehlenswert, sagt Lukas Zünd. «Bei aller reformierten Nüchternheit und Ablehnung der Effekthascherei: Wir wollen den Menschen, der das Wort Gottes auslegt und predigt, von nahe sehen. Wir wollen sehen, ob er glaubt, was er predigt, das geht nicht in einer Supertotalen.»

Gottesdienste auf Tele Züri

Bei der Produktion von TV- und Online-Gottesdiensten ging auch die Kirchgemeinde der Stadt Zürich professionell ans Werk. Mit Beginn des Lockdowns am 13. März 2020 lancierte die Kirchgemeinde die ersten Online-Gottesdienste, die auf Tele Züri übertragen und auf Youtube gezeigt wurden. Ab 29. März zeichnete sie jeden Sonntag und zusätzlich an Karfreitag und Auffahrt einen Gottesdienst auf.

Vielfalt der Schauplätze

Von Anfang an setzte man in Zürich auf eine Vielfalt der Schauplätze und der Gottesdienstgestaltung: Einmal war die reformierte Jugendkirche «Streetchurch» Schauplatz des Gottesdienstes, ein andermal die Kirche im Unispital oder man begrüsste das Publikum aus einer der zahlreichen Kirchen der Stadt.

Der Erfolg der Online-Gottesdienste kam nach Aussage von Michael Braunschweig, Vizepräsident der Kirchgemeinde, durch den Einsatz von Pfarrerinnen und Pfarrern, Musizierenden und weiteren Mitarbeitenden zustande. «Mit viel Engagement, kreativen Ideen und besonderer Musik, an ungewöhnlichen Orten oder mit provokanten Thesen überraschten sie die am Bildschirm Mitfeiernden.»

Diese theologische und musikalische Vielfalt hat eine erfreuliche Resonanz ausgelöst. Im gesamten Zeitraum erreichten die Sendungen zwischen 2000
und knapp 20 000 Personen, bei Youtube schauten zwischen 250 und 2300 Interessierte aller Alterskategorien zu.

Was den Verantwortlichen auch in Zürich schon früh klar wurde: Es reicht nicht, einfach einen Gottesdienst als solchen aufzuzeichnen und ihn ins
Netz zu stellen. Die ästhetischen Qualitätsansprüche sind am Bildschirm höher als bei einer physischen Teilnahme. Zudem müssen auch die Inhalte in
kürzeren Einheiten präsentiert werden. «Eine 15-minütige Predigt ist dabei genauso wenig geeignet wie ein opulentes klassisches Musikwerk von
fünf oder mehr Minuten», sagt Jutta Lang, Kommunikationsbeauftragte der Kirchgemeinde Zürich. 

Digitale Glanzlichter im Advent: Hoffnung? – Ja, jetzt erst recht! In der Vorweihachtszeit 2020 haben viele Kirchgemeinden mit digitalen Adventskalendern die frohe Botschaft zu den Menschen gebracht. Auch die Landeskirche produzierte täglich Kurzbeiträge mit musikalischen Clips und ermutigenden Wortbeiträgen von Theologinnen und Theologen und bekannten Akteuren der Zürcher Kirche.